Borussia Dortmund hat den Champions-League-Titel im Blick

Frank Lamers
Der BVB steht auch im Halbfinale der Champions League, weil Jürgen Klopp ein unvergessliches Brechstangen-Spiel mit brachialer Wucht klug inziniert hat. Der Trainer erklärte später, es habe sich dabei um „das schlechteste Champions-League-Spiel“ seiner Mannschaft gehandelt.

Dortmund. Am Dienstag um 22.47 Uhr musste Felipe Santana das erste Mal erklären, wie er diesen Irrsinnstreffer denn erzielt hatte. Der hoch aufgeschossene und gertenschlanke Brasilianer stand mit einem Grinsen, weit wie die Copacabana, neben dem kleinen Muskelpaket Mario Götze und zuckte immer wieder mit dem rechten Bein. So hab’ ich das gemacht. Irrsinn. Wie oft Santana seitdem sein Bein noch zucken ließ, ist nicht bekannt. Sicher aber ist: Am Ende jeder Geschichte, die auch in Jahrzehnten noch über dieses Viertelfinalspiel-Rückspiel der Champions League gegen den FC Malaga erzählt werden wird, kann nur dieses aus geschätzten drei Zentimetern Entfernung hineingezuckte Tor stehen, das Borussia Dortmund den Einzug ins Halbfinale bescherte und jedem Schwarzgelben eine vulkanische Gefühlseruption.

Selten zuvor dürfte ein Fußballspiel in dieser brachialen Weise die Emotionen bewegt haben. Jürgen Klopp erklärte später, es habe sich dabei um „das schlechteste Champions-League-Spiel“ seiner Mannschaft gehandelt. Und damit lag der BVB-Trainer richtig, weil mit dem Ball nicht „locker und flockig“ umgegangen worden war und es tatsächlich auch an „Kreativität, Flexibilität und Ruhe“ gemangelt hatte. Doch all der Verkrampfung, die aus dem unbedingten Willen resultierte, das nächste Ziel zu erreichen, war entgegen gesetzt: der Thrill, der sich aus der dramatischen, der wahnwitzigen Abfolge der Ereignisse entwickelte.

„Ich bin fix und fertig“

Tor eins durch Joaquin verdammte die Borussen nach dem 0:0 im Hinspiel dazu, noch zwei Treffer erzielen zu müssen. Der Ausgleich durch Robert Lewandowski nährte die Hoffnungen. Das erneute Führungstor für Malaga durch Eliseu kam so furchtbar spät, in der 82. Minute. Und wieder musste der BVB zwei Treffer nachlegen. Und dann gelang erst in der Nachspielzeit das Tor zum Remis, zum 2:2, das nicht ausreichen würde. Und dann, 69 Sekunden später, zuckte, stocherte Santana, der Innenverteidiger, den Ball über die Linie und verschaffte sich damit einen Vitrinenplatz im Borusseum, im Museum des Traditionsklubs.

„Ich bin fix und fertig“, stöhnte Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer des BVB, und trotz der rauschhaft gefeierten Meisterschaften in den vergangenen beiden Spielzeiten fügte er an: „Ich glaube, das war der emotionalste Moment überhaupt. Wir waren ja tot.“ Zur Wiedererweckung zu den Lebenden gehörte allerdings mehr, als das von allen herangezogene „Glück“ (Klopp, Watzke, Sportdirektor Michael Zorc, reihenweise Akteure). Es gehörte dazu: die kluge Inszenierung des Klassikers mit dem Titel „Wenn nichts geht, greif’ zur Brechstange“.

Erstmals seit 15 Jahren in einem Halbfinale der Königsklasse

Champions LeagueIn Minute 86 wechselte Klopp Mats Hummels ein. Zuvor schon hatte er Nuri Sahin gebracht. Die Strategie: lange Mats-Nuri-Bälle nach vorn. Vorn drin: die langen Innenverteidiger, Neven Subotic und Santana. In Minute eins der vierminütigen Nachspielzeit wuchtet Hummels den Ball nach vorn, über Subotic und Santana kommt er zu Marco Reus: 2:2. Und in Minute drei der Zugabe vollendet Santana das große Werk, das so große Perspektiven eröffnet. Erstmals seit 15 Jahren in einem Halbfinale der Königsklasse. Zwei Duelle mit europäischen Giganten sind gewährleistet. Ein drittes könnte im Londoner Wembley-Stadion stattfinden, das Finale.

Es war ein Abseitstor und die Klagen der Spanier deshalb verständlich. Das Malaga-2:1 fiel allerdings ebenso aus Abseitsposition. Egal. Hätte man locker und flockig mit 3:0 gewonnen, meinte der kluge Regisseur Klopp, wäre es nicht so gewesen wie jetzt: „Es wird immer in Erinnerung bleiben. Und das ist so cool.“