6:0 gegen Bielefeld: Borussia Dortmund wie im Rausch

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Dortmund. In den letzten zwei Minuten standen die Fans auf den Sitzen und applaudierten. "Der BVB ist wieder da", dröhnte es von der Südtribüne. Und wie: Mit 6:0 rauschte Borussia Dortmund über Arminia Bielefeld hinweg, ein Ergebnis, das nach einer dürftigen ersten Halbzeit nicht zu erwarten war.

Aber wer fragt jetzt schon noch danach? Der BVB zog wieder am Hamburger SV vorbei und steht auf Platz fünf, dem ersehnten Europaligaplatz.

"Wir wollten uns für das Finale qualifizieren, in dem wir jetzt stehen, und wir wollten unsere weiße Weste zu Hause wahren – beides ist gelungen", bilanzierte BVB-Trainer Jürgen Klopp hocherfreut. Und auch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war begeistert: "Wir müssen der Mannschaft sowie Jürgen und seinem Trainerteam ein großes Kompliment machen. Was sie bisher schon geleistet haben, ist großartig, und jetzt können wir die Saison sogar noch veredeln."

Früher Jubel

Das Spiel hatte noch gar nicht begonnen, da brach bei den schwarz-gelben Fans bereits Jubel aus. Der Grund: Einer ihrer Liebsten wurde von Watzke geehrt. Einer, der 1998 aus Brasilien kam und im Laufe der Jahre ein echter Dortmunder geworden ist. Dede, mittlerweile 31 Jahre alt, hatte am Dienstag in Wolfsburg sein 300. Bundesligaspiel für die Borussen bestritten. Gegen Bielefeld zog er nun mit dem früher viele Jahre für den VfB Stuttgart spielenden Kroaten Zvonimir Soldo gleich, und in der nächsten Woche in Mönchengladbach wird Dede dann der ausländische Profi mit den meisten Bundesliga-Einsätzen für einen Verein sein.

Dede winkte mit seinem gelben Blumenstrauß fröhlich ins Publikum – ein wunderbarer Augenblick, der alle im Stadion in die Erwartung versetzte, auch einen wunderbaren Fußball-Nachmittag zu erleben.

Doch da war zunächst einmal Geduld erforderlich. Die Frage war ja: Wie würden die Borussen das 0:3 in Wolfsburg, das abrupte Ende ihrer imposanten Erfolgsserie von sieben Siegen in Folge, verkraftet haben? War das nur ein Ausrutscher? Oder ein Knacks mit ernsthaften Folgen für die Psyche?

Der BVB bemühte sich, gegen die tief im Abstiegskampf steckenden Ostwestfalen wieder in die Spur zu finden. Und in der achten Minute kam wichtiger Anschub von außen: Die Anzeigetafel vermeldete die 1:0-Führung des 1. FC Köln beim Hamburger SV, beim vor diesem Spieltag um drei Punkte enteilten BVB-Konkurrenten um den begehrten fünften Platz, der zur Teilnahme an der neuen Europaliga berechtigt.

Auf der Südtribüne, die ohnehin noch nie Anlass gab, mit einer Bibliothek verwechselt werden zu können, nahm die enorme Lautstärke noch einmal deutlich zu. Doch während sich die Fans aufputschten, ließ die Konzentration ihrer Stars nach. Artur Wichniarek und Chris Katongo verpassten eine prächtige Gelegenheit, Arminia Bielefeld überraschend in Führung zu bringen.

Der BVB tat sich schwer. Vor dem Strafraum ähnelte das Offensivspiel der Borussen dem von Handballern am Kreis. Der Ball wurde hin- und hergeschoben, Lücken waren nicht in Sicht oder wurden nicht genutzt.

Tor fiel zum besten Zeitpunkt

In dieser ersten Halbzeit fanden vor allem diejenigen Dortmunder, die für Kreativität und Tordrang zuständig sind, keine Bindung zum Spiel. Tamas Hajnal, Nuri Sahin, Jakub Blaszczykowski, Alexander Frei: Sie alle fielen mehr durch Übereifer als durch Übersicht auf, bei keinem von ihnen lief es rund.

"Wir haben uns nach und nach selbst verunsichert und dem Gegner das Verteidigen nicht gerade schwer gemacht", kommentierte Jürgen Klopp diese Phase. Das Spiel erinnerte verdächtig an die vielen Unentschieden, die Borussias Fans vor allem im ersten Teil der Saison als Teil einer erhofften und später dann auch tatsächlich eingetretenen Entwicklung ertragen mussten. Beinahe aber hätte es sogar hinten geklingelt, nach einer Flanke von Chris Katongo setzte Oliver Kirch einen tollen Kopfball an, dessen Erfolg nur Roman Weidenfeller mit einem ebenso tollen Reflex verhinderte.

Fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff wurden die ersten Anhänger auf den Tribünen unruhig, und Roman Weidenfeller raste sogar aus seinem Tor heraus, um einige Abwehrspieler zu wecken. Denn Robert Tesche hatte soeben bereits die dritte dicke Bielefelder Chance vergeben.

Dann aber kam die Schlüsselszene des Spiels, die den BVB von seiner Last befreite und die Bielefelder schlagartig in Depressionen stürzte. Zwei Minuten vor dem Halbzeitpfiff drehte Alexander Frei einen Freistoß gezielt in den Fünf-Meter-Raum, wo Sebastian Kehl per Kopf eher am Ball war als Bielefelds Torwart Dennis Eilhoff mit den Fäusten. 1:0 – der Durchbruch.

Dieses Tor fiel zum besten Zeitpunkt. Es sorgte für Beruhigung in der Pause, für die zweite Hälfte konnten sich die Dortmunder wieder unverkrampft sortieren. Und prompt legten sie nach: Tamas Hajnal, der in der ersten Halbzeit reichlich von der Rolle war, gelang das 2:0, damit war Bielefeld besiegt. "Die erste Halbzeit war ziemlich zerfahren", gab Hajnal nach dem Spiel zu. "Aber jetzt hoffen wir natürlich, dass wir nach dem Saisonschluss mit unseren Fans etwas Großes feiern können."

Geübt haben sie schon an diesem Samstag. Einmal in Fahrt, ließen sich die Borussen nicht mehr bremsen. In der 69. Minute verwöhnten sie die 80 200 Zuschauer mit einem traumhaft schönen Konter. Jakub Blaszcykowski raste im ICE-Tempo über die rechte Seite, zog von der Grundlinie den Ball nach innen, wo Nelson Valdez mit gestrecktem Bein heranrauschte und die Kugel entschlossen ins Netz bugsierte.

Noch immer aber waren die Schwarz-Gelben nicht satt. In der 71. Minute erzielte Sebastian Kehl bereits seinen zweiten Treffer an diesem Tag, und als danach Tinga für ihn eingewechselt wurde, durfte auch der nach einer Dede-Flanke in der 84. Minute noch ein Törchen zum Festival beitragen.

Das wollte Mohamed Zidan nicht auf sich sitzen lassen. Der Ägypter, der zuvor für Nelson Valdez eingewechselt worden war, ließ es sich drei Minuten vor dem Abpfiff nicht nehmen, auch noch einen Treffer beizusteuern. 6:0 – Arminia war in der zweiten Hälfte wie von einer Planierraupe überrollt worden. "Wir haben eine überragende erste Halbzeit gespielt, nur das Tor nicht gemacht", jammerte der Bielefelder Jonas Kamper.

Die Dortmunder hingegen gingen an allen Tribünen entlang und bedankten sich per Plakat bei ihren Fans für die Unterstützung im Laufe der Saison. Als dann auch noch bekannt wurde, dass die Kölner 1:0-Führung in Hamburg bis zum Schluss Bestand hatte, war dieser Nachmittag endgültig perfekt für alle, die an Borussia Dortmund hängen. Jetzt gilt es am nächsten Samstag in Mönchengladbach, den Weg nach Europa endgültig zu zementieren. Ein Dortmunder wird in Gladbach allerdings zuschauen müssen, und es ist ausgerechnet einer, der bisher kein Spiel verpasst und sich nach seinem Wechsel aus Mainz auf Anhieb als feste Größe beim BVB erwiesen hat: Neven Subotic, der erst 20-jährige, hochtalentierte Innenverteidiger, sah in der 60. Minute seine fünfte Gelbe Karte und ist deshalb zum Saisonfinale gesperrt.

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