Bayer-Boss Holzhäuser fordert mehr Reformbereitschaft im Fußball

„Der Fußball muss sich an die veränderten Medienverhältnisse gewöhnen“, meint Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.
„Der Fußball muss sich an die veränderten Medienverhältnisse gewöhnen“, meint Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser.
Foto: sid-online
Bayer Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser hat immer über den Tellerrand des Werksklubs hinausgeschaut und sich als Querdenker der Bundesliga profiliert. Nun nimmt er seinen Hut, mahnt den Profifußball aber noch mal, reformfreudiger zu sein. „Das Lieblingswort des Fußballs ist Nein“, sagt Holzhäuser.

Leverkusen. 15 Jahre war Wolfgang Holzhäuser der Sprecher der Geschäftsführung von Bayer Leverkusen und eine der prägenden Figuren der Fußball-Bundesliga. Auf eigenen Wunsch hört der 63 Jahre alte Chef des Werksclubs am Montag auf und übergibt die Aufgaben an seinen Nachfolger Michael Schade. Zum Abschied redet er in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa noch mal Tacheles und kritisiert die Ablehnung von Neuerungen im Profifußball wie den Videobeweis: "Was ich nicht verstehen kann, ist, warum die Fußball-Oberen so eine Arroganz an den Tag legen." Natürlich schmerze es, dass ein Titelgewinn während seiner Amtszeit nicht gelungen sei.

Sie räumen am 30. September den Chefsessel bei Bayer Leverkusen? Sind sie wehmütig, bereuen Sie es schon, vorzeitig zu gehen?

Wolfgang Holzhäuser: Wehmut empfinde ich auf jeden Fall. Ich hätte nicht geglaubt, dass es mich so mitnimmt. Aber unterm Strich war es richtig zu sagen, der Punkt ist da, an dem ich ausscheiden möchte. Ich hatte ohnehin fest vor, 2014 aufzuhören.

15 Jahre waren Sie der Chef von Bayer 04 und haben keinen einzigen Titel gewonnen. Schmerzt das?

Holzhäuser: Natürlich schmerzt das. Wenn man im Sport tätig ist, will man gewinnen. Aber die Realität sieht eben anders aus. Der dritte Platz der letzten Spielzeit war für mich eine gefühlte deutsche Meisterschaft. Ich bin richtig stolz gewesen, als nach dem Spiel beim Hamburger SV feststand: Wir sind Dritter, und Stefan Kießling ist Torschützenkönig der Liga.

Wäre die Einführung von Playoffs um die Meisterschaft eine gute Idee, weil zwischen Bayern München, Borussia Dortmund und dem Rest der Bundesliga die Kluft immer größer zu werden droht?

Holzhäuser: Nein. Grundsätzlich halte ich von Playoffs gar nichts. Playoff heißt ja, die ersten Fünf oder Sechs spielen noch mal eine eigene Runde. Das ist Blödsinn.

Haben Sie eine bessere Idee?

Holzhäuser: Wenn man sich Gedanken machen will, dann kann man ein Halbfinale und Finale spielen. Ich habe das mal vor Jahren vorgeschlagen, als Werder Bremen mit Rudi Völler 33 Spieltage auf Platz eins stand und wegen eines verschossenen Elfmeters am 34. Spieltag noch von Bayern München abgefangen wurde. Da habe ich gesagt, eigentlich müsste man noch ein Finale spielen: eins gegen vier, zwei gegen drei. Ich habe das Thema bei der Diskussion, ob wir spanische Verhältnisse in der Bundesliga haben, wieder rausgeholt.

Haben wir denn schon spanische Verhältnisse?

Holzhäuser: Ich sehe das nicht so dramatisch, und wir sollten stolz sein, die Bayern und Dortmund zu haben. Es würde ja auch nichts nützen, darüber zu jammern. Wenn dem aber so wäre, muss man Lösungsvorschläge haben. Ich habe einen: Dann lasst uns Halbfinale und Finale spielen. Unter Vermarktungsgesichtspunkten ist das richtig gut zu verkaufen. Und einen Teil des Geldes könnte man anderen Sportarten geben.

„Nein“ ist laut Holzhäuser „das Lieblingswort des Fußballs“ 

Sie haben in der Vergangenheit immer wieder neue Ideen eingebracht. Die Relegation um Klassenerhalt und Aufstieg zwischen 1. und 2. Liga gehörte dazu.

Holzhäuser: Ich habe jahrelang darauf hingearbeitet, denn ich war immer der Ansicht, dass es zwischen den beiden infrage kommenden Mannschaften eine gerechte Entscheidung geben muss. Zu großen Teilen ist die Relegation schon mein Werk.

Und was ist mit dem passiven Abseits? Sollte man es abschaffen?

Holzhäuser: Für mich ist Abseits, wenn der Linienrichter winkt und der Schiedsrichter pfeift. Das passive Abseits verstehe ich nicht, tut mir leid. Vielleicht will ich es auch nicht verstehen.

Gibt es für den Reformer Holzhäuser noch eine Neuerung, die Sie gern im deutschen Profifußball verwirklicht sehen würden?

Holzhäuser: Was ich nicht verstehen kann, ist, warum die Fußball-Oberen so eine Arroganz an den Tag legen, wenn es darum geht, technische Hilfsmittel im Sinne des Fußballs einzusetzen. Arrogant ist zu behaupten, der Fußball geht durch den Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie Videobeweis kaputt. Das ist Nonsens. Wenn man es nicht ausprobiert, sollte man sich kein Urteil dazu erlauben. Ich habe jüngst das EM-Finale der Hockeyherren zwischen Deutschland und Belgien gesehen. Da wurde auf der Leinwand anlässlich einer strittigen Szene die Spielsituation selbst, der Ober- und der Feldschiedsrichter gezeigt. Sogar die Kommunikation der Beiden konnte man hören. Das muss doch im Fußball auch möglich sein, warum kann ich das nicht testen?

Der Fußball bekommt vom Fernsehen viel Geld, bietet aber kaum Innovationen an. Richtig?

Holzhäuser: Der Fußball ist fast die einzige Sportart, die ich kenne, die von sich sagt, ihr müsst mehr Geld bezahlen, aber wir tun dafür nichts. Der Fußball muss sich genauso an die veränderten Medienverhältnisse gewöhnen. Es heißt nicht, dass man den Fußball revolutionieren muss. Ich habe nie verstanden, warum man den Zuschauern im Stadion nicht auch die kritischen Szenen auf der Leinwand zeigt. Das Lieblingswort des Fußballs ist Nein.

Die Fifa macht immer wieder negative Schlagzeilen wie mit der Vergabe der WM nach Katar. Ist die Zeit von Fifa-Präsident Joseph Blatter langsam abgelaufen?

Holzhäuser: Sepp Blatter hat viele Jahre einen guten Job gemacht. Nun ist die Zeit gekommen, wo er mal einen anderen ranlassen sollte.

Und ist Wolfgang Niersbach ein guter DFB-Präsident?

Holzhäuser: Ich habe ihm damals davon abgeraten, Präsident zu werden, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass er mit seiner konzilianten Art und seiner Nähe zum Spitzenfußball ein Präsident für alle sein könnte. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen. Er macht es sehr gut. (dpa)