Bayern München kann auch straucheln

Klaus Wille
„Eine gefühlte Katastrophe“ nennt Thomas Müller den Verlust der Bundesliga-Spitze.
„Eine gefühlte Katastrophe“ nennt Thomas Müller den Verlust der Bundesliga-Spitze.
Foto: imago
Die Bayern hängen einen Zähler hinter dem Meister aus Dortmund und müssen schlucken, dass ihr Spiel am Samstag gegen Werder Bremen nur noch eine Art 1b-Spitzenspiel ist. Nach dem Verlust der Tabellenführung sucht der Rekordmeister nach Ursachen.

Mainz. Der FSV Mainz 05 ist mächtig stolz auf sein neues Stadion. Man hat die coface-Arena am Rand der Stadt gebaut, man fährt ein ganzes Stück mit dem Bus hinaus und sollte dann trotzdem gut zu Fuß sein. Zur Belohnung filmt ein Sponsor die Fans, die nicht im eigenen Auto kommen und präsentiert sie danach im Stadion als vorbildliche Klimaschützer. Nur im Fall des FC Bayern funktionierte das nicht: Der Rekordmeister fuhr brav im Bus vor, und doch herrscht nach der 2:3-Niederlage dicke Luft.Das Ergebnis sorgt nämlich für eine Tabellenkonstellation, die den Bayern nicht behagt. Vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund vor neun Tagen war von der Chance die Rede, dem BVB mit acht Punkten davon zu ziehen. Nun hängen die Bayern einen Zähler hinter dem Meister und müssen schlucken, dass ihr Spiel am Samstag gegen Werder Bremen nur noch eine Art 1b-Spitzenspiel ist: Dritter, Bayern, gegen den Vierten, Werder. Die 1a-Lage, sonst für München reserviert, ist Sache der Borussen geworden: Spitzenreiter Dortmund tritt beim ersten Verfolger Mönchengladbach an. Das ist, versteht sich, nicht Münchener Anspruch.

Schlimmer noch, das 2:3 war nach dem 0:1 gegen Dortmund die zweite Niederlage in Folge. Seitdem suchen die Bayern nach Erklärungsmustern. Das gängigste ist weithin akzeptiert: Ohne den Lenker im Mittelfeld geht es nicht. Bastian Schweinsteiger hat sich, wie jeder weiß, im Champions-League-Spiel gegen den SSC Neapel das Schlüsselbein gebrochen, und nun hat man nachgerechnet: Gegen Neapel musste Schweinsteiger beim Stand von 2:0 raus, am Ende hatte München Mühe, das anfangs so souverän gestaltete Spiel mit 3:2 nach Hause zu schaukeln. Es folgte ein wenig souveränes 2:1 beim biederen Aufsteiger Augsburg, das 0:1 gegen Dortmund, ein 3:1 gegen das in der Champions League vorher schon abgeschlagene Villareal. Und nun das 2:3 in Mainz. Geht nichts ohne Schweinsteiger?

„Das kann für uns keine Entschuldigung sein“, sagt Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger, „wir müssen diesen Ausfall kompensieren können.“ Dem ist bei aller Bedeutung Schweinsteigers kaum zu widersprechen. Keine andere deutsche Mannschaft ist so mit Spielern individueller Klasse bestückt. Und ganz bestimmt gilt auch jetzt noch die alte Regel, dass München von zehn Spielen gegen Mainz neun gewinnt – und rein nach dem Einzelvergleich auch die Mehrzahl der Spiele gegen den BVB für sich entscheiden sollte.

Heynckes spielt Stärken als Moderator aus

Was auffällt: Bei der Suche nach Ursachen klammern die Münchener, anders als früher, ihren Trainer rundum aus. Selten ist ein Coach von Präsident Uli Hoeneß so gepriesen worden wie Jupp Heynckes. Das hat, abgesehen von der Freundschaft der Familien Heynckes und Hoeneß, durchaus gute Gründe: Jupp Heynckes gehört zu den so sympathischen wie geerdeten Menschen in einer Branche der Selbstdarsteller. Er ist mit seinen 66 Jahren milde geworden und spielt seine stärksten Seiten in seiner Rolle als Moderator eines mit Stars durchsetzten Kaders aus, der vorher unter dem Zuchtmeister Louis van Gaal leiden musste. Heynckes bündelt die Strömungen im Verein mit Alphatieren in Vorstand und Mannschaft offenbar sehr geschickt.

Damit können die Bayern bislang gut leben. Heynckes ist in München der Mann für den Übergang, einer, der den Verein befriedet. Und am Ende wie jeder andere an Titeln gemessen werden wird. Die andere Frage ist, wie aufmerksam die Bayern das spieltaktische Können von Trainern wie Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel registrieren. Tuchels Truppe der Namenlosen lief Bayern im Wortsinn den Rang ab: Mainz verteidigte mit seinen beiden Viererketten extrem hoch, lief die Bayern in deren Hälfte konsequent an, doppelte auf den Außenbahnen und stellte den Rekordmeister mit schnellem Umschaltspiel vor Probleme.

Selbst das wird angesichts der individuellen Münchener Klasse nicht immer genügen. Aber es reicht, wenn Bayern ohne Leidenschaft spielt. Oder ohne Idee.

Sieht also im Moment ganz so aus, als werde der Titelkampf spannender als vor einigen Wochen gedacht.