Ein EM-Sonderheft für echte Taktik-Freaks

Runde Kreise und Pfeile: So sieht es aus, wenn die Autoren das WM-Finale zwischen Spanien und den Niederlanden beschreiben.
Runde Kreise und Pfeile: So sieht es aus, wenn die Autoren das WM-Finale zwischen Spanien und den Niederlanden beschreiben.
Foto: spielverlagerung.de
Die Zeit vor fußballerischen Großereignissen ist die Zeit der WM- bzw. EM-Sonderhefte. Neben den bekannten Heften von kicker, Sport-Bild und 11 Freunde gibt es in diesem Jahr auch einen Exoten: das E-Book von spielverlagerung.de, das wir hier vorstellen.

Essen.. Der Markt der Fußball-Sonderhefte ist bislang fein säuberlich in drei Teile aufgeteilt: Auf der einen Seite steht der kicker, Urvater aller Sportmagazine in Deutschland und Bibel aller Fußball-Fans, der seit 1920 die deutsche Fußball-Öffentlichkeit in aller Ernsthaftigkeit und Seriosität mit Nachrichten und Hintergründen zum Thema Fußball beliefert. Wer ein kicker-Sonderheft kauft, weiß, was er bekommt: Fundierte Analysen und Informationen, die Vorstellung der Teams inklusive Mannschaftsfotos, die Vorstellung der Schiedsrichter, des EM-Balls und der deutschen Unterkunft, eine Stecktabelle und eine selten witzige Kolumne auf der letzten Seite. Solide und verlässlich, sagen die einen. Altbacken und etwas langweilig - gerade was die Sprache und Präsentation angeht -, sagen die anderen. Wer den kicker kauft, wird informiert, nicht überrascht.

Ein radikal anderes Prinzip verfolgt 11 Freunde, wo das Überraschende zum alles überstrahlenden Prinzip erhoben wird. Die Macher haben gar nicht den Anspruch, alle Informationen zu liefern, vielmehr wird das Abseitige, Amüsante, Skurrile gesucht - das ist immer kurzweilig, manchmal sehr lustig, nicht selten aber von geringem Informationswert.

Irgendwo dazwischen bewegen sich die Sonderhefte der Sport-Bild: Ganz viel Schland-Berichterstattung und dazu die erwartbaren Informationen wie Teamportraits, in leichterer Sprache als im kicker, dafür auch mit geringerer Informationstiefe.

Charme einer Universitätsarbeit

Mit den drei Heften ist man bestens präpariert, um beim gemeinsamen Rudelgucken mit Fach- und eher abseitigem Wissen zu punkten. Fußballnerds und Taktikfreaks dagegen kommen bisher zu kurz. In diese Lücke versucht das Sonderheft des Blogs spielverlagerung.de zu stoßen, das nur als E-Book auf der Seite selbst oder bei Amazon (mit einigen Vorschau-Artikeln) erhältlich ist. Und Book ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, denn auf den 203 Seiten befindet sich vor allem: Text. Das Layout verströmt den Charme einer Universitätsarbeit, nur hin und wieder wird der Buchstabenwust durch Grafiken aufgelockert. Die totale Fokussierung auf den Inhalt eben.

Leser des Blogs kennen das Prinzip: Auch auf spielverlagerung.de geht es nicht um optische Schönheit, sondern allein um die Inhalte, um Taktik, Taktik, Taktik. Was der Leser sonst noch aus der Fußball-Berichterstattung kennt, Debatten über Schiedsrichterleistungen zum Beispiel oder Knatsch in der Kabine, wird konsequent weggelassen. Sechs Autoren liefern taktische Analysen zu nationalen und internationalen Spielen, fünf von ihnen haben am Sonderheft mitgearbeitet und die unterschiedlichen Teams untereinander aufgeteilt. Dadurch geht zwar hier und da der rote Faden verloren, andererseits bringen die unterschiedlichen Schwerpunkte Abwechslung in das Buch: So beschäftigt sich ein Text mit den ideologischen Hindernissen bei der englischen Trainersuche, ein anderer zeigt auf, wie die dänische Defensive zu knacken ist.

Neun verschiedene Taktikvarianten zur spanischen Mannschaft

Zu jeder Mannschaft aber gibt es eine taktische Analyse mit dazugehöriger Illustration, aber auch hier sind die Unterschiede groß: Während die niederländische oder dänische Taktik relativ konventionell behandelt werden, werden für die spanische Nationalmannschaft gleich neun verschiedene Varianten mit den jeweiligen Stärken und Schwächen angeboten, hinzu kommt ein Text über die Probleme Spaniens seit der WM 2010. Das liegt natürlich am variantenreicheren Spiel der Iberer, aber auch an der unterschiedlichen Herangehensweise der Autoren.

Fundiert sind die Analysen allesamt und taktisch deutlich tiefergehend als alles, was man aus der Mainstream-Fußballberichterstattung gewohnt ist. Warum zum Beispiel der Schalker Klaas-Jan Huntelaar in der niederländischen Nationalmannschaft nicht an Robin van Persie vorbeikommt, ist sonst nirgends derart kenntnisreich und detailliert nachzulesen. Zitat: "Die Spielstärke van Persies lässt sich nur schwer in Zahlen fassen, sodass sich vor allem diejenigen Berichterstatter, die ihn eben nicht im wöchentlichen Wettkampf beobachten, schwer tun, objektiv über die Offensivbesetzung beim deutschen Vorrundengegner zu berichten."

Falsche Neun, Dreifachacht und abkippender Sechser

Dies ist die große Stärke des Sonderheftes, die Vielzahl der Informationen und Analysen über die taktische Ausrichtung der EM-Teilnehmer. Diese Stärke bringt aber zwei Nachteile mit sich: Einsteiger, die mit Begriffen wie "falsche Neun", "Dreifachacht" oder "abkippender Sechser" nicht viel anfangen können, werden es schwer haben. Hier wäre ein Glossar schön gewesen. Auch die Grafiken machen es nicht immer leichter, die komplexen taktischen Beschreibungen zu verstehen, weil Legenden und erklärender Bildtext fehlen.

Außerdem sind viele Texte sehr lang geraten, die taktische Analyse Tschechiens etwa umfasst zehn Seiten; dazu ist der Großteil des Buchs in trockenem Taktik-Sprech gehalten, der manchmal etwas langatmig und redundant geraten ist. Zwar sorgten gleich fünf Lektoren dafür, dass das sprachliche Niveau höher ist als im Blog, erstaunlich viele Grammatik- und Rechtschreibfehler blieben aber unentdeckt.

Für Taktikfreaks empfehlenswert, als kurzweilige Unterhaltung nicht

Gegenüber den Profi-Produkten von kicker oder 11 Freunde haben die Macher außerdem den Nachteil, nicht nah genug an die Personen heranzukommen, über die sie schreiben. So krankt ein eigentlich interessantes Portrait des deutschen Co-Trainers Hansi Flick erkennbar daran, dass der Autor nicht mit Flick selbst sprechen konnte. So bleibt es bei Mutmaßungen, dass etwa Flick ein wichtiger Baustein im Trainerteam sein dürfte - es ist dies der Blick von außen, ohne Insider-Informationen.

Dennoch: Taktik-Freaks und solche, die es werden wollen, werden an den 203 dicht bepackten Seiten kaum vorbeikommen. Wer eher nach einer kurzweiligen Lektüre für zwischendurch sucht oder sich mit abseitigen und skurrilen Anekdoten munitionieren will, sollte sich anderswo umsehen.

Immerhin: Ganz auf derartige Schmankerl müssen auch die Leser des E-Books nicht verzichten. Dass etwa Hansi Flick einst in seinen ersten Tagen als Spieler des FC Bayern München den großen Lothar Matthäus respektlos umsenste und sich damit Respekt im Mannschaftskreis erwarb, ist zumindest etwas, was dem stets zurückhaltenden Freund des gepflegten Kurspassspiels heute wohl keiner mehr zutraut.

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