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Straubing gegen den Rest der Welt

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Foto: Imago
Wie es ein Verein aus einer Kleinstadt in Bayern gegen die großen Klubs aus Düsseldorf, Köln und Hamburg geschafft hat.

Straubing. 

Die Straubinger sind Asterix, alle anderen sind die Römer.

Straubing ist die kleinste deutsche Stadt, die Erstliga-Eishockey zu bieten hat. 45 000 Einwohner, tief unten in Bayern, nahe der tschechischen Grenze.

In der Metzgerei Königsbauer am Theresienplatz liegen Weißwürste im Fenster, und im Brauhaus Bayerischer Löwe gibt es Schweinebraten mit Knödel für 7,50 Euro. Der Herrenfriseur heißt nicht neumodisch Haarlekin, Haarem oder Haartürlich, sondern einfach nur Karl. Und im Eisstadion am Pulvertum ist der verrückteste Eishockey-Torwart der DEL zu Hause. Barry Brust, der Strafbank-König aller DEL-Keeper aller Zeiten.

109 Strafminuten hat der Kanadier bisher gesammelt. Damit liegt er auf Platz fünf in der Saisonwertung aller DEL-Cracks. Nur einmal gab es in der Eishockey-Welt einen Torwart, der mehr Strafen sammelte: Ron Hextall, der in der nordamerikanischen Profiliga NHL Ende der 80er Jahre 113 Strafminuten im Kasten der Philadelphia Flyers anhäufte.

Hextall kommt wie Brust aus der kanadischen Provinz Manitoba. Dort gibt es zwei Regeln, die man im kanadischen Eishockey schon als Kind beherzigen muss: Iss deine Möhren, damit du groß und stark wirst und, zweitens, lass dir nichts gefallen.

Der 28-Jährige hat beide Regeln befolgt. Er steht vor einem und wirkt wie ein Berg. 1,88 Meter groß, 103 Kilo Muskeln. Dazu lässt er sich bis heute von niemandem etwas gefallen.

Harter DEL-Allltag

An diesem Abend hat er allerdings frei. Er hat sich am Knie verletzt und muss pausieren. Die Straubing Tigers haben Wolfsburg zu Gast. Wolfsburg hat 30 Fans in orangen Trikots mitgebracht, der Alltag in der DEL ist hart.

Mit der Musik im eiskalten Straubinger Stadion ist es so eine Sache. Das Stadion, das bis vor wenigen Jahren noch an den Seiten offen war, liegt mitten im Städtchen. Die Nachbarn haben etwas gegen Krach. Also keine laute Musik.

Später, wenn die Straubinger ein Tor schießen, wird es doch laut. Die Fans singen „Blau und Weiß ein Leben lang“. Es ist das Schalker Lied. In Straubing sehen sie das nicht so eng, das Team trägt schließlich blau-weiße Trikots.

Die Tiger haben vor sechs Jahren den Sprung in die DEL geschafft, waren aber als einziges aktuelles Team der Liga noch nie in den Playoffs. In diesem Jahr sollte es klappen. Sieben Spieltage vor dem Ende der Hauptrunde liegen sie auf dem fünften Tabellenplatz.

Germyn glaubt ans Glück

Stürmer Carsen Germyn hat es nach dem Spiel in Augsburg schon gewusst. In Augsburg, dem einzigen noch offenen Stadion der Liga, flog eine Taube über ihn und kackte ihm aufs Trikot. „Bei uns sagt man, dass das zehn Jahre Glück bringt“, sagt der Kanadier.

Aber es ist mehr als Glück. Die Straubinger suchten sich bewusst Trainer Dan Ratushny aus. Der 41-Jährige stammt aus Kanada, hat in Japan und Schottland Eishockey gespielt, Jura studiert und dann als Wirtschaftsanwalt gearbeitet. Eishockey macht ihm aber mehr Spaß, und über den Umweg Schweiz landete er in Straubing. Dazu kehrte Mittelstürmer Matt Hussey aus Ingolstadt zurück. Der US-Boy führt mit 23 Treffern die Torschützenliste der DEL an.

Und natürlich kam: Barry Brust. Nach elf Spielen für die Los Angeles Kings in der NHL ist es jetzt sein erstes Jahr in Deutschland. „Ihr legt die Regeln anders aus“, sagt er, wenn ihn jemand auf seinen Strafminuten-Rekord anspricht.

Er mag es eben nicht, wenn ein Spieler der anderen Mannschaft einen seiner Kollegen angreift. „Die anderen Jungs beschützen mich, also stehe ich auch für die anderen ein“, sagt er. So geriet er zum Beispiel mit dem Augsburger Sean O’Connor, mit 139 Strafminuten übrigens Nummer eins der bösen DEL-Buben, aneinander. „Ich habe ihm nur klar gemacht, dass er meine Jungs in Ruhe lassen soll.“ Dieser Satz reichte, um eine Rauferei auszulösen.

Doch an diesem Abend bleibt Brust entspannt. Es gibt Apfelschorle aus Bechern, auf denen die Porträts der Spieler prangen. Und unten auf dem Eis macht sein Stellvertreter alles richtig. Jan Guryca wehrt im Penaltyschießen gegen Wolfsburg alle Schüsse ab, Straubing trifft, 4:3!

Asterix hat mal wieder gewonnen.