Sommermärchenmann und Ex-BVB-Star David Odonkor erzählt, wie er fast sein Bein verloren hat

2018: David Odonkor (links) bei einem Hallenturnier in Oldenburg gegen Jeroen Heubach.
2018: David Odonkor (links) bei einem Hallenturnier in Oldenburg gegen Jeroen Heubach.
Foto: firo

Nie gab es am Nominierungstag eine größere Überraschung als 2006, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann und seine rechte Hand Joachim Löw den Dortmunder Flügelflitzer aus dem Hut zauberten. Das zahlte sich aus: David Odonkor war es, der mit seinem Lauf gegen Polen Oliver Neuvilles 1:0 vorbereitete und das Dortmunder Stadion in Ekstase brachte. Viel mehr noch: Das Sommermärchen 2006 war geboren. Auch dank Odonkor.

David Odonkor, kann man die Nominierung von Nils Petersen mit Ihrer damals annähernd vergleichen?

David Odonkor: Nein! Ich kam aus dem Nichts. Niemand hatte mich auf der Rechnung. Einen zweiten Odonkor wird es nicht geben.

Zwölf Jahre später steht am 26. Mai Ihr Abschiedsspiel bevor. Was geht in Ihnen vor?

David Odonkor: Die Vorfreude auf dieses Ereignis ist riesengroß. Da kommen wirklich einige Dinge zusammen, die mir große Freude bereiten: Das Spiel findet in Aachen statt. Ich habe zwar nur ein Jahr für die Alemannia gespielt, aber mich sofort in den Verein, die Fans, die Stadt verliebt. Zudem treffe ich viele alte Weggefährten wieder. Ich hoffe, dass viele Fans kommen. Denn die Veranstaltung dient letztlich einem guten Zweck: Die Einnahmen gehen unterstützen unter anderem an die Alemannia und Viva con Agua, einem gemeinnützigen Verein, der sich dafür einsetzt, dass alle Menschen weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

Auf wen dürfen sich die Fans am 26. Mai freuen?

David Odonkor: Ich bin wirklich heilfroh, dass 90 Prozent der Leute, die ich einladen wollte, auch zugesagt haben. Christoph Metzelder, Kevin Großkreutz, Dede, Patrick Owomoyela, Mario Basler, Jan Koller, Torsten Frings, Tim Wiese, Ailton, Gerald Asamoah, Mark Schnatterer, Mike Hanke, Ivan Klasnic, Patrick Helmes, Kevin Kuranyi, Oliver Neuville, Florian Kringe, Jens Nowotny, Hans Sarpei und Willi Landgraf sind nur einige der Namen, die auf dem Tivoli dabei sein werden.

Wegen ihrer Torvorlage im Spiel bei der WM 2006 gegen Polen werden Sie den deutschen Fußball-Fans immer in Erinnerung bleiben. Wie haben Sie eigentlich damals von Ihrer Nominierung erfahren?

David Odonkor: (lacht) Das war gar nicht so lustig, wie ich es jetzt erzähle: Ich stand an der Kaffeemaschine bei meinen Schwiegereltern und plötzlich klingelt mein Handy. Horst Hrubesch war dran. 'Hallo David, ich muss dir leider mitteilen, dass du nicht zur U21-Europameisterschaft fahren wirst.' Das saß, ich war geschockt. Ich hatte doch eine super Saison gespielt. Hrubesch sagte dann einige Sekunden später: 'David, du bist bei der WM dabei!' Zuerst war ich sprachlos, dann bin ich vor Freude ausgeflippt.

Haben Sie denn dann überhaupt noch den Kaffee getrunken?

David Odonkor: Ja, mit sehr viel Genuss. Ich glaube, dass das die beste Tasse Kaffee in meinem Leben war.

Schneider auf Odonkor, der sprintet über rechts an den Polen vorbei, flankt und Neuville macht das 1:0: Wie oft träumen Sie eigentlich noch von dieser historischen Szene?

David Odonkor: Das kommt schonmal vor (lacht). Aber ich will an dieser Stelle auch mal betonen, dass ich nur eine Art Zünder für diese Szene war. Letztendlich ist es ein Gesamtwerk der Mannschaft gewesen. Wir haben mit Bernd Schneider genau das, was gegen Polen passiert ist, im Training oft einstudiert. Das ganze Team von 2006 darf darauf stolz sein, was bei dieser WM passierte. Wir haben mit diesem Polen-Spiel den Startschuss für das Sommermärchen in Deutschland gegeben. Die Leute schwenkten ihre Fahnen aus den Fenstern, auf der Straße, die Menschen trugen Trikots, überall gab es Deutschland-Gesänge. Wir haben dabei geholfen, dass die Menschen in Deutschland wieder stolz auf ihr Land sein durften - ohne, dass irgendjemand auf den Finger auf uns zeigt und uns etwas Böswilliges unterstellt.

Wer wird denn der "Odonkor 2018" im DFB-Kader?

David Odonkor: So einen Sprinter wie mich, der die Linie rauf und runter rennt, wird es nicht mehr geben. Weil heute von den Spielern viel mehr erwartet wird. Der Fußball hat sich enorm entwickelt.

Wird Deutschland in Russland zum fünften Mal Weltmeister?

David Odonkor: Das hoffe ich doch sehr. Wir müssen gut durch die Vorrunde kommen. Die Gegner Schweden,. Südkorea und Mexiko dürfen wir nicht unterschätzen. Das sind keine Exoten! Wenn wir das schaffen, ist in der K.o.-Phase alles möglich.

Ihre Schnelligkeit war atemberaubend. Haben Sie eigentlich jemals in Ihrer Karriere einen schnelleren Fußballer kennengelernt?

David Odonkor: Nein, das muss ich ehrlich sagen. Ich habe in Spanien gegen sehr schnelle Spieler, wie Roberto Carlos oder Eric Abidal gespielt. Aber schneller als ich, waren sie nicht (lacht). Es war schon ein richtig geiles Gefühl, als ich plötzlich an Weltmeister Roberto Carlos vorbei gesprintet bin.

Haben Sie mal einen Gedanken daran gehegt, Leichtathlet zu werden?

David Odonkor: Ich bin mit 17 bei Borussia Dortmund Profi geworden. Nach den Trainingseinheiten habe ich manchmal mit den Gedanken gespielt, mich mit den Sprintern der Leichtathletikabteilung auf der Tartanbahn zu messen. Aber unser damaliger Trainer Matthias Sammer hat mir eine klare Ansage gemacht und ein Verbot ausgesprochen. Solche Sprints seien einfach für die Muskulatur zu gefährlich, sagte er. Damit war das Thema Leichtathletik für mich auch gegessen. Ich war als Fußballer glücklich.

Sie sind mit 14 Jahren zum BVB gekommen und mit 17 schon Profi geworden. Das muss für Sie ein Traum gewesen sein...

David Odonkor: Das war es auch! Irgendwo war ich schon immer ein Fan von Borussia Dortmund. Dass ich dann mit 17 Jahren in diesem wahnsinnigen Stadion auflaufen durfte, war schon genial. Ich habe ja eigentlich als kleiner Junge mit Weltklassespielern wie Marcio Amoroso, Christoph Metzelder, Torsten Frings, Christian Wörns, Jürgen Kohler, Tomas Rosicky oder Jan Koller zusammengespielt. Das war etwas ganz Großes für mich.

Nach acht Jahren in Dortmund folgten Sie dem Ruf von Betis Sevilla. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in Spanien?

David Odonkor: Ich habe dort einen Fünfjahresvertrag unterschrieben und eine wirklich gute Zeit gehabt. Klar, manche werden sagen, dass es sportlich nicht so toll lief. Das stimmt letztendlich auch. 51 Pflichtspiele in fünf Jahren sind keine gute Bilanz. Aber ich habe das Beste aus der Situation gemacht. Für die Verletzungen kann ich nichts. Das ist die Natur. Das alles hätte auch in Dortmund oder bei anderen Vereinen passieren können. In Sevilla habe ich gegen Real Madrid, Barcelona und alle Superstars gespielt. Das kann mir keiner mehr nehmen. Leider blieb es mir in meiner Betis-Zeit vergönnt, beim FC Valencia aufzulaufen. Das Stadion fand ich schon immer genial. Dort habe ich leider nie gespielt.

Sie sprechen die Knieverletzungen an. In Sevilla lagen Sie im Jahr 2010 auch auf der Intensivstation...

David Odonkor: Ja, das war die schlimmste Zeit meines Lebens! Nach einem Routine-Eingriff entzündete sich das operierte rechte Knie. Die Ärzte sagten mir: Wenn ich mich zu viel bewege oder nach Deutschland verlegt werde, dann müssen sie mir vielleicht das Bein abnehmen. Ich hätte fast mein Bein verloren! Zwei Monate lag ich auf der Intensivstation. Ich durfte meine Tochter nicht sehen. Meine Frau hat mich gewaschen, mir die Zähne geputzt. Die Keime haben mich regelrecht ans Bett gefesselt. Glücklicherweise war die Tortur nach zwei Monaten vorüber. Ich konnte mich dank der Hilfe des Augsburger Kniespezialisten Dr. Ulrich Boenisch sogar noch einmal an den Profifußball herankämpfen und spielte ein Jahr in Aachen und in der Ukraine.

Wie sind Sie eigentlich beim ukrainischen No-Name-Klub FC Hoverla Uschhorod gelandet?

David Odonkor: Ich hatte zu dieser Zeit auch Angebote aus Australien und Südafrika. Aber die Ukraine ist gar nicht so weit entfernt von Deutschland. Mit dem Flugzeug ging es von Dortmund nach Budapest und von dort aus zwei Stunden mit dem Auto zu meinem ukrainischen Klub. Ich habe mich für die Ukraine entschieden, weil ich aufgrund meiner Knieprobleme meinen Physiotherapeuten immer unkompliziert einfliegen lassen konnte.

Aktuell müssen Sie nicht mehr fliegen, sondern fahren eine Stunde mit dem Auto zum Training. Wie gefällt Ihnen Ihr Trainer-Dasein beim niedersächsischen Landesligisten Bad Pyrmont?

David Odonkor: Ja, ich wohne in Bielefeld und bin in gut einer Stunde in Bad Pyrmont. Es macht mir sehr viel Spaß mit den Jungs zu arbeiten. Ich habe beispielsweise in Sevilla in fünf Jahren neun Trainer gehabt, da konnte ich mir einige Methoden abschauen (lacht). Nein, im ernst: Ich bin ein Trainer, der viel mit den Jungs spricht, sie auch mal in den Arm nimmt. Ich denke, dass das heute sehr wichtig ist. Wir leben in einer Zeit, in der oft von Druck und Depressionen die Rede ist. Da muss die Menschlichkeit, das Miteinander umso bedeutender sein.

Per Mertesacker sagte vor Wochen in einem Interview, dass er froh sei, dass seine Karriere zu Ende gehe. Der Druck sei für Ihn sehr oft unerträglich gewesen. Können Sie seine Gefühle nachvollziehen?

David Odonkor: Ich kann sie nachvollziehen und respektieren. Aber ich sehe es anders: Wir Fußballer haben diesen Beruf gewählt. Niemand hat uns dazu gezwungen. Wir wussten ja, was uns erwartet. Der Druck ist im Profifußball enorm. Glücklicherweise hatte ich persönlich damit keine Probleme. Ich habe es mehr als positiven Druck empfunden, vor vielen tausenden Fans im Stadion aufzulaufen.

Zuletzt konnte man Sie immer wieder bei TV-Formaten wie zum Beispiel "Promi am Herd" oder "Promi Big Brother" und anderen Sendungen sehen. Wo werden wir David Odonkor in Zukunft sehen: Eher im Trainergeschäft oder doch im Dschungelcamp?

David Odonkor: (lacht) Ich habe als Trainer aktuell die B-Lizenz, die A-Lizenz wird demnächst folgen. Ich möchte als Trainer so hoch wie möglich kommen, aber wirklich ohne jeglichen Druck. Wenn es klappt, dann ist es schön. Wenn nicht, dann geht die Welt nicht unter. Ich bin gesund, habe eine tolle Frau und eine bezaubernde Tochter. Die Familie ist für mich das A und O. Dschungelcamp? Heute würde ich eher absagen. Aber sag niemals nie. Die TV-Formate machen mir wirklich Spaß. Es ist angenehmer im Fernsehen zu arbeiten, als auf der Couch aus Langeweile vielleicht eine Tüte Chips zu verdrücken. Ich bin aktuell sehr zufrieden, mit dem, was ich mache.

 
 

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