Medizincheck: Warum wurde Sidney Sams genauer Befund publik?

Auffällige Nierenwerte und Blut im Urin: Nur mit der Einwilligung von Sidney Sam selbst durfte sein Befund an die Öffentlichkeit gelangen.
Auffällige Nierenwerte und Blut im Urin: Nur mit der Einwilligung von Sidney Sam selbst durfte sein Befund an die Öffentlichkeit gelangen.
Foto: imago
Juristen bemängeln, mit welcher Leichtigkeit konkrete Ergebnisse aus Medizinchecks an die Öffentlichkeit gelangen. Denn diese Daten sind hochsensibel.

Essen. Sidney Sam ist Fußball-Profi beim FC Schalke 04, wurde dort aber kurz vor dem Saisonende suspendiert und durfte sich nach einem neuen Arbeitgeber umschauen. Heißester Kandidat für eine Verpflichtung war Liga-Konkurrent Eintracht Frankfurt. Die obligatorische medizinische Untersuchung vor dem Vereinswechsel, gemeinhin als "Medizincheck" bekannt, ergab auffällige Nierenwerte bei Sam. Außerdem stellten die Ärzte Blut im Urin fest. Der Wechsel in die Main-Metropole platzte, schlussendlich bat der Spieler erfolgreich um eine zweite Chance im königsblauen Trikot.

So weit, so unspektakulär.

Das sieht ein angehender Jurist aus Berlin anders. Felix Greis studiert Rechtswissenschaften, sein Spezialgebiet ist das Arbeitsrecht. In einem Beitrag für das Anwälte-Blog Härting.sport kritisiert Greis mit Bezug auf den Fall Sam, mit welcher Selbstverständlichkeit Untersuchungsergebnisse von Profi-Sportlern heutzutage an die Öffentlichkeit gelangen.

Spieler machen sich uninteressant für andere Vereine

Denn Greis macht ganz grundlegend klar: "Die Weitergabe von im Rahmen einer Eignungsuntersuchung gewonnenen Gesundheitsdaten durch Sportvereine an die Presse ist ohne Einwilligung des Spielers rechtswidrig." Laut Greis besonders bedenklich: "Für den Spieler, der offensichtlich wechselwillig ist, ist das misslich, da er nun – theoretisch – für andere in Frage kommende Clubs von vornherein uninteressant sein könnte." Wie also kam Sams Befund ans Licht?

Schalke beteuerte gegenüber der "SZ", man habe "kein Interesse, dass solche Informationen wie über Sidney Sam an die Öffentlichkeit gelangen" und stellt klar: "Wir haben sie definitiv nicht herausgegeben." Eintracht Frankfurt meldete: "Wie die Diagnose in die Öffentlichkeit kommen konnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir haben mit unserem Statement nur auf eine vorab in den Medien veröffentliche Diagnose reagiert."

Dass Eintracht-Manager Bruno Hübner nach Bekanntwerden des geplatzten Wechsels über "erhöhte Blutwerte der Nieren" bei Sam sprach, sei mit dem Spieler, seinem Berater und Schalke 04 abgesprochen gewesen. Die Berater-Firma "SportsTotal", die Sidney Sam vertritt, bestätigte auf Anfrage von WAZ.de Hübners Aussage.

Mussten Sams Berater dem Durchsickern von Interna entgegenwirken? 

Das wirft die generelle Frage auf: Ist ein Spieler gut beraten, die Details zum Befund unmittelbar nach dem Medizincheck von sich aus publik zu machen beziehungsweise machen zu lassen? Und im Fall Sam: Sahen sich Schalke sowie Sams Berater vielleicht sogar genötigt, in die Offensive zu gehen, um dem ungefilterten Durchsickern der Ergebnisse entgegenzuwirken? Dass Sam keinen anderen möglichen Arbeitgeber als Eintracht Frankfurt fand, lag wohl vor allem daran, dass die sportliche Leistungsfähigkeit des ehemaligen Nationalspielers aktuell nur schwer einzuschätzen ist. Die vorab durch die Presse verbreiteten und dann bestätigten Details zum Befund dürften dieser Einschätzung nicht gerade zuträglich gewesen sein.

Zumal Nachuntersuchungen bei zwei Ärzten in Leverkusen zu einem anderen Ergebnis kamen, nämlich zu dem, dass Sam „uneingeschränkt fähig ist, Leistungssport zu betreiben“. Auch kam das Gerücht auf, Sams Gleitwirbel könne den Fortlauf seiner Karriere gefährden. Dabei ist sein Gleitwirbel, eine Instabilität im Bereich der Lendenwirbelsäule, hinlänglich bekannt und bei entsprechender Therapie ein kalkulierbares Risiko. Dennoch: Ob diese Umstände auch den Gang aller Parteien an die Öffentlichkeit rechtfertigten, ist Ansichtssache.

Spieler muss Weitergabe des Befunds schriftlich bewilligen

Das Prozedere vor einem Vereinswechsel läuft dabei wie folgt ab: Ein Arzt des aufnehmenden Vereins führt die sogenannte Eignungsuntersuchung (eine kardiologisch-internistische und eine orthopädische) am potenziellen Neuzugang durch und teilt diese Ergebnisse dem Verein mit - sofern sowohl für die Durchführung der Untersuchung als auch die Weitergabe der Ergebnisse an den Verein jeweils eine schriftliche Einverständnis-Erklärung des Spielers vorliegt. Arbeitsrechtlich und datenschutzrechtlich, erläutert Greis, seien diese Medizinchecks grundsätzlich unbedenklich, da im Profi-Sport "die Kenntnis des künftigen Arbeitgebers von bestimmten Erkrankungen zwingend erforderlich ist".

Ergibt der Check allerdings zuvor unbekannte Krankheiten, "wiegt das Bedürfnis nach einer vertraulichen Behandlung des Untersuchungsergebnisses noch einmal deutlich schwerer", so Greis weiter. Daher sei der Mediziner "ohne Einwilligung des Spielers lediglich berechtigt, den künftigen Arbeitgeber zu informieren, ob die Untersuchung die Tauglichkeit des Spielers für die saisonalen Fußballbelastungen ergibt, oder nicht." Details müssen in diesem Fall unter Verschluss bleiben.

Kölns Hosiner wandte sich persönlich an die Öffentlichkeit

Ein etwas anderer Fall ist der des Philipp Hosiner. Sein mittlerweile vollzogener Wechsel zum 1. FC Köln in der Winterpause der Vorsaison platzte, weil er den Medizincheck nicht bestand. Der genaue Befund aber, Nierenprobleme, sickerte nicht etwa durch. Hosiner machte ihn auf seiner Facebook-Seite später selbst - und exklusiv - öffentlich. Später wurde dem Neu-Kölner übrigens ein Nierentumor entfernt.

 
 

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