Felix Magath möchte nicht mehr von Vereinen "benutzt" werden

Beobachtet die Bundesliga seit einem jahr nicht mehr von innen, sondern von außen und genießt die entspannte Sicht der Dinge: Felix Magath.
Beobachtet die Bundesliga seit einem jahr nicht mehr von innen, sondern von außen und genießt die entspannte Sicht der Dinge: Felix Magath.
Foto: AFP
Felix Magath sagt der Liga ein Schicksal wie dem spanischen Fußball voraus. Dort dreht sich alles seit Jahren nur noch um den FC Barcelona und Real Madrid. In der Bundesliga können Bayern München und Borussia Dortmund diese Rollen durch die Millionen aus der Champions League übernehmen. Ein Interview.

Essen. Felix Magath (60) telefoniert am Steuer seines Wagens. Es rauscht in der Leitung, aber das ist das einzige Problem. Die Polizei wird den früheren Fußball-Nationalspieler und Bundesliga-Trainer, der seit seiner Entlassung beim VfL Wolfsburg seit einem Jahr keinen Job hat, nicht erwischen. Magath lacht: „Freisprechanlage, natürlich!“ Er ist viel unterwegs. Am Sonntag war er beim 1. FC Nürnberg im Stadion und hat dort den 5:0-Sieg des Hamburger SV erlebt.

Haben Sie sich in Nürnberg zwei Ihrer alten Vereine angeschaut oder Ihren neuen Verein?

Felix Magath: Stimmt, ich habe beide Vereine schon trainiert, also habe ich zwei meiner früheren Vereine gesehen. Ich war allerdings absolut enttäuscht.

Wovon?

Magath: Vom Niveau des Spiels. Ich gehe im Moment als neutraler Beobachter ins Stadion und freue mich über gelungene Spielzüge. Wenn die Nürnberger Verteidiger den HSV-Stürmern aber den Ball hinlegen und die den Ball ins Tor schießen, spricht das mein Fußball-Herz nicht an.

Auch nicht die fünf HSV-Tore? Sie sind in Hamburg seit längerem als Sportdirektor im Gespräch.

Magath: Ja, das Thema HSV. Um das alles zu verstehen, müssen Sie sich in meine Situation versetzen.

Gerne. Helfen Sie dabei?

Magath: Sicher. Sie müssen zunächst wissen, dass es mir sehr gut geht. Seit einem Jahr erlebe ich den Fußball nicht mehr aus der Innenansicht, sondern von außen. Ich habe genügend Abstand gewonnen, um gelassen zu werden. Ich wohne in München, ich fühle mich in der Stadt wohl, und ich kann die Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verbringen.

Sie haben sich also vom Fußball als Arbeitsfeld verabschiedet?

Magath: Nein, aber ich muss das ausführlicher erklären. Nehmen Sie das Beispiel Hamburger SV. Im vergangenen Mai hat der Verein dem Trainer Thorsten Fink noch das volle Vertrauen ausgesprochen. Beide Seiten kannten sich zu diesem Zeitpunkt bereits ein ganzes Jahr. Man sollte also wissen, was man voneinander hält. Nur fünf Spieltage später war der Trainer dann plötzlich kein guter Trainer mehr und musste gehen. Als Trainer wirst du immer so hingestellt, als ob du derjenige bist, der alles falsch gemacht hat.

Das haben Sie in Ihrer Karriere oft genug erlebt.

Magath: Richtig. Und ich reiße mich nicht mehr nach einer Tätigkeit, in der ich benutzt werde.

Benutzt?

Magath: Vereine, die einen Trainer entlassen haben, suchen einen neuen Trainer, der Spiele gewinnt und damit die zuvor schlechte Arbeit eines Vereins retten soll.

Das wollen Sie sich mittlerweile alles nicht mehr antun?

Magath: Ein komplexes Thema, wie soll ich es am besten richtig ausdrücken? Ich sage es mal so: Eine neue Aufgabe muss für mich so sein, dass ich in ihr eine Perspektive sehe, dauerhaft etwas zu verändern. Das ist für mich die Grundvoraussetzung. Ich strebe nicht mit Gewalt nach Veränderungen, ich warte einfach ab.

Sie sind in diesem Sommer 60 geworden, ändert sich damit auch das Berufsbild? Nicht mehr bei jedem Regen auf dem Trainingsplatz stehen, sondern vom Schreibtisch aus organisieren?

Magath: So war es schon zuletzt beim VfL Wolfsburg geplant. Ich habe dort als Trainer angefangen, wollte aber auf Dauer Platz machen für einen jüngeren Kollegen und mich dann mehr um die sportliche Leitung kümmern.

Hat nicht geklappt.

Magath: Nein, hat es nicht.

Magath warnt vor Langeweile in der Bundesliga

Sie wohnen in München und lieben Fußball. Waren Sie schon bei den Bayern mit Trainer Pep Guardiola im Stadion?

Magath: Nein, war ich noch nicht. Ich habe die Bayern bisher nur im Fernsehen gesehen, und ich bin überrascht.

Was kann einen erfahrenen Fußball-Mann wie Sie noch überraschen?

Magath: Ich hatte befürchtet, dass der Übergang nicht so reibungslos funktioniert. Als Trainer weiß ich, dass es in einer so erfolgreichen Truppe immer Spieler gibt, die unzufrieden sind. Aber alles ging ziemlich geräuschlos über die Bühne. Die Bayern waren in der vergangenen Saison die beste Mannschaft Europas, und sie werden es auch in diesem Jahr wieder sein.

Aber wird durch diese Überlegenheit die Bundesliga nicht langweilig?

Magath: Davor warne ich seit Jahren. Die Klubs verdienen in der Champions League zu viel Geld, die Kluft in den Ligen Europas wird immer größer. In Spanien hat diese Entwicklung begonnen, dort geht es schon lange nur noch um den FC Barcelona und Real Madrid. Das ist langweilig. Die Bundesliga hat dem Trend lange widerstanden, ab nun läuft die Entwicklung ähnlich. Bayern und Dortmund dominieren, der Rest kommt kaum noch hinterher.

Magath freut sich über Draxlers Verbleib auf Schalke

Ein Jahr nach Ihrer Entlassung beim VfL Wolfsburg kehren Sie ausgerechnet in Schalke auf die Trainerbank zurück und betreuen am 17. November die deutsche Auswahl beim „Jahrhundertspiel“ gegen die Türkei. Die Fans haben sie damals nicht unbedingt liebevoll verabschiedet. Ein Problem?

Magath: Für mich nicht. Wenn mich ein Verein holt, schaue ich mir an, was ich erreichen soll. Darauf arbeite ich dann hin, so habe ich es auch bei Schalke gemacht. Ich stelle mich nirgendwo hin und sage: Ich bin Schalker oder Wolfsburger oder Nürnberger. Ich erledige meine Arbeit, das werden auch die größten Kritiker auf Schalke anerkennen müssen.

Die sagen allerdings, dass Sie den ganzen Verein auf den Kopf gestellt haben.

Magath: Das ist ja auch richtig. Ich habe die Mannschaft umgekrempelt, aber bis heute zeigt sich, wie gut das der Mannschaft getan hat. Mit mir ist Schalke Vize-Meister geworden und die Mannschaft war mit mir noch im Viertelfinale der Champions League, mit meinem Nachfolger ist sie dann noch ins Halbfinale gekommen und hat den DFB-Pokal gewonnen. So falsch kann das alles nicht gewesen sein.

In Schalke hat sich Julian Draxler zu einem herausragenden Spieler entwickelt. Sie haben ihm damals geraten, statt Abitur voll und ganz auf Profifußball zu setzen. Würden Sie ihm das heute wieder raten?

Magath: Ja. Wenn mich Eltern um Rat fragen, sage ich immer das, was ich bei meinen Kindern auch sagen würde. Bei Julian war für mich klar, dass er eine große Karriere vor sich hat. Er hatte damals schon die Mittlere Reife, und warum soll so ein talentierter Junge nicht ein paar Jahre voll und ganz auf Fußball setzen. Ein Abitur kann man in Deutschland auch mal nachmachen.

Zufrieden mit Draxlers Entwicklung?

Magath: Sehr. Er ist ein bodenständiger Typ, und ich freue mich, dass er trotz vieler Angebote in Schalke geblieben ist.

 
 

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