Chance für den BVB – und für Thomas Tuchel

Foto: imago/DeFodi
Kolumnistin Helge Winter macht nach dem plötzlichen Rücktritt von Jürgen Klopp und der Verpflichtung Thomas Tuchels Verunsicherung bei den Fans aus.

Dortmund. Thomas Tuchel also. Nachdem Jürgen Klopp seinen Abschied aus Dortmund verkündete und der Hamburger Sportverein die Verpflichtung von Bruno Labbadia präsentierte, war es eigentlich schon klar, wer nun der neue Chefcoach beim BVB werden wird. Nun ist es also offiziell. Und die Fans sind verunsichert.

Eine extra Pressekonferenz wurde letzte Woche Mittwoch anberaumt; den Tränen nahe ließ Klopp die Bombe platzen, die eigentlich schon gar keine mehr war. Eine Onlinezeitung hatte es schließlich schon ausgeplaudert. Klopp konnte vorher noch nicht einmal die Spieler informieren. Die Fans waren schockiert, die Medien überschlugen sich.

Beiläufig die Verpflichtung Tuchels verkündet

Fast schon beiläufig – ganz ohne Pressekonferenz – teilte Borussia Dortmund dann am Sonntag mit, dass Thomas Tuchel der Nachfolger von Jürgen Klopp sein wird, mit einem Arbeitspapier ab dem 1. Juli 2015. Für drei ganze Jahre. In Dortmund bittet man „um Verständnis dafür, dass sich alle Beteiligten bis zu diesem Zeitpunkt nicht zur Sache äußern werden“. Dabei wollte man beim BVB vor einigen Tagen angeblich noch gar nichts von Tuchel wissen: „Ich warne davor, zu eindimensional in Richtung Thomas Tuchel zu denken“, sagte Aki Watzke der Osthessen-Zeitung. Wovor er letztendlich gewarnt hat und warum? Das wird wohl nur er wissen. Die Sache ist in trockenen Tüchern – und selbst wenn nicht – eine „Warnung“ scheint an dieser Stelle unangebracht. Vielleicht nimmt man sich im Fußballbusiness einfach manchmal etwas zu wichtig. Das ist aber ein anderes Thema, welches an anderer Stelle diskutiert werden kann.

Der kommende Abschied von „Kloppo“, wie viele unseren Trainer fast schon liebevoll nennen, ist also noch gar nicht richtig verdaut, da müssen sich die Anhänger von Schwarzgelb schon mit Thomas Tuchel abfinden. Abfinden? Ja, denn der 41-Jährige polarisiert die Fangemeinde. Die einen freuen sich auf den Ex-Mainzer, er würde schließlich Klopp sehr ähneln, wäre also ein perfekter Nachfolger, würde gut ins „System Dortmund“ passen. Genau diese Tatsache ist manchen aber ein Dorn im Auge – wo wäre schließlich die Weiterentwicklung für die Borussia, wenn ein vermeintlicher Klopp-Klon übernimmt? Hätte unser Trainer dann nicht einfach bleiben können?

Neue Saison bringt neue Chancen

Jein. Natürlich bringt die neue Saison auch neue Chancen, Spieler werden den Verein verlassen, neue werden kommen. Wer weiß, wo Jürgen Klopp den BVB in der kommenden Spielzeit also hätte hinführen können? Und die laufende ist noch nicht einmal vorbei, es winkt noch immer der DFB-Pokal, Europa ist noch immer zum Greifen nah. Vielleicht wirkt die Vertragsauflösung also tatsächlich voreilig. Klopp und die Borussia, das gehört doch schließlich zusammen?

Aber diese Partnerschaft hat das verflixte siebte Jahr nun einmal nicht überstanden, für den Trainer ist die Trennung nun das Beste. Es darf auch etwas getrauert werden, aber im Juli wird es weitergehen, mit einem neuen Coach, der die Spieler hoffentlich wieder zu Höchstleistungen motivieren wird. Die Mannschaft wird – mit neuen und den dabeigebliebenen Spielern – wieder um Tore und Titel kämpfen, vielleicht sogar den DFB-Pokal verteidigen und in der Europa League antreten. Die Borussia hat nun die Chance zu beweisen, dass die letzten Jahre und Erfolge nicht die Ausnahme waren, sondern dass nur die letzte Spielzeit eine war und bleiben wird.

Tuchel hat eine Chance verdient

Welcher Trainer unseren Verein letztendlich zum Erfolg führen will, ist dabei doch egal. Falls Thomas Tuchel sich nicht beweisen kann oder wirklich der Unsympath ist, als den ihn einige Medien darstellen, wird ein anderer kommen. Auch von vielen Fans habe ich gehört, er sei „ein Choleriker“, „unsympathisch“ oder gar „der schlimmste Typ nach Magath“. Woher wisst ihr das? - frage ich mich. Gebt ihm eine Chance, macht euch euer eigenes Bild; etwas anderes wird euch ohnehin nicht übrig bleiben.

Und mal ganz ehrlich: Wollen wir einen aalglatten Trainer ohne Ecken und Kanten? Einer wie Tuchel passt doch gut zu uns, einer, der seine Meinung sagt, der sich nicht verstellt. Ein junger Trainer, der den Zeitgeist von Borussia Dortmund widerspiegelt. Ich jedenfalls bin froh, keinen Pep Guardiola an der Seitenlinie stehen zu haben und freue mich darauf, was die neue Saison bereit hält. Ich bin gespannt, wie viel von Jürgen Klopp im Team gesteckt hat und inwieweit Thomas Tuchel der Mannschaft seinen Stempel aufdrücken wird.

20.04.2015, Helge Winter (Gib mich DIE KIRSCHE)

 
 

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