Das harte Geschäft der Bundesliga-Trainer - acht Thesen

Wird Thomas Tuchel neuer Trainer in Hamburg? Oder doch in Leipzig? Vielleicht ja in Dortmund?
Wird Thomas Tuchel neuer Trainer in Hamburg? Oder doch in Leipzig? Vielleicht ja in Dortmund?
Foto: dpa
Die Zeiten, in denen sich Trainer ein Jahrzehnt lang halten konnten und ein halbes Dutzend Vereine betreuten, sind vorbei. Es kommen immer wieder neue Fußball-Lehrer nach.

Essen. Von Otto Rehhagel weiß man, dass er während seiner Zeit als Fußballtrainer gerne mal Goethe zitiert hat. Rehhagel gilt ja inzwischen selber als Klassiker, also darf es auch mal Faust sein: „Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern.“ Ein netter Satz, nur passt er nicht mehr auf die Fußball-Bundesliga und ihre Trainer. Kaum ein Geschäft fegt ältere Hauptdarsteller so rigoros von der Bühne – und katapultiert im Gegenzug immer neue Helden ins Rampenlicht. Die Liga und ihre Trainer – acht Beobachtungen und Thesen.

1. Das klassische Trainer-Karussell dreht sich nicht mehr

Vorbei sind die Zeiten, in denen die immer gleichen 25 Kandidaten sich gegenseitig auf den 18 Trainerstellen ablösten. Es war die Ära von Rehhagel, Erich Ribbeck, Friedhelm Funkel und Rolf Schafstall: Wer früher in Bochum flog, tauchte kurz danach in Frankfurt auf. Und wer dort gehen musste, schlüpfte in Hannover unter. Bis er auch dort flog, aber sicher sein konnte: Bochum wartet. Manche Trainer hielten sich so über ein Jahrzehnt im Geschäft. Vorbei.

2. Die gescheiterte Generation

Abgelöst wurden die üblichen Verdächtigen nach und nach, ehe vor ein paar Jahren eine ganz neue Generation der Anfang-Vierziger bis in den Himmel zu stürmen schien. Heute ist sie die Generation Ausland. Weder vorher noch nachher sind Trainer so schnell und gründlich abgestürzt.

Beispiele? Thomas Doll, heute 49, ist über die Türkei und Saudi-Arabien in Ungarn gelandet. Markus Babbel, 42, trainiert den FC Luzern. Bruno Labbadia, 48, wartet seit eineinhalb Jahren auf einen neuen Job. Thorsten Fink, 47: Zypern. Michael Skibbe, 49: Türkei. Und Holger Stanislawski, 47, der Pirat aus St. Pauli, hat sich ganz vom Fußball verabschiedet und räumt in Hamburg die Regale seines Supermarktes ein. Die Liga hat in den vergangenen fünf Jahren ihre Kinder gefressen – genau die, die nirgendwo die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen konnten.

3. Die Liga kann sich diesen Verschleiß leisten

An hoch qualifizierten Trainern herrscht kein Mangel. Im Gegenteil: Es kommen ständig hervorragend ausgebildete Fußballlehrer nach. Ein Abschluss an der Hennes-Weisweiler-Akademie des DFB ist Bedingung für ein Engagement im Profifußball. „Damit helfen wir, ein bisschen mehr Garantie auf Können zu erhalten“, sagt Frank Wormuth, DFB-Chefausbilder. Der zehnmonatige Lehrgang gilt als hart, die Jahrgangsbesten stehen im Fokus der Profi-Vereine. Was sie auch lernen: Den immer stärker verwissenschaftlichten Fußball vor Kameras zu verkaufen.

4. Pep Guardiola macht’s schwer

Der Coach des FC Bayern gilt weltweit als Maßstab für einen modernen Trainer. Guardiola fordert ein laufintensives, am Ballbesitz orientiertes, technisch anspruchsvolles Spiel. Daran orientieren sich mehr und mehr Vereine – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Gefragt sind Trainer, denen man zutraut, diesem Ideal nahe zu kommen. Deshalb sind derzeit Männer wie Thomas Tuchel oder der Augsburger Markus Weinzierl so begehrt.

5. Die fehlende Geduld

Die Bundesliga wächst wie kaum eine andere Branche: TV-Präsenz, Zuschauerzahlen, Umsätze, Gehälter – alles seit Jahren auf Rekordkurs. Das erhöht den Druck auf Management und Trainer. Faustregel: Wer bei seinem dritten Engagement an der Linie nicht erfolgreich ist, steht im Abseits. Aktuelles Beispiel: Mirko Slomka, der Schalke, Hannover und Hamburg hinter sich hat...

6. Warum in die Ferne schweifen

Ein neuer Trend: Vereine setzen stärker als je zuvor auf jüngere Trainer aus den eigenen Reihen. Sie sind, siehe oben, gut ausgebildet, haben Stallgeruch, haben schon den eigenen Nachwuchs trainiert – und sind die preiswerte Lösung mit geringem wirtschaftlichen Risiko. Trendsetter im Moment: Mainz mit Martin Schmidt und Bremen mit Viktor Skripnik.

7. Der Blick in die Zukunft

Das klassische Trainer-Karussell? Steht still. Der Trainertyp Willibert Kremer oder Friedhelm Funkel mit einem halben Dutzend Vereinen und über einem Jahrzehnt Bundesliga in der Vita? Stirbt aus. Die Liga ist wie eine Bühne, die ihr Personal alle paar Jahre austauscht. Links treten die Alten ab, rechts kommen die Neuen nach.

8. Und doch seh’ ich von Zeit zu Zeit die Alten gern

Am kommenden Montag endet der Trainerlehrgang 2014. Neue Gesichter für die Liga. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Als Retter in der Not feiern die alten Haudegen immer wieder mal kurze Comebacks. Sogar ganz ohne den alten Goethe.

 
 

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