Dortmund

Borussia Dortmund: BVB-Fans boykottieren Spiel gegen FC Augsburg - das steckt wirklich dahinter

Marian Laske
Schon vor dem Montagsspiel haben die Dortmunder Fans auf der Südtribüne mit zahlreichen Bannern protestiert. Zum Montagsspiel wollen viele erst gar nicht kommen.
Schon vor dem Montagsspiel haben die Dortmunder Fans auf der Südtribüne mit zahlreichen Bannern protestiert. Zum Montagsspiel wollen viele erst gar nicht kommen.
Foto: firo

Dortmund. Der BVB spielt am Montag gegen den FC Augsburg. Viele Fans stört das. Sie wollen protestieren. Warum? Das erklärt Fan-Forscher Sebastian Uhrich im Interview.

Woher kommt der Widerstand?

Sebastian Uhrich: Die Problematik rund um die Montagsspiele ist nur eine prägnante Facette eines schon länger andauernden Prozesses. Fußball ist inzwischen ein Geschäft, in dem die Vereine ihr Handeln vor allem an der Frage ausrichten, wie sie Geld verdienen können. Auf der anderen Seite stehen die Fans, die den Fußball noch anderes kennengelernt haben und die finden, dass ihre Interessen im Mittelpunkt stehen sollten.

Aber ging es im Profifußball nicht schon immer darum, Geld zu verdienen?

Sebastian Uhrich: Das Ausmaß hat sich verändert. Aber die Kritik ist tatsächlich nicht völlig neu. Schon lange werden bestimmte Entwicklungen von den Fans kritisch beäugt. Es gibt Diskussionen über die Werbeaktivitäten der Vereine, über die Anzahl der Stehplätze. Wenn immer mehr Interessen der Fans nicht wahrgenommen werden, droht das Fass überzulaufen.

Gibt es mittlerweile nicht auch besser organisierte Fangruppen, die es verstehen, ihrem Unmut öffentlichkeitswirksam Luft zu machen?

Sebastian Uhrich: Das sehe ich nicht so. Die Fangruppen waren schon immer gut organisiert. Allerdings gibt es nun auch einzelne Gruppen, die sich über den Protest definieren und sagen: Das ist unser Kernanliegen. Sie definieren sich also nicht nur über schöne Choreographien, sondern auch über den Protest gegenüber dem Verein.

Wenn der Erfolg dann aber ausbleibt, wird auch gepfiffen. Das ist doch ein Widerspruch, oder?

Sebastian Uhrich: Das ist nicht unbedingt ein Widerspruch. Den Fans ist völlig klar, dass der Fußball kommerzialisiert ist. Sie wollen keinen Amateurfußball, ihnen ist klar, dass ihr Verein Geld braucht. Nur wollen sie als Kerngruppe auch berücksichtigt werden. Es geht um die Frage: Wie stark darf man die Schrauben der Kommerzialisierung anziehen?

Haben die Fans die Macht, etwas zu verändern? Beispielsweise die Montagsspiele abzuschaffen?

Sebastian Uhrich: Es könnte sein, dass sie es schaffen, die Montagsspiele abzuschaffen. Aber die Montagsspiele sind nur eine Ausprägung der Kommerzialisierung. Den generellen Prozess werden sie nicht rückgängig machen können. Irgendwann könnte sich sogar die Frage stellen: Brauchen wir die Stimmungsmacher überhaupt noch?

Also die Frage, ob die Fankultur komplett aus dem Stadion verbannt werden soll?

Sebastian Uhrich: Womöglich werden sich die Vereine irgendwann die Frage stellen: Was ist eine tolle Atmosphäre im Stadion wert. Ist diese wirklich wichtig für die Vermarktung? Oder geht es nicht vielleicht auch ohne die Stimmungsmacher in der Kurven? Klar, dies ist ein etwas überspitztes Schreckensszenario. Aber in England zum Beispiel ist die Stimmung massiv zurückgegangen, doch die Premier League ist trotzdem die ökonomisch erfolgreichste Liga.

Glauben Sie denn, dass die Gegner der Montagsspiele überhaupt in der Mehrheit sind?

Sebastian Uhrich: Ich bin mir auf jeden Fall ziemlich sicher, dass sich die Gegner besser organisieren. Atomkraftbefürworter hört man ja zum Beispiel auch seltener. So ist das hier auch. Aber die genauen Anteile lassen sich nur schwer schätzen. Es ist wohl eine eher kleine Gruppe, die den Protest ganz maßgeblich vorantreibt. Dann gibt es noch Anhänger, die die Tradition zwar bewahren wollen, aber sich nicht aktiv an den Protesten beteiligen oder diese gar organisieren. Und dann gibt es noch eine große Gruppe, die das mehr oder weniger neutral zur Kenntnis nimmt. Es könnte deswegen auch sein, dass der Protest wieder einschläft.

Wie haben Sie den Protest in Frankfurt erlebt. Alles verlief friedlich, aber natürlich hat sich das Spiel auch verzögert und wurde beeinflusst.

Sebastian Uhrich: Ich fand die Aktion gelungen. Es war das erste Montagsspiel in dieser Saison und Frankfurt ist nicht bekannt für brave Fans. Die Verantwortlichen konnten keine harte Linie fahren. Aber natürlich geht das nicht dauerhaft. Es ist kein Zukunftsmodell, dass das Spiel jetzt immer zehn Minuten später beginnt. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Der Streit eskaliert oder es tritt ein Gewöhnungseffekt ein.

Gibt es eine Lösung?

Sebastian Uhrich: Letztlich ist der deutsche Weg schon eine Art Lösung. Denn eigentlich hat es Deutschland in den letzten Jahren vergleichsweise gut hinbekommen, das Spannungsfeld aus Kommerzialisierung und Traditionsbewahrung zu managen. Die Bundesliga steht trotz ihrer rasanten kommerziellen Entwicklung für eine tolle Stimmung und – im Vergleich mit anderen europäischen Ligen – den Erhalt der Fankultur. Dortmund ist da zum Beispiel ein spannender Fall. Der BVB ist europaweit bekannt für die tolle Stimmung, gleichzeitig hat der Klub die Professionalisierung so weit vorangetrieben wie kaum ein anderer deutscher Verein. Die Borussia ist eine Aktiengesellschaft und ist in der Auslandsvermarktung sehr aktiv.

Trotzdem werden Spannungen so immer bleiben.

Sebastian Uhrich: Das Problem ist, dass es eine richtige Lösung aus meiner Sicht nicht gibt. Vielleicht tritt ein Gewöhnungseffekt ein und es wächst eine neue Generation nach, die den Fußball anderes kennenlernt, für die es normaler wird, dass der Fußball modern ist.

Einige sprechen schon vom Anfang vom Ende des Profifußballs…

Sebastian Uhrich: Der Fußball wird daran nicht zugrunde gehen. Wir erleben gerade eine Transformation, die es in anderen Bereichen des Gesellschaft auch gibt. Und gerade weil der Fußball so professionell aufgestellt ist, wird er sein Unterhaltungsangebot weiter verbessern – und so mehr Menschen erreichen. Dass der Fußball komplett gegen den Baum fährt, kann ich mir nicht vorstellen.