Frisch, fromm, fröhlich, frei

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Wer heute Fabian Hammbüchen am Reck turnen sieht, staunt über Kraft und Ästhetik, die das Turnen miteinander vereint wie kaum andere Sportart. Dabei ist diesem Sport nicht mehr anzumerken, dass er vor 188 Jahren ein großes Politikum war.

Deutschland ist im Jahr 1811 seit fünf Jahren von den Franzosen unter Napoleon besetzt. Im Verborgenen wächst unter vielen Deutschen der Drang, aus den vielen Einzelstaaten einen Nationalstaat zu formen. Zu dieser Gruppe gehört auch der 1778 in Lanz (Mark Brandenburg) geborene Friedrich Ludwig Jahn, später besser unter seinem Beinamen „Turnvater“ bekannt.

Jahn träumt von einem großen und starken Deutschland. Als Lehrer in Berlin unternimmt Jahn mit seinen Schülern ausgedehnte Wanderungen und beginnt mit ihnen zu turnen. Er agitiert gegen „Polen, Franzosen, Pfaffen, Juden und Junker“, die Deutschlands Unglück seien. Am 19. Juni 1811 wird auf der Hasenheide bei Berlin der erste deutsche Turnplatz eröffnet – für Jahn nicht nur Stätte für Leibesübungen, sondern auch für nationalistische Propaganda. Er entwickelt das Turnen zur „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg“, um gegen Frankreich in den Krieg ziehen zu können.

Mit Napoleons Niederlage in Russland 1812 und 1813 gegen die neuformierte preußische Armee erhält die Turnbewegung zusätzlichen Schwung. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig treten Jahns Turner dem Lützowschen Freikorps bei. Im gleichen Jahr organisiert Jahn die Verbreitung des Turnens in ganz Deutschland und besucht verschiedene Turnplätze. Das Ende der napoleonischen Herrschaft weckt in Jahn große Hoffnungen auf ein geeintes Deutschland.

Die werden durch die Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1815 enttäuscht. Deutschland bleibt ein Flickenteppich aus selbstständigen Kleinstaaten. Jahn prangert die Missstände in Preußen an und beharrt auf einer Ausweitung der bürgerlichen Rechte im Staat. Jahns Forderungen rufen Gegner auf den Plan. Der preußische Staatskanzler Karl-August von Hardenberg etwa will das Turnen unter staatliche Aufsicht stellen. Jahns Turner machen mit ihrem Sport und ihren politischen Bestrebungen weiter. Unter dem Motto „Frisch ans Werk! Fromm im Glauben an die Gemeinnützigkeit und Wertbeständigkeit des Schaffens. Fröhlich untereinander. Frei und offen in allem Handeln.“, arbeiten die Turner an ihrem Traum vom geeinten Deutschland.

Dennoch erlebt die Turnbewegung gerade in dieser Zeit ihren Höhepunkt. 1817 gibt es allein in Preußen mehr als 100 Turnplätze. Beim Wartburgfest am 18./19. Oktober feiern die Turner den Sieg über Napoleon und Luthers Kampf gegen die katholische Kirche. Sogar Bücher werden verbrannt, was für Argwohn sorgt. Heinrich Heine äußert sich voller Furcht: „Das war nur ein Anfang. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Zwei Jahre später untersagen die Behörden dem Turnvater das Turnen auf der Hasenheide. Es kommt zu Aufständen der Turner, die mit der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch den Studenten und Turner Karl Ludwig Sand ihren traurigen Höhepunkt finden.

Die Folge: Ab 2. Januar 1820 tritt die Turnsperre in Kraft. In Preußen darf kein organisiertes Turnen mehr stattfinden; Jahn wird verhaftet und zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Erst 1837 werden in den Gymnasien wieder Leibesübungen gestattet, die Turnsperre wird 1842 durch Friedrich Wilhelm IV offiziell aufgehoben.

 
 

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