Jan Benda ist ein bunter Hund

Jan Benda
Jan Benda
Eishockey-Spieler Jan Benda ist seit 22 Jahren Profi und hat auf drei Kontinenten gespielt. Und viel zu erzählen. Benda schaffte es kurzzeitig in die NHL, lebte dann in Russland und spielte in vier Jahren bei drei Klubs. Jetzt ist er beim EHC München gelandet.

München.. Vielleicht gibt es in Deutschland einen geheimen Ort, an dem kleine Architekten produziert werden. Die kleinen Architekten strömen dann hinaus ins Land und bauen kleine Eishallen mit niedrigen Gängen und viel zu kleinen Kabinen, in denen die Luft steht und zuschnappt wie eine giftige Viper, so wie ihr Schweißgeruch in der Nase beißt. Die kleinen Räume stopfen die kleinen Architekten mit kalten Neonlampen und abgewetzen Möbeln voll. Der Tisch, an den sich Jan Benda setzt, muss in grauer Vorzeit mal grün gewesen sein, der Stuhl braun. Jetzt tragen beide ausgeblichenes Irgendwas. Kabinen in jahrzehntealten Eisstadien sind farblose Orte.

Jan Benda stört das nicht. Jan Benda ist ein bunter Hund.

Der Eishockey-Spieler des EHC München hat in seinem Leben Besseres gesehen als diesen Kabinengang, viel Besseres. Und Schlechteres. Viel Schlechteres.

Jan Benda ist jetzt 39 Jahre alt. Im Frühjahr, wenn in Deutschland die Meisterschafts-Playoffs in der Wintersportart Eishockey beginnen, wird er 40. Die meisten seiner Kollegen stehen mit 40 längst in einem neuen Leben. Manche sind Trainer geworden, andere Manager. Ein paar leben vom Geld, das sie verdient haben. Es sind die wenigsten.

Jan Benda spielt immer noch. Und immer woanders. Seit 22 Jahren geht das so, im kommenden Sommer würde er gerne noch eine Saison dran hängen. Gerne in München, wo es ihm gefällt. Vielleicht woanders. Da gefällt’s ihm auch.

Man weiß bei Jan Benda heute nie so genau, wo er morgen sein könnte. Er hat in seinen 22 Jahren als Profi für ebenso viele Vereine gespielt, mal drei Jahre lang, mal sechs Wochen kurz. Er hat in Deutschland und den USA gespielt, in Tschechien, in Finnland, in Russland. Und, in Asien, in einer dieser vielen jungen Republiken mit den Operettennamen. Tatarstan.

Angefangen hat das alles vor 17 Jahren. Damals hat Jan Benda Deutschland verlassen. Damals hieß die Deutsche Eishockey Liga noch Bundesliga, es gab Auf- und Abstiege, durch die Stadien zog der Wind, aber sie waren voll. Benda schaffte in seinem ersten Jahr als Profi mit Freiburg den Klassenerhalt, im zweiten wurde er mit den Münchenern, die damals Hedos hießen, Meister. „Was sollte danach in Deutschland noch kommen?“, fragt er.

Was kam, waren Geschichten für drei Sportlerleben.

Eins in Nordamerika: Benda schaffte es kurzzeitig in die NHL, das Paradies für jeden Eishockey-Spieler. Er lief ein paar Mal für die Washington Capitals auf. „Wahnsinn“, sagt er rückblickend, „dafür hat sich die Ackerei im Training gelohnt.“ NHL, das hieß: gutes Geld. Die besten Hotels. Wenn sich herumsprach, wohin die Spieler zum Essen gingen, „dauerte es manchmal keine zehn Minuten, bis der Laden voll mit schönen Frauen war.“ Die Kehrseite: eine gnadenlose Auslese. Benda musste immer wieder in Farmteams durch die amerikanische Provinz tingeln. Ketten-Motels statt Luxus-Hotels, Busfahrten statt Flugreisen. „Dort habe ich gelernt, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen“, sagt Benda.

Dann das Leben in Russland. Ein verrücktes Leben. Vier Jahre, drei Klubs. Einer war Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau. Jedes Auswärtsspiel eine Flugreise, jede Flugreise ein Abenteuer. Einmal rammte ein betrunkener Lkw-Fahrer die Tragfläche der alten Vereins-Maschine. Der Pilot wickelte Klebeband um einen Riss. „Wir haben nach der Landung drei Kreuze gemacht,“ sagt Benda.

Später, in einem Moskauer Vorortverein stürmte der Teambesitzer, ein Ex-General, nach einem verlorenen Spiel gegen Dynamo Moskau in die Kabine, umringt von vier Leibwächtern. „Soll ich euch alle erschießen lassen?“, habe der Mann gebrüllt, während seine Bodyguards ihre Waffen zückten. Zwei Abende später, Bendas Team hatte ZSKA Moskau geschlagen, kniete der Mann vor ihm und küsste ihm beide Füße. „Da hab ich mich schon gefragt, wo ich bin“, sagt Benda. Er hat dann noch stundenlang mit Gänsen und Ziegen im Zug gesessen, auf der Fahrt in ein Trainingslager. Er hat einem Obdachlosen abends Geld gegeben und ihn morgens erfroren aufgefunden. „Russland“, sagt Jan Benda, „hat mir gezeigt, mit wie wenig Menschen zurecht kommen müssen.“

Familie lebt in Prag

Er hat dann noch in Finnland gespielt, wo Unmengen getrunken wurden. In Tschechien, woher seine Familie stammt. Vor fünf Monaten hat er mit 39 Jahren seinen Einstand in der DEL gegeben, die Nürnberg Ice Tigers brauchten einen vielseitigen Angreifer. Der Verein wechselte kurz darauf den Trainer, es lief nicht so besonders, nun spielt er bis zum Saisonende in München.

Und dann? Benda hat einen Trainerschein, er würde gerne den Einstieg finden. Oder weiter spielen. „Fit bin ich“, sagt er, „ich war ja nie länger verletzt.“ Viel spricht für München. Seine beiden Kinder leben in Prag bei ihrer Mutter, Weihnachten kommen sie zu ihm. Seine Frau hat das Globetrotter-Leben jahrelang mit ihm geteilt, jetzt leben sie getrennt. „Leider“, sagt Benda ruhig. „Sowas passiert.“

Und wenn’s in München nicht klappt? Jan Benda lächelt und wirkt wie einer, der in sich ruht. Da fällt es leicht, beweglich zu bleiben.

Die Welt der kleinen Kabinen ist schließlich groß.

 
 

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