Borussia Dortmund, der unheimliche Favorit

Thorsten Schabelon
1. FSV Mainz 05 - Borussia Dortmund
1. FSV Mainz 05 - Borussia Dortmund

Dortmund. Was für die Fans von Borussia Dortmund von Geburt an eine Selbstverständlichkeit ist, hat nach zwei Jahren in Diensten des BVB auch Jürgen Klopp verinnerlicht. „Ein Wochenende ist für mich perfekt, wenn Schalke verliert und wir gewinnen“, gestand der Trainer in einem Interview. Und so nahmen seine junge Mannschaft und er die königsblaue Vorlage gerne auf und krönten ihr Wochenende mit dem verdienten 2:0 beim FSV Mainz 05. Mit dem Sieg im Spitzenspiel kehrte der BVB, als Sahnehäubchen, an die Tabellenspitze der Bundesliga zurück.

Jürgen Klopp kostete den ersten Erfolg gegen seinen Ex-Klub aus und erfüllte noch eineinhalb Stunden nach Abpfiff geduldig jede Interview-Anfrage in den Katakomben des Mainzer Stadions am Bruchweg. Dort spielten sich Szenen ab, die man bei den Borussen lange nicht mehr gesehen hatte. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, gewöhnlich begeistert, aber nicht euphorisch, sprang am Spielertunnel einen halben Meter in die Luft, um Glückwünsche von schwarzgelben Fans zu empfangen. Präsident Reinhard Rauball, im feinen Anzug, klatschte den verschwitzen Nuri Sahin ab. Und schwärmte dann als Liga-Präsident in die Kamera eines nigerianischen TV-Senders von der Bundesliga.

In 185 Länder wurde das Duell zwischen Tabellenführer Mainz und dem Tabellenzweiten Dortmund übertragen. Das intensive Spitzenspiel war beste Werbung für den deutschen Fußball. Und es dürfte dem Sieger Dortmund viele neue Fans in aller Welt beschert haben. Denn der BVB war die spielbestimmende Mannschaft an diesem Nachmittag. Jürgen Klopp hatte, entgegen seiner sonstigen Vorgehensweise, die eigene Taktik am Gegner ausgerichtet und die Gastgeber mit einem 4:3:2:1-Tannenbaum-System überrascht. Aus einer extrem sicher stehenden Defensive arbeitete der BVB exzellent gegen den Ball und forcierte bei Mainz Ungenauigkeiten und Ballverluste. „Unsere Schwäche“, haderte Mainz-Trainer Thomas Tuchel. Es war Dortmunder Stärke.

So wie beim 1:0 (26.), als Niko Bungert unter Druck patzte und Mario Götze den eben eroberten Ball nach einem feinen Solo einschob. Das 18-Jährige Talent zeigte dabei die Konsequenz und Gier, die den Dortmundern zuletzt gefehlt hatte. Auch beim 2:0 (67.) war Dortmunds Jüngster unter den vielen Jungen in der Mannschaft beteiligt, indem er Lucas Barrios den Ball herrlich auflegte. Dazwischen durfte der 30 Jahre alte Startelf-Senior Roman Weidenfeller glänzen: Der Torwart parierte in der 48. Minute einen Strafstoß von Eugen Polanski – das zweite Elfmeter-Erfolgserlebnis für ihn innerhalb von vier Tagen.

Das 2:0 in Mainz war der fünfte BVB-Auswärtssieg seit Saisonbeginn in Serie, Bundesliga-Rekord. Dortmund ist Tabellenführer, hat die meisten Tore erzielt, die wenigsten kassiert und hält einen Zehn-Punkte-Vorsprung auf die Bayern. Bei der Borussia genießt man den Moment. Und wird ernst, wenn es um das Thema Meistertitel geht. Eine Aussicht, über die die Dortmunder so gerne reden wie die FDP nach Wahlen über eine große Koalition.

Meister im November

„An den Titel verschwenden wir nullkommanull Gedanken“, sagte Jürgen Klopp, gestand aber zumindest, dass das Tabellenbild am zehnten Spieltag die Qualität seiner Dortmunder widerspiegelt. „Es wäre schön, wenn die Meisterschaft schon im November vergeben würde“, kokettierte derweil Sportdirektor Michael Zorc.

Also erhoben einfach die Mainzer ihre Gäste zum Titel-Favoriten. „Der BVB war mit Abstand unser reifster und bester Gegner. Wenn die Bayern verkünden, Dortmund einholen zu wollen, gehört eine gehörige Portion Optimismus dazu“, sagte Manager Christian Heidel. „Natürlich kann Dortmund Meister werden. Mit dem Spirit, der Qualität und der Mentalität sind sie ein heißer Titelkandidat“, ergänzte Trainer Thomas Tuchel.

In Dortmund erinnert man sich höchstens an eine Liga-Statistik: Mit sieben Siegen in Serie waren die Bayern (1995) und Kaiserslautern (2001) gestartet. Beide Male hieß der Meister BVB. Dieses Jahr hat Mainz 05 sieben Siege zum Saisonstart hingelegt...