Beim HSV sind viele schuldig - aber nicht van Marwijk

Frank Lamers
Umstritten: HSV-Trainer Bert van Marwijk.
Umstritten: HSV-Trainer Bert van Marwijk.
Foto: imago
Seit Jahren fehlt dem Bundesliga-Dinosaurier Hamburger SV ein Konzept, seit Jahren quatscht jeder gegen jeden, seit Jahren ist das Klima also leistungsfeindlich: Was sollte der Trainer daran verändern können? Ein Kommentar.

Essen. Wenn der Hamburger SV so weitermacht, wird er am Ende der Saison ein interessantes Anschauungsobjekt für die Wissenschaft sein: Weltsensation! Der einzige Dinosaurier, den nicht Naturgewalten in die Knie gezwungen haben, sondern der sich selbst einen Revolver an den mächtigen Schädel gesetzt und einfach abgedrückt hat.

Es wird systematisch versucht, van Marwijk zu schädigen

Anders lässt es sich kaum noch darstellen. Dass dieses letzte immer erstklassige Gründungsmitglied der Bundesliga dem Abgrund entgegentaumelt, hat nämlich nicht mit einem grundsätzlichen Mangel an mannschaftlicher Qualität zu tun, wie es Kapitän Rafael van der Vaart zum Besten gab. Die Qualität, die teuer bezahlte Qualität, die in diesem Ensemble mit Raute steckt, die wünscht sich zumindest die Hälfte des Bankpersonals der Liga.

Ist also Trainer Bert van Marwijk schuldig, weil er Qualität auch in der zweiten Rückrundenpartie in Hoffenheim nicht zum Sieg führen konnte? Antwort: keinesfalls. Der Niederländer erledigt seinen Job so, wie er es in den vergangenen Jahrzehnten außerordentlich erfolgreich getan hat. Ihm einen Strick daraus zu drehen, dass er Spielern nach dem ersten Frust 2014 gegen Schalke den freien Tag nicht gestrichen hat, zeugt schlicht von einem krassen Mangel an Respekt. Ihm vorzuhalten, dass er sich in seinen Wagen setzte und nach Hause fuhr, weist noch darüber hinaus und offenbart: Hier wird systematisch versucht, jemanden zu schädigen.

Da oben im Norden, da ist das alles möglich. Da hat das Tradition. Da wird jede Ablenkung, jede absurde Konstruktion, jede persönliche Beleidigung freudig begrüßt. Da quatschen schließlich seit Jahren schon jede Menge Typen mit, die sich von der Sorge um den Klub angetrieben fühlen, deren Verständnis für echte Verantwortung jedoch ungefähr so schmal ausgebildet ist wie ihr Fußballverstand. Wäre es anders, würden sie erkennen: Gut läuft es, wo Einigkeit, wo Ruhe herrscht, wo Spieler nicht von Vielstimmigkeit irritiert werden oder sich im jeden Verein auf höchster Ebene begleitenden Chor verstecken können.

Ein Fehler ist Lambertus van Marwijk natürlich doch unterlaufen: Er hat den Revolver übersehen.