BVB-Gegner Marseille ist eine Legende

Gerd Niewerth
In Marseille pocht Frankreichs Fußballherz.
In Marseille pocht Frankreichs Fußballherz.
Foto: imago sportfotodienst
„Olympique“ – reich an Titeln und Skandalen - ist der beliebteste Fußballklub Frankreichs – Nun hat die „Zarin“ Margarita Louis-Dreyfus das Sagen. Unlängst schoss sie 20 Millionen Euro in die Vereinskasse.

Paris. Die alte Radrennbahn in Marseille haben sie schon vor über fünfzehn Jahren herausgerissen, der irreführende Name jedoch blieb: „Stade Vélodrome“ – die erste Adresse des französischen Vereinsfußballs. Ein Stadion, das sich bei den Heimspielen von „Olympique de Marseille“ in einen überkochenden Hexenkessel verwandelt. Mit seinem blau-weißen Fahnenmeer und dem martialischen Schlachtruf „Aux Armes“ („An die Waffen“) begründet das „Vélodrome“ den Mythos „OM“ – genauso wie zahllose Pokale und Meisterschaften, haarsträubende Skandale und bittere (Zwangs-) Abstiege. Nirgendwo pocht Frankreichs Fußballherz so kräftig wie hier.

Millionäre, Malocher

Kein Wunder, dass der olympische Virus vom Ufer des Mittelmeers längst aufs ganze Land übergesprungen ist. Umfragen zufolge haben sich schon über neun Millionen Franzosen infizieren lassen, kein Vereinstrikot geht in Frankreich so häufig über die Ladentheke wie das von Marseille. Die Leidenschaft für den Klub erweist sich als ein klassenloses Phänomen, das Millionäre, Mäzene und Malocher gleichermaßen fasziniert – und durch neue Erfolge unaufhörlich gespeist wird. In Marseille, der Einwandererstadt, gehen die Uhren überhaupt anders als im übrigen Frankreich. Den „Marseillais“ sind Tunis, Algier und Marrakesch näher als Paris. Dementsprechend südländisch ticken die Fans, die seit jeher eine Macht im Verein darstellen.

Wenn Fußballexperten zum Saisonbeginn ihren Meistertipp abgeben, zählt Marseille stets zum engen Kreis der Favoriten. So auch in dieser Saison: Nach dem lang ersehnten Titelgewinn 2010 und der Vizemeisterschaft 2011 peilte man erneut die Meisterschaft – ganz dem ehrgeizigen Vereinsmotto entsprechend: „droit au but“ – „direkt zum Ziel“. Doch die Saison hatte kaum begonnen, da fand sich das runderneuerte Team um Meistertrainer Didier Deschamps auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Mittlerweile haben sie sich zwar auf Rang 13 hochgewurstelt, doch mit zehn Punkten Rückstand auf das Spitzenduo Paris St. Germain und Olympique Lyon ist das Unternehmen Titelgewinn schon in weite Ferne gerückt.

Kritik an Einkäufen

Frankreichs führende Sportzeitung „L’Equipe“ macht insbesondere die Neueinkäufe Nicolas Nkoulou, Morgan Amalfitano, Jérémy Morel und Alou Diarra für den bleiernen Saisonstart verantwortlich. Letzterer, Mittelfeldstar von Bordeaux und zwischenzeitlich Kapitän der Nationalelf, verleihe dem Spiel einfach nicht die erhofften Impulse.

Ruhender Pol in diesen betrüblichen Tagen bleibt somit Didier Deschamps. Schon als Spieler hat der Weltmeister von 1998 die Goldene Ära des Vereins mitgeprägt. Fünf Mal in Folge – von 1989 bis 1993 – gewann Marseille die französische Meisterschaft. Eine Serie, die durch den Korruptionsskandal Tapie und den Zwangsabstieg in die zweite Liga ein jähes Ende fand. Kaum zum Übungsleiter ernannt, kehrte der Erfolg mit Didier Deschamps wieder zurück. 2010, gleich im ersten Trainerjahr, beglückte er seinen Klub mit dem Double: Meisterschaft und Pokal. Entsprechend groß war die Erleichterung, als Deschamps den Lockrufen des AS Rom und des FC Chelsea trotzte und seinen Vertrag in diesem Sommer verlängerte.

Bei Personalentscheidungen dieses Kalibers zieht neuerdings eine Frau die Fäden: die Milliardärin Margarita Louis-Dreyfus, Witwe des vor zwei Jahren an Leukämie verstorbenen Mehrheitsgesellschafters Robert Louis-Dreyfus, genannt RLD.

Die aus Russland stammende attraktive Blondine ist Präsidentin eines weltumspannenden Rohstoffkonzerns, der seit 160 Jahren sein Geld mit Kaffee, Zucker, Weizen, Gas, Strom und Kohle verdient. Der charismatische RLD übernahm 1996 die Mehrheit von OM. Wird die „Zarin“, wie sie sie nennen, das Lebenswerk ihres Mannes fortsetzen? Die 20 Millionen Euro, die sie unlängst in die Vereinskassen schoss, sprechen eher dafür. Die Auswechslung des Vereinspräsidenten hingegen – für Jean-Claude Dassier kam der Sanierer Vincent Labrune – nährt eher andere Gerüchte. Die Zarin könnte die Braut OM schlank und schick machen, um ihren Anteil möglichst schnell zu verkaufen.