Ein cooler Typ

Seine Methoden sind umstritten, für sein derzeitiges Projekt beim VfL Wolfsburg wird er beneidet und doch: Wenn Felix Magath am Spielfeldrand steht, verschmitzt grinst und Sprüche raushaut, dann denken doch viele Fans insgeheim: "Der Magath ist schon 'ne coole Sau." Und wird heute 55 Jahre alt.

Über Felix Magath gibt es viele Meinungen. Sie reichen von "fantastisch" bis "verrückt". Einer These wird jeder Fußballfan in Deutschland zustimmen: Ohne Felix Magath ist die Bundesliga der vergangenen Jahrzehnte nicht vorstellbar. Er wurde - als Sechster überhaupt - als Spieler und Trainer deutscher Meister, hat in allen denkbaren Funktionen gearbeitet. Deshalb wäre es für einen Sport-Dokumentarfilmer auch sehr einfach, die Magathsche Karriere in fünf Folgen aufzuteilen.

Folge 1: Felix, der Spieler

Der Anfang dieser ersten Folge ist unspektakulär. Der kleine Felix als Siebenjähriger beim VfR Nilkheim, als Elfjähriger beim TV 1860 Aschaffenburg. Interessant wird's 1972. Magath ist 19, wohnt immer noch in seiner Geburtsstadt und wechselt zum größten Klub vor Ort: der Viktoria. In zwei Jahren dribbelt und arbeitet er sich vor bis ins Bundes-Fußball-Schaufenster. 1974 folgt der nächste Wechsel. Deutschland wird in München Weltmeister, den kleinen Felix Magath zieht es weg. Hin zum 1. FC Saarbrücken in die 2. Bundesliga. Auch im Saarland braucht Magath nur zwei Jahre, um auf sich aufmerksam zu machen.

Sein nächster Verein wird ihn prägen. Bis heute. Von 1976 bis 1986 trägt er beim Hamburger SV die Rückennumer "10", schießt in 306 Bundesligaspielen 46 Tore. Er gewinnt dreimal den Meistertitel, wird zweimal Europapokalsieger - 1977 im Pokalsieger-Wettbewerb, 1983 sogar im großen Landesmeister-Cup. In beiden Endspielen trifft er. Zuerst zum 2:0-Endstand im Spiel gegen den RSC Anderlecht (1977), sechs Jahre später gelingt ihm sogar das "Tor des Tages" zum 1:0-Sieg im Spiel gegen Juventus Turin. Bis heute ist das der größte Erfolg in der langen Vereinsgeschichte des Hamburger SV.

Es gibt aus dieser Zeit genug Bildmaterial für eine mögliche erste Folge dieser Magath-Serie. Im Knopp-Stil könnten auch Stimmen von ehemaligen Mitspielern eingefügt werden. Mit Kevin Keegan hat er gemeinsam in einer Mannschaft gespielt, auch mit Uli Stein, sogar mit Beckenbauer. HSV-Manager zu Magaths Zeit war Günter Netzer. Magath spielte auch in der Nationalmannschaft - sogar 43-mal. Auf seiner Visitenkarte steht: Europameister 1980, Vize-Weltmeister 1982, Vize-Weltmeister 1986. Im WM-Finale gegen Argentinien in Mexico-City endete die Spielerkarriere Magaths. Vorzeitig, in Minute 61. Mit einer Auswechslung. Wie gemalt für ein Ende der ersten Folge.

Folge 2: Felix, der Manager

Bereits 1984 hatte Magath einen Anschlussvertrag beim HSV unterschrieben (wäre eine gute erste Szene für die zweite Folge, ist aber bestimmt nicht bildlich dokumentiert). Nach dem WM-Finale wird er an der Elbe sofort Manager. Er scheitert. "Ich war damals nicht so weise vorauszusehen, dass der Verein bei meinem Amtsantritt 1986 tiefrote Zahlen schreiben würde. Ich konnte keine neuen Leute mit Perspektive kaufen, ich musste bewährte Spieler verkaufen", sagte er im Februar 2008 in einem Interview mit dem "Tagesspiegel". Auch beim 1. FC Saarbrücken (November 1989 bis 30. Juni 1990) und Bayer Uerdingen (1. Juli 1990 bis Januar 1992) sitzt er hinterm Schreibtisch. Bringt nichts. Der Managerjob ist nicht Magaths Ding. Anfang 1992 sattelt er um. Wird Trainer. Wäre eine herzzerreißende, typische, nicht unübliche letzte Szene: Er schließt die Tür, ist von hinten zu sehen, braust im dicken Auto davon.

Folge 3: Felix, der Feuerwehrmann

Felix Magath, zwischen 1976 und 1992 stets im Bundesliga-Rampenlicht, verschwindet aus der Öffentlichkeit. Futsch. Beim FC Bremerhaven will er wieder in Form kommen. Mit 39 zieht er 1992 selbst noch einmal die Schuhe an, wird Spielertrainer. Und bekommt nach nur einem Jahr erneut ein Angebot des Hamburger SV. Ein neuer Anfang. Er wird Co-Trainer der Profis und "Chef" der zweiten Mannschaft.

Am 5. Oktober 1995 kehrt er zurück in die Bundesliga. Die Presse- und Agenturfotografen stehen an diesem Tag vor der HSV-Trainerbank und knipsen, knipsen, knipsen. Benno Möhlmann hat den Bundesliga-Dino in den Keller geführt, Magath muss helfen. Magath, der unter Branco Zebec und Ernst Happel trainierte. Magath, der sein eigenes Trainerprofil noch entwickeln muss. Er rettet den HSV in der Saison 95/96. Und mehr als das. Er führt "seinen" Klub sogar noch in den UEFA-Cup. Magaths erstes Fußball-Wunder. Mit Spielern wie Golz, Spörl, Hollerbach, Albertz, Salihamidzic. Doch in der Saison drauf geht's wieder bergab. Der Magath-Geist ist verflogen. Er rede zu wenig mit den Spielern, heißt es. Das Training sei zu hart. Am 18. Mai 1997 ist der HSV erneut in Abstiegsgefahr. Magath muss gehen.

In den dreieinhalb Jahren darauf folgen drei weitere Trainerstationen. Die Vorwürfe bleiben: nur kurzfristiger Erfolg, langfristig zu grummelig und hart. "Quälix" lautet der Spitzname. Das ist noch niedlich. "Saddam" sagen Spieler, die ihren Chef nicht so sehr mögen. "Feuerwehrmann" titeln die Zeitungen. Er steht in einer Reihe mit Jörg Berger und Peter Neururer. Sein zweiter kurzfristiger Erfolg: Aufstieg mit dem 1. FC Nürnberg in die Bundesliga. Doch beim "Club" bleibt er nur vom 8. September 1997 bis zum 17. Juli 1998. Als Nach-Nach-Nachfolger von Otto Rehhagel darf Magath ab dem 22. Oktober 1998 den SV Werder Bremen trainieren. Das geht komplett schief. Magath verkennt das Talent Ailtons, kommt mit Vorstand, Fans und Spielern nicht zurecht. In Abstiegsgefahr muss er das Amt am 10. Mai 1999 an Thomas Schaaf übergeben. Ab dem 27. Dezember 1999 der nächste Einsatz auf dem Feuerwehrwagen: Er soll Eintracht Frankfurt vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit bewahren. Und er schafft. Ein Zitat seines damaligen Stürmers Jan-Aage Fjörtoft sagt viel über die Hassliebe der Spieler zu ihrem Trainer Magath: "Ob Felix Magath die Titanic gerettet hätte, weiß ich nicht. Aber die Überlebenden wären topfit gewesen." Wenn das kein passendes Schlusswort für die Folge "Felix, der Feuerwehrmann" ist... Denn am 29. Januar 2001 endet Magaths Dienst am Main.

Folge 4: Felix, der Erfolgstrainer

Die Zeit der Arbeitslosigkeit dauert nicht lang. Nur knapp drei Wochen später erhält Magath einen Hilferuf aus Stuttgart. Der VfB ist in Abstiegsgefahr, die Rot-Weißen suchen - na was wohl - einen Feuerwehrmann. Den Schwaben droht der Kollaps. Sie stehen tief, tief, tief in den roten Zahlen und kurz vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit. Und dann Magath? Die VfB-Fans zweifeln: Der ist doch nur 'ne kurzfristige Lösung...

Denkste. Mit einem 0:0 beim VfL Bochum beginnt Magaths Zeit beim VfB. Er rettet den VfB (natürlich!) und ist ab dem 19. Dezember 2002 sogar Alleinherrscher beim VfB, nachdem Manager Rolf Rüssmann gefeuert wird. Aus finanzieller Not befördert er Spieler wie Kevin Kuranyi ins Profiteam, verstärkt sein Team nur punktuell und führt es direkt in die Champions League. Er ist nun nicht mehr der stille Interviewpartner, der in der Saisonvorbereitung seinen Spielern Medizinbälle zuwirft. Er ist Felix Magath, der auf den Fanzaun springt. Felix, der Volksheld. In der Saison 03/04 wiederholt er den Erfolg mit dem VfB und zieht als Vierter erneut ins internationale Geschäft ein.

Genau in dieser Magathschen Erfolgsphase suchen die großen Bayern einen harten Hund als Nachfolger für den wachsweichen Ottmar Hitzfeld. Sie holen Magath. Der muss sich zwar etwas an die raue Münchner Luft gewöhnen, gewinnt aber zweimal in Folge das Double - das ist vor ihm noch keinem Trainer in Deutschland gelungen. Er arbeitet mit Kahn zusammen, mit Ballack, Lucio, den Großen eben. Doch seine Zeit an der Isar - seiner inzwischen sechsten Trainerstation im deutschen Profifußball - ist endlich. Natürlich. Im Tagesspiegel-Gespräch sagt er: "Wenn Sie im ersten Jahr Meister und Pokalsieger werden, im zweiten mit neun Punkten Vorsprung auf Platz eins liegen und im Pokal-Halbfinale gegen St. Pauli spielen – wenn Sie trotz der komfortablen Situation ständig kritisiert werden, wissen Sie, was kommen wird." Nach einem 0:0 gegen den VfL Bochum muss er gehen.

Für diese Folge gibt es wahrlich genug Bilder. Magath mit Meisterschale, Magath mit DFB-Pokal, Magath am Fanzaun, Magath bei der Ehrung zum "Trainer des Jahres" 2003 und 2005, Magath in Interviews, Magath jubelnd, Spieler, die über Magath reden. Und zum Schluss ein paar Aufnahmen von Magath bei seiner aktuellen Station: VfL Wolfsburg. Selten hatte eine einzige Person mehr Macht bei einem Fußballklub. Magath ist Teamchef. Sponsor VW stellt das Geld zur Verfügung, Magath kauft. Mit Erfolg. Im ersten Jahr wird der VfL Fünfter, zieht in den UEFA-Cup ein.

Was kommt jetzt?

Folge 5: Felix, der Privatmensch

Dieser Teil beginnt mit der Geburt in Aschaffenburg. In seinem Pass steht als Vorname "Wolfgang". Seine Mutter stammt aus Ostpreußen, sein Vater aus Puerto Rico. Er leistete in Aschaffenburg seinen Dienst als Soldat der US Army Langweilig wird ihm zu Hause nie. Aus zwei Ehen gingen sechs Kinder hervor. Doch wie endet diese letzte Folge der Magath-Serie? Mit Felix Magath im Urlaub. In Puerto Rico. In jedem Jahr geht's nach Saisonende ab zum Vater. Abschalten. Nicht an Fußball denken. Das kann er auch, dieser coole Typ.

Zugaben: "Outtakes"

Halt, ein paar Zugaben haben wir noch. Nämlich Zitate. Wer hätte gedacht, dass ein manchmal so dröger Typ so herrliche Sprüche von sich geben kann...

"Eine schöne Kombination auf dem Fußballplatz ergibt sich nicht einfach so. Schönheit ist die Abwesenheit von Zufällen."

"Schach ist für mich neben Fußball der schönste Sport, weil es aufgrund der Figuren auch ein Mannschaftssport ist."

"Das war europäische Weltklasse."

"Bescheiden wie wir beim FC Bayern sind, erwarte ich den DFB-Pokalsieg, die Meisterschaft und ein außergewöhnlich gutes Abschneiden in der Champions League."

“In diesem Drecksspiel hätte ich zehn Akteure auswechseln können.”

“Ich werde einen Teufel tun und Ewald widersprechen. Der Ewald hat sich ja alles ganz genau notiert.” (über eine Spielanalyse von Ewald Lienen nach einem Bundesligaspiel gegen eine Lienen-Mannschaft)

“Ich hatte schon vorher das Gefühl, dass die Mannschaft noch nicht reif für die Bundesliga ist. Aber dass einige Spieler so weich in der Birne sind, hätte ich nicht gedacht.” (nach einer 1:2-Niederlage der Frankfurter Eintracht in Klein-Karben)

“Der Vorteil von Trainern wie Branko Zebec und Ernst Happel war ihre kuriose Sprache. Die Spieler mussten sich stark konzentrieren, um zu verstehen, was sie meinten. Deshalb kam ihre Botschaft so gut rüber.”

“Das Schlechteste am heutigen Spiel ist, daß ich nichts zu meckern habe.”

“Das Positive war, dass wir hinten zu Null gespielt haben. Das Negative war, dass wir auch vorne zu Null gespielt haben.”

Herzlichen Glückwunsch zum 55. Geburtstag!

 
 

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