BVB-Stürmer Zidan sorgt sich um seine Familie

Thorsten Schabelon
Mohamed Zidan
Mohamed Zidan
Das Spiel der Spiele zwischen Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 steht bevor, aber BVB-Profi Mohamed Zidan ist in Gedanken bei seiner Familie in Ägypten. Zidans Eltern und viele gute Freunde leben in Kairo.

Dortmund. Seine Kollegen waren längst in der Kabine. Doch Mohamed Zidan blieb draußen, in der abendlichen Kälte von Dortmund-Brackel. Vielleicht wollte er etwas raus aus dem Trubel, ein bisschen für sich sein. Der Ägypter in Diensten von Borussia Dortmund feilte noch bis kurz nach 21 Uhr an seinen Freistößen.

Es klappte ganz gut, doch seine Gedanken waren wohl ganz woanders, fast 3100 Kilometer südlich. In seiner Heimat, wo der Fußballer Zidan als Volksheld verehrt wird. Aber auch Volkshelden sind in unruhigen Zeiten ganz normale Menschen. „Ich sorge mich sehr um meine Familie“, sagte der 29-Jährige am Mittwochabend.

Während die Fußball-Fans dem Revierderby entgegenfiebern, ist der Fußballer Zidan, mit seinen Gedanken in weiter Ferne: Die Eltern des Ägypters und viele gute Freunde leben in Kairo. In der Hauptstadt, die am schlimmsten von Demonstrationen, blutigen Straßenschlachten und Plünderungen betroffen ist. „Ich bin sehr beunruhigt über die Lage in meiner Heimat“, sagt Zidan. Und er verschlingt in jeder freien Sekunde Bilder, die die TV-Sender Al Arabija und Al Dschazira aus Ägypten auf die Bildschirme in seine Wohnung übertragen.

Zidan hat gerne viele Menschen um sich

Zidan ist als lebhafter Zeitgenosse bekannt, er hat gerne viele Menschen und viel Musik um sich. Im Moment aber will Zidan allein sein, mit Lebensgefährtin Stina und Söhnchen Adam, der es zumindest manchmal schafft, mit seinem hungrigen Schreien den Schatten der Angst zu vertreiben.

Vor genau einem Jahr sah das alles noch ganz anders aus. Anfang Februar 2010: Ägypten hat gerade den Afrika-Cup gewonnen. Die Kicker werden schon auf dem Flughafen von Kairo empfangen. Staatspräsident Hosni Mubarak begrüßt die Helden. Beim Triumphzug durch Kairo steht Zidan an der Spitze. Er hat im Finale gegen Ghana das entscheidende 1:0 vorbereitet. „Es ist Wahnsinn, wie uns die Leute gefeiert haben. Unter dem Balkon meiner Wohnung haben sich 6000 Menschen versammelt.“

Zidan kehrt nach Deutschland zurück, spielt für seinen BVB eine überragende Bundesliga-Rückrunde. „Jetzt kaufen wir dir ein E für deinen Nachnamen“, scherzen die Mitspieler in Anlehnung an den großen Zinedine Zidane. Der BVB-Zidan lacht dann.

Im April wird sein Höhenflug jäh gebremst. Ein Kreuzband reißt. Sechs Monate Pause. Als Zidan die Familie in Ägypten besucht, darf er seine Heimat plötzlich nicht mehr verlassen. Ihm droht die Einberufung zur Armee. Ausreiseverbot. Der 29-Jährige kämpft sich durch die Reha, wird vom Wehrdienst befreit. Kurz vor Weihnachten, als sein Comeback greifbar ist, darf er sich über die Geburt seines Sohnes Adam freuen. „Ein unglaublicher Moment“, schwärmt er.

Am vergangenen Samstag stand Zidan erstmals wieder auf dem Bundesliga-Rasen. Da haben ihn die schlechten Nachrichten aus der Heimat aber längst eingeholt. „Wir saßen im Zug nach Wolfsburg nebeneinander, haben über Ägypten gesprochen. Man merkte, wie bedrückt er ist und wie er sich um seine Familie sorgt“, sagt BVB-Kapitän Roman Weidenfeller. „Mo weiß um die Gefahr. Das beschäftigt ihn sehr“, hat Mitspieler Neven Subotic beobachtet, dessen Familie einst im Bürgerkrieg aus Jugoslawien flüchten musste.

Zidan hat reagiert. „Zwei meiner Schwestern, die in Kairo studieren, habe ich nach Dänemark geschickt.“ Dort studieren bereits zwei seiner Brüder. Seine Eltern sollen aber jetzt in Kairo bei der dritten Schwester bleiben, die in nächster Zeit ein Baby erwartet. „Sie verlassen kaum das Haus“, berichtet Zidan. In den letzten Tagen konnte er zumindest mit ihnen telefonieren. Zuvor hatte die ägyptische Regierung zeitweilig Telefon und Internet abgeschaltet. Inzwischen haben ihm die Eltern berichtet, bei ihnen sei „alles in Ordnung“, sagt Zidan, „aber es kann ja jederzeit etwas passieren. Deswegen habe ich auch jetzt noch Angst.“