Fußball-Kinder sollen ohne Schiedsrichter Fairness lernen

Eltern sollen weit abseits des Feldes stehen. Schiedsrichter fehlen ganz - wie hier beim E-Jugend-Spiel Meschede gegen Henne-Rartal.Foto: Tobias Aufmkolk
Eltern sollen weit abseits des Feldes stehen. Schiedsrichter fehlen ganz - wie hier beim E-Jugend-Spiel Meschede gegen Henne-Rartal.Foto: Tobias Aufmkolk
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Wenn zwei Kinder-Mannschaften aufeinander treffen, dann gehen mit den Eltern häufig die Emotionen durch. Der Kreis Meschede hat nun die Fairplay-Liga eingeführt. Sie funktioniert ohne Schiedsrichter und sieht für Eltern eine Zone abseits des Spielfeldes vor.

Meschede.. Eberhard Bührmann ist ein freundlicher Mann Ende 40, Schützenkönig war er im vergangenen Jahr. An diesem Morgen steht er im eisigen Wind im Sauerland, den Bayern-München-Regenschirm trägt er in der Hand, der feine Regen benetzt die Brillengläser. „Es ist unglaublich“, sagt der Jugendleiter des SSV Meschede, „welche Dramen sich manchmal abspielen.“ Er schüttelt den Kopf.

Was er meint, sind die Dinge, die sich manchmal tun, wenn zwei Kinder-Mannschaften gegeneinander Fußball spielen. Sie produzieren dann unschuldig diese Dramen, von denen Bührmann spricht. Mütter, die auf den Platz stürmen, weil ihr Sohn gefoult worden ist, Väter, die ihrem Spross taktische Anweisungen auf den Platz brüllen als gelte es, den nächsten Nationalspieler heranzuzüchten. „Wenn man einen Ist-Zustand hat, der nicht zufriedenstellend ist, dann muss man andere Wege gehen“, sagt Bührmann.

Käfig der Emotionen

Der Fußball-Kreis Meschede ist diesen anderen Weg gegangen. Im März führte er die Fairplay-Liga bei Spielen von Jugendlichen unter zehn Jahren ein. Die wichtigsten Regeln: Die Spiele finden ohne Schiedsrichter statt und die ­Eltern der Kinder müssen in einer für sie eingerichteten Zone einige Meter vom Platz entfernt stehen, um zu verhindern, dass sie für die Kleinen aus dem Spielfeld einen Käfig der Emotionen machen.

Die roten Pylonen auf dem Mescheder Kunstrasenplatz zeigen, wo die Eltern das Spiel zwischen dem SSV und Henne-Rartal verfolgen dürfen. Die Jungs vom SSV sind derzeit gut in Schuss, sie werden den Gegner an die Wand spielen. Das steht schon vorher fest. Alle wissen das. Das nimmt ein wenig von der großen elterlichen Anspannung, allerdings nicht alles.

1:0. Ein entschlossenes „Jawoll!“ dringt von außen auf den Platz.

2:0. „Jawoll!“

„Geh hier außen, biet’ dich an! Jetzt hasse Platz.“

16:0. „Jawoll!“

Nicht immer gelingt es den Eltern, sich während des Spiels zurückzunehmen und ihre kleinen Fußballer kleine Fußballer sein zu lassen. Doch der eingeschlagene Weg wird mehrheitlich für gut befunden. „Die Reaktionen sind positiv“, sagt Kreisjugendleiter Georg Wobst, „das Hauptproblem sind die Eltern.“ Er weiß, wie Fußball-Väter manchmal ticken. „Ich war früher auch nicht der Leiseste am Spielfeldrand“, sagt er. Mittlerweile weiß er, was die ständigen Anweisungen bedeuten - für die Kinder, für die Trainer, die manchmal selber noch Jugendliche sind und bei ihrer Arbeit stets den heißen Atem mancher Eltern hinter sich spürten. „Fürchterlich“, sagt Wobst, „fürchterlich“.

Die Idee zur Fairplay-Liga stammt aus Aachen, dort wird sie seit 2007 umgesetzt. Meschede ist einer der ersten Kreise, der die Idee aufgegriffen hat, Detmold, Tecklenburg und Warburg haben schon Kontakt ins Sauerland aufgenommen. 2500 Flyer und 150 Plakate hat der Kreis Meschede anfertigen lassen und an seine Vereine verteilt. Damit alle wissen, worum es geht. Um Spaß. Um Miteinander.

Was passiert bei wichtigen, engen Spielen?

Alle Entscheidungen klären die Kinder unter sich. „Wenn ich jemanden versehentlich foule, dann gebe ich ihm die Hand und helfe ihm beim Aufstehen. Dann gibt’s Freistoß und weiter geht’s“, sagt Ilkay, ein SSV-Spieler. Gibt es doch mal Streit, entscheiden im Zweifel die Trainer, wie es weitergeht. Sie wachen auch über die Zeit, Anpfiff und Abpfiff.

Das Projekt ist jung. Bislang funktioniert es. „Aber wenn es mal Spitz auf Knopf steht, wenn es also mal richtig eng ist, dann muss sich zeigen, ob es dann auch funktioniert“, sagt Eberhard Bührmann. Er wünscht sich, dass es funktioniert, die Überzeugung, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, ist da.

„Das Gute daran ist, dass es die soziale Komponente schult“, sagt Andre Büsse. Sein Sohn Jan hilft gerade, die Jungs von Henne-Rartal ordentlich zu vermöbeln. Jenseits der 20 stoppt der SSV seine Torproduktion. Eine üble Niederlage für Anno, Simon, Jannis, Justus und die anderen.

Sie verlassen hüpfend das Feld und steigen lächelnd in die Autos ihrer Eltern.

 
 

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