BVB-Profi Kirch will spielen, "solange die Füße tragen"

Oliver Kirch (r.), hier im Test gegen Chievo Verona, sieht sich selbst am liebsten als alleinigen Sechser oder als Teil der Doppelsechs.
Oliver Kirch (r.), hier im Test gegen Chievo Verona, sieht sich selbst am liebsten als alleinigen Sechser oder als Teil der Doppelsechs.
Foto: imago
32 Jahre alt wird Oliver Kirch in diesem Jahr - ans Karriereende aber will der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund noch lange nicht denken. Kein Wunder, derzeit ist er auf der Höhepunkt seines Schaffens. Im Interview spricht er über sein schönstes Jahr als Fußballer, seine Saisonziele - und modische Trendsetter beim BVB.

Bad Ragaz.. Oliver Kirch sitzt entspannt auf der Terrasse des Grand Resort Bad Ragaz. Schon zum vierten Mal in Folge verbringt Borussia Dortmund hier einen Teil der Sommervorbereitung, zum dritten Mal ist Kirch dabei. Damit war noch vor einem halben Jahr nicht unbedingt zu rechnen, denn der Mittelfeldspieler spielte beim BVB allenfalls eine Nebenrolle - doch dann folgte das schönste halbe Jahr seiner Karriere.

Privat läuft es schon länger gut für den 31-Jährigen: 2011 heiratete er das Model Jana Flötotto, die auch Mode verkauft. Ihr Mann ist also nicht nur zum Thema Fußball ein kundiger Gesprächspartner.

Oliver Kirch, ich würde gerne ein Fachgespräch über Mode und Fußball führen.

Oliver Kirch: Um Gottes Willen. Hätte ich das vorher gewusst...

Ihre Frau ist als Model erfolgreich und besitzt zwei Mode-Boutiquen. Wie oft hört man da den Satz: So kannst du doch nicht rausgehen, zieh dir etwas Vernünftiges an?

Kirch: (lacht) Den höre ich Gott sei Dank nicht mehr. Ein gutes Zeichen, oder?

Nicht mehr? Das heißt, es gab ihn durchaus schon?

Kirch: Nein. Als wir uns kennengelernt haben, war vielleicht noch das eine oder andere im Kleiderschrank, was nicht unbedingt ihr Lieblingsstück war. Aber man passt sich ja auch im Laufe einer Beziehung an. Deswegen haben wir da keine Probleme mehr - wir haben aber eigentlich noch nie welche gehabt.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, Sie seien an den schönen Dingen des Lebens interessiert: Architektur, Möbel, auch Mode? Ist Ihnen Ihr eigenes Äußeres wichtig?

Kirch: Ich bin nicht eitler als andere Spieler. Ich mache nicht mehr, ich gehe genauso oft zum Friseur. Ich lege da keinen gesteigerten Wert drauf. Was ich meinte: Wenn ich durch die Gegend gucke, fallen mir eben Dinge auf, die ich schön finde. Manchmal mache ich auch ein Foto davon, um es zu archivieren.

Fallen Ihnen da auch Mitspieler auf? Wer sind die modischen Trendsetter beim BVB?

Kirch: Natürlich Auba (Pierre-Emerick Aubameyang, Anmerkung der Redaktion). Ich habe ja auch schon ein paar Dinge gesehen in verschiedenen Mannschaften. Aber der toppt alles, was seine modischen Highlights angeht. Aber ansonsten haben wir schon ein paar Leute, die immer mal wieder überraschend durch die Kabinentür kommen (lacht).

Auch im negativen Sinne? Gibt es welche, die dringend mal eine Stilberatung bräuchten?

Kirch: Da fällt mir spontan keiner ein.

Kirch kann sich den Einstieg ins Modegeschäft vorstellen

Ist die Modeschiene eine Option für Sie nach der Fußball-Karriere? Zum Beispiel bei Ihrer Frau in die Boutique mit einzusteigen?

Kirch: Die Überlegung gibt es. Aber das ist für mich noch weit weg, ich habe da noch keine konkreten Pläne. Die Boutique macht ja nunmal Jana mit ihrem Bruder und der gesamten Familie. Und die machen das sehr gut. Ich weiß nicht, ob ich da unbedingt mit reinmuss. Ich habe auch ganz viele andere Ideen, was ich machen könnte, wenn meine Karriere vorbei ist, in fünf bis zehn Jahren (lacht).

In zehn Jahren wären Sie 41. Normalerweise nehmen bei Fußballern in Ihrem Alter die Fragen nach dem Karriereende zu. Sie aber sind jetzt erst auf der Höhe Ihres Schaffens angekommen.

Kirch: Ich verschwende überhaupt keinen Gedanken an diese Zahl 31. Das letzte halbe Jahr war das schönste, was ich im Fußball erlebt habe. Und die Zeit soll ja weitergehen und das möglichst lange. Deswegen setze ich mir jetzt überhaupt keine Frist. Ich mache, solange die Füße tragen.

Sie galten vielen schon als abgeschrieben beim BVB. Dann kam das Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid, bei dem Sie ein überragendes Spiel gemacht haben. Verspürt man da auch Genugtuung?

Kirch: Natürlich, denn die Zeit davor war nicht so einfach. Da waren schon ein paar Nackenschläge dabei. Aber es spricht auch für mich, dass ich mich nicht habe unterkriegen lassen. Ich habe mich nie hängen lassen, habe nie den Mund aufgemacht, sondern weiter gearbeitet und das wurde am Ende belohnt. Das freut mich am meisten.

Trainer Jürgen Klopp hat damals gesagt, er habe in Ihre Augen geguckt und gesehen, dass es klick gemacht habe bei Ihnen. Was hat er gemeint?

Kirch: (lacht) Das weiß ich bis heute auch nicht so richtig. Ich kann diesen Zeitpunkt, an dem es klick gemacht haben soll, nicht definieren, weil ich ihn nicht kenne. Ich fand, dass ich in der gesamten Saison schon in einer guten Verfassung war. Auch in der Hinrunde, in der ich keine Einsätze bekommen habe. Ich habe in der Vorbereitung und in Testspielen meine Sache ganz ordentlich gemacht und mich im Training sowieso immer reingehängt. Deswegen freut es mich einfach, dass diese Arbeit letztendlich belohnt wurde.

Aus der Tiefe heraus sieht Kirch seine größte Stärken

Ärgern Sie sich angesichts solcher Highlight-Spiele wie gegen Madrid manchmal darüber, dass sie nicht schon vor zehn Jahren so gut gespielt haben?

Kirch: Nein, gar nicht. Das wäre der völlig falsche Ansatz. Ich bin auch niemand, der dem nachtrauert. Es ist nunmal jetzt, und jetzt ist es genauso schön, wie es vor zehn Jahren gewesen wäre. Und wenn ich jetzt die Jahre, die ich nicht in dieser Verfassung spielen konnte, hinten dran hänge, ist es auch in Ordnung.

Ihre besten Spiele haben Sie in einem 4-1-4-1-System gemacht, als zentraler Spieler vor der Abwehr. Ist das die Aufstellung, die am besten zu Ihnen passt?

Kirch: Nein. Wir haben in verschiedenen Systemen gut gespielt und da gehört auch ein 4-2-3-1 zu. Das sind aber schon meine Lieblingspositionen, auf der Doppelsechs oder als alleiniger Sechser. Ich könnte auch auf der Acht spielen. Aber etwas zurückgezogenen, aus der Tiefe, habe ich meine größten Stärken.

In den Testspielen wurden bisher viele unterschiedliche Systemvarianten ausprobiert. Der BVB scheint durch die Neuzugänge deutlich variabler geworden zu sein.

Kirch: Ich glaube, das war auch das Ziel. Es wurde uns in den vergangenen Jahren ja oft vorgehalten, dass wir Spieler nicht gleichwertig ersetzen können oder dass wir Spieler zu lange durchziehen müssen, die sich dann verletzt haben. Jetzt kann es der Schlüssel für die neue Saison sein, dass wir sehr breit und variabel aufgestellt sind. Wenn wirklich alle da sind und wir uns gefunden haben, haben wir jedes Wochenende ein paar Optionen, für die sich der Trainer entscheiden muss. Da wird es sicherlich auch härtere Entscheidungen geben. Aber die Auswahl ist schon gut.

Kirch sieht den BVB "irgendwo eigentlich mal an der Reihe"

Mit Robert Lewandowski fehlt allerdings der überragende Stürmer der vergangenen Jahre. Ist die Mannschaft trotzdem stärker als in der vergangenen Saison?

Kirch: Das kann man jetzt noch nicht sagen. Lewy ist ein Spieler, den du nicht sofort eins zu eins ersetzen kannst. Das muss einfach wachsen, da muss jeder auch ein Stück reinwachsen - die Spieler, die schon da sind und die, die neu dazugekommen sind. Das wird sich im Laufe der Saison zeigen. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das auffangen können.

Und deswegen wird der BVB Deutscher Meister?

Kirch: (lacht) Deswegen werden wir eine gute Rolle spielen, mit ähnlichen Zielen wie im letzten Jahr. Das ist zum einen die Champions-League-Qualifikation. Und was sonst in anderen Wettbewerben möglich ist, werden wir sehen. Letztes Jahr waren wir schon nah dran, davor in einem anderen Wettbewerb - irgendwo wären wir eigentlich mal an der Reihe dieses Jahr.

Was muss passieren, damit Oliver Kirch am Ende sagt: Es war eine richtig gute Saison?

Kirch: In erster Linie, dass wir die mannschaftlichen Ziele, die ich gerade genannt habe, erreichen. Und dass ich einen ordentlichen Teil dazu beitragen kann, so wie in der Rückrunde der letzten Saison. Dann bin ich mehr als zufrieden.

 
 

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