Fall Erfurt steht Wende bevor – Athleten müssen wohl zittern

Ein Rechtsgutachten bringt neuen Schwung in den Fall Erfurt und die Anti-Doping-Kämpfer von Wada und Nada möglicherweise in Erklärungsnot. Angeblich besagt die Expertise, dass die vom Mediziner Andreas Franke durchgeführte Blutbestrahlung auch vor 2011 verboten war.

Köln. Dem Fall Erfurt steht möglicherweise eine erneute Wende bevor. Nach Informationen des Deutschlandfunks kommt ein von der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada) in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten zu dem Ergebnis, dass die durch den Erfurter Mediziner Andreas Franke durchgeführte Blutbestrahlung auch vor 2011 verboten war. Die Nada wollte dies weder bestätigen noch dementieren, schließt aber bereits eine abermalige Neubewertung der Causa Erfurt nicht aus. Das Zittern bei den 27 betroffenen Athleten darf also wieder beginnen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und ihre deutsche Zweigstelle Nada hatten Ende April ihre Meinung überraschend geändert und seitdem nur Behandlungen, die seit dem 1. Januar 2011 durchgeführt wurden, als Verstoß gegen die Anti-Doping-Richtlinien eingestuft. Die Nada hatte hervorgehoben, dass die Wada-Meinung für sie „richtungweisend“ sei.

Mortsiefer spricht von „schwebendem Verfahren“

Nada-Vorstand Lars Mortsiefer betonte, dass das vom renommierten Tübinger Sportmediziner und Rechtswissenschaftler Heiko Striegel angefertigte Gutachten erst Ende Mai in der Endfassung vorliegen werde, und sprach von einem „schwebenden Verfahren“. Sollte das Gutachten allerdings wie vom Deutschlandfunk vermeldet die Erfurter Behandlung auch im Zeitraum 2006 bis 2010 zweifelsfrei als Verstoß gegen den Paragrafen M1 der Wada-Verbotsliste einstufen, sieht Mortsiefer Handlungsbedarf.

„Dann stellt sich die Frage, was sich aus unserem Gutachten entwickeln kann. Ich denke, dass wir dann den Schritt gehen würden, die Wada erneut damit zu konfrontieren“, sagte Mortsiefer und hob hervor: „Wir haben nie gesagt, dass wir die Fälle komplett ad acta legen. Wir werden uns das weiter ergebnisoffen anschauen.“ Ob dann auch Maßnahmen gegen Sportler ergriffen würden, die vor 2011 bei Franke waren - nach SID-Informationen 27 von 30 - ließ Mortsiefer offen: „Das ist noch Spekulation.“ Gegen eine Eisschnellläuferin und einen Radsportler, die nach dem 1. Januar 2011 bei Franke waren, laufen bereits Schiedsverfahren.

Nada könnte „ein Glaubwürdigkeitsproblem“ haben

Die Gefahr, dass die Nada durch eine mögliche Kehrtwende von der Kehrtwende endgültig ihre Glaubwürdigkeit einbüßen könnte, sieht Mortsiefer nicht. „Die Wada, der Normgeber, hat sich revidiert. Diesen Schritt konnten wir nicht außer Acht lassen. Die Wada hat in ihrer Stellungnahme aber auch betont, dass die Neubewertung vorbehaltlich weiterer Anhaltspunkte erfolgt ist“, sagte Mortsiefer. Im Falle einer Neubewertung glaube er nicht, „dass die Nada ein Glaubwürdigkeitsproblem hätte“.

Mortsiefer sieht zudem weitere Faktoren, die neue Anhaltspunkte ergeben könnten. In diesem Zusammenhang erwähnte er die laufenden Verfahren gegen die beiden Athleten vor der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) und die seit weit mehr als einem Jahr andauernden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Erfurt gegen Franke.

Die Staatsanwaltschaft hatte Mitte Mai erklärt, die Entscheidung, ob gegen den Mediziner Anklage erhoben wird, könne noch „Wochen“ auf sich warten lassen. Man warte noch auf zwei Dinge, sagte Oberstaatsanwalt Michael Lehmann: auf eine Stellungnahme von Frankes Anwalt - und auf das Nada-Gutachten.

Bereits im April 2011 hatten die Ermittler Razzien in der Praxis des Arztes sowie am Olympiastützpunkt Erfurt durchgeführt und dabei auch Computerdateien gesichert. Die Leitung des Olympiastützpunktes hatte Andreas Franke daraufhin mit sofortiger Wirkung suspendiert. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. (sid)