Alois Scheffler ist der Jahrhundert-Borusse

Der älteste aller Borussen: Der 97-jährige Alois Scheffler, der sich auf den Gewinn der Meisterschaft freut.
Der älteste aller Borussen: Der 97-jährige Alois Scheffler, der sich auf den Gewinn der Meisterschaft freut.
Foto: Jakob Studnar
Alois Scheffler ist 97 Jahre alt und seit 1928 Mitglied beim deutschen Fußball-Meister Borussia Dortmund. Länger als jeder andere. Der BVB hat ihm einen Ehrenring in Gold verliehen, als er 75 Jahre Mitglied war. „Außer mir hat niemand so einen Ring“, sagt er.

Dortmund.. Wenn Alois Scheffler redet, meint man, im Hintergrund das Lagerfeuer knistern zu hören. So spricht der alte Häuptling der Indianer.

Es ist aber nicht das Lagerfeuer, das knistert. Es ist nur die Kaffeemaschine. Alois Scheffler ist 97 Jahre alt. Als er 13 war, haben ihn seine Eltern am 1. April 1928 bei Borussia Dortmund angemeldet, seit 84 Jahren gehört er nun zum Verein. Länger als jeder andere.

Ein Satz zum Umarmen

Doch seine Frau Mia ist in diesem Moment nicht zufrieden mit ihm. Alois hat zu wenig Wasser in die Kaffeemaschine gefüllt. Sie schüttet rasch eine Tasse hinterher. Beide sind seit 70 Jahren verheiratet. „Sehen Sie“, sagt Alois Scheffler und holt Schoko-Kekse aus dem Schrank. „Sehen Sie, in all’ den Jahren war meine Frau nicht einmal bei einem Spiel der Borussia.“

Der Satz klingt kein bisschen böse oder enttäuscht. So ist das Leben eben manchmal. „Mein Mann ist jedes Wochenende zum Fußball gegangen“, sagt Mia Scheffler. „Und ich hatte einen freien Nachmittag. Vielleicht hat er ja die Falsche geheiratet.“ Dann lacht sie. Es war ein Satz zum Umarmen.

Die Schefflers wohnen in einem Häuschen im Dortmunder Stadtteil Wambel. Er hat als Architekt gearbeitet.

Wenn man alte Fußballer besucht, ist es oft wie ein Ausflug ins Museum. Die alten Fußballer haben noch die Trikots im Keller und erzählen von Spielen, die in der Sportschau nur in Schwarz-Weiß zu sehen waren. Alte Fußballer tragen auch oft Trainingsanzüge. Horst Eckel, der 1954 Weltmeister wurde, öffnet noch heute gerne die Haustür im Trainingsanzug.

Alois Scheffler hat Hemd und Strickjacke angezogen. Er ist schon lange kein Fußballer mehr, und er muss sich auch nicht wie einer verkleiden. Aber neben die Dose mit den Plätzchen hat er seinen BVB-Ehrenring aus Gold gelegt. Die Borussia hat ihm den Ring verliehen, als er 75 Jahre Mitglied war. „Außer mir hat niemand so einen Ring“, sagt er.

Der 97-Jährige kann allerdings am Samstag nicht zum Spiel gegen Mönchengladbach ins Stadion gehen und sehen, wie seine Borussia möglicherweise vorzeitig Meister wird. „Ich gehe nur noch zu den Spielen, die um 15.30 Uhr anfangen. Alles andere wird mir zu spät.“ Samstag beginnt die Partie erst um 18.30 Uhr.

Alois Scheffler hat nach zwei Operationen auch Probleme mit den Knien. Das Sitzen in den engen Reihen fällt ihm schwer. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat versprochen, ihm für die nächste Saison einen bequemeren Sitz auf der Tribüne zu besorgen.

„Was gibt es denn Neues?“, fragt Alois Scheffler. Nicht viel, vor dem großen Spiel ist alles gesagt, und bei Scheffler ist dieses Mal ist auch das Alte viel interessanter als das Neue.

Als Junge kam Alois mit seinen Eltern 1925 aus Westpreußen nach Dortmund. Sie landeten in einer Dreizimmer-Wohnung, der Borsigplatz lag in Sichtweite. Mit dem Fußball begann es bei ihm dort, wo damals alle Fußballer-Karrieren begannen. Im Hinterhof. Mit ihm kickte damals dort Paul Falk, der später Weltmeister im Rollkunstlauf und im Eiskunstlauf werden sollte.

„Wir hatten doch alle Rollschuhe“, erinnert sich Scheffler. „Aber ich hatte welche mit Kartoffellagern an den Rollen, Paul Falk hatte welche mit Kugellagern.“

Daher ließ der kleine Alois die Rollschuhe einfach Rollschuhe sein und ging zum Fußballplatz. Ein eigenes Stadion hatte die Borussia damals noch nicht. Scheffler schaffte den Sprung in die erste Jugendmannschaft, die auf der „Weißen Wiese“ spielte. Damals gehörte die Wiese einem Bauern, heute ist sie zum Hoesch-Park geworden.

Scheffler erinnert sich nicht nur an die Zeit, als die Fußballer noch Siggi Held und Lothar Emmerich hießen. Er erinnert sich noch an die Zeiten, als er August Lenz auf dem Platz erlebt. Lenz war 1935 der erste Nationalspieler der Borussia.

Scheffler lobt die Beziehung damals zu den Vereinen der Umgebung

Das war kurz nachdem Scheffler sein schlimmstes Fußball-Erlebnis verarbeiten musste. 1932, bei einem Spiel gegen Buer 07, starb der Linksaußen der Borussen auf dem Platz vor Schefflers Augen. „Ich sah noch, wie er über die linke Seite kam, dann kippte er um und war ohnmächtig.“ Er wachte nie wieder auf.

Scheffler möchte nicht mehr darüber sprechen, er wischt die Szene mit einer Handbewegung zur Seite. Lieber zu den schönen Erinnerungen.

Die Schönste? Der 5:0-Sieg 1963 im Europapokal gegen Benfica Lissabon. Franz Brungs schoss drei Tore. Und der 3:1-Sieg 1997 im Champions League Finale gegen Juventus Turin. Die Eintrittskarte hat Scheffler noch, und den Pokal durfte er auch küssen.

Und noch eins will er loben: Die guten Beziehung damals zu den Vereinen in der Umgebung. „Wir waren doch am Anfang die kleine Borussia, denen die Nachbar-Klubs geholfen haben.“ Welcher am meisten? „Die Schalker!“ Sowas darf wirklich nur der alte Häuptling der Indianer sagen. Scheffler lächelt.

 
 

EURE FAVORITEN