BVB ernsthafter Kandidat für den Titel

Peter Müller
Jubel um Shinji Kagawa, dem BVB-Torschützen zum 1:0.
Jubel um Shinji Kagawa, dem BVB-Torschützen zum 1:0.

Hannover. Borussia Dortmund holte mit einer beeindruckenden Leistung, basierend auf der Idealmischung aus Transpiration und Inspiration, den sechsten Auswärtssieg im sechsten Auswärtsspiel und verschaffte sich damit vier Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger Mainz 05.

Nach 34 Minuten ließ sich Didier Ya Konan vom Betreuer Handschuhe zuwerfen. Der Torjäger von Hannover 96, nach seinen Leistungen in den Wochen zuvor ein neuer Kandidat für die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste, fror nicht nur wegen der Temperaturen. Er war definitiv unterbeschäftigt. Borussia Dortmund hatte das Spiel im Griff, gestattete den Niedersachsen nur kurz vor und kurz nach der Halbzeit wenige Gelegenheiten zur Entlastung und fuhr am Ende einen hochverdienten 4:0-Sieg ein.

Mit dieser beeindruckenden Leistung, basierend auf der Idealmischung aus Transpiration und Inspiration, holte der Spitzenreiter den sechsten Auswärtssieg im sechsten Auswärtsspiel und verschaffte sich damit vier Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger Mainz 05 und bereits zwölf auf den Titelverteidiger Bayern München. Obwohl Vereinsführung und sportliche Leitung klug genug sind, um sich nicht voreilig beglückwünschen zu lassen, muss der BVB damit leben, dass diese homogene Mannschaft als ernsthafter Kandidat für den Gewinn der Meisterschaft gehandelt wird.

Es spricht auch für die Spieler, dass sie im Erfolg nicht abheben. Aber Roman Weidenfeller konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er auf die deutliche Distanz angesprochen wurde, die der BVB zwischen sich und die Bayern geschoben hat. Das Rechenspiel des Kapitäns, der seinen Job als Torhüter bei den wenigen Hannoveraner Chancen erstklassig erledigt hatte, fiel entsprechend humorvoll aus: „Wenn wir am letzten Spieltag immer noch zwölf Punkte Vorsprung haben, können wir von der Meisterschaft reden.“

Die Fans halten es schon jetzt nicht mehr aus. Schon nach dem 1:0 nach elf Minuten durch ein fein abgeschlossenes Strafraumsolo von Shinji Kagawa ertönte aus der schwarz-gelben Kurve die Pippi-Langstrumpf-Melodie mit ummissverständlichem Text: „Wer wird Deutscher Meister? BVB Borussia!“ Noch lauter wurde der Gesang nach dem 2:0 in der 72. Minute, als der BVB einen grandiosen Konter auf das Grün zauberte. Nuri Sahin passte lang in den Lauf von Lukasz Piszczek, dessen Hereingabe drückte Lucas Barrios trotz Bedrängnis mit vollem Einsatz über die Linie.

Danach taumelte der Gegner, bevor er selbst um den K.o. bettelte: Denn Karim Haggui trat Jakub Blaszczykowski vor den Kopf und flog deshalb vom Platz. Den folgenden Elfmeter von Nuri Sahin wehrte Florian Fromlowitz sogar noch ab. Doch in Unterzahl war Hannover nicht mehr zu intensiver Gegenwehr fähig. Robert Lewandowski in der 80. und Jakub Blaszczykowski nach Traumpass von Antonio da Silva in der 90. Minute veredelten zwei sehenswerte Angriffe. Diese drei Spieler waren zuvor eingewechselt worden.

Es muss sich also niemand darüber wundern, dass diese Dortmunder trotz der Doppelbelastung durch die Europa League nicht müde werden. Denn Trainer Jürgen Klopp hat es nicht nur geschafft, bei seinen Spielern die Balance zwischen Arbeit und Ausgleich zu finden, er ist auch in der beneidenswerten Lage, jederzeit Qualität von der Bank nachschieben zu können. Klopp betonte auch am Sonntagabend, dass die Fitness „überhaupt kein Thema“ sei. Vor allem, weil der Alltag dem proppevollen Terminkalender angepasst wurde. Dosierung heißt das Zauberwort. „Wir regenerieren, und dann geht es weiter“, erklärte Klopp. „Das Problem ist höchstens, dass wir kaum trainieren können. Und falls wir tatsächlich mal ein Spiel verlieren sollten, weil uns die Kraft gefehlt hat, gehen wir nicht davon aus, dass sie uns dann acht Wochen fehlen wird.“

Das 4:0 in Hannover fand Jürgen Klopp „ein bisschen zu hoch“, wie immer will er auch die Begeisterung dosiert wissen: „Wir sind verdienter Sieger, mehr aber auch nicht.“ Bescheidenheit predigte auch BVB-Chef Hans-Joachim Watzke, der mit einer rechnerisch korrekten und doch eigenwilligen Tabelleninterpretation argumentierte: „Ich habe noch nie einen Meister mit 28 Punkten gesehen – sehr wohl aber Mannschaften, die mit 28 Punkten abgestiegen sind.“