Dortmund-Chef Watzke: „Unsere Leistung wird nicht respektiert“

Daniel Berg

Dortmund. Hans-Joachim Watzke sitzt in seinem Büro in der Geschäftsstelle an der Bundesstraße 1. Durch das Fenster blickt der Geschäftsführer auf das Stadion von Borussia Dortmund. Dort steht heute Abend (20.45 Uhr) das Viertelfinal-Rückspiel der BVB-Fußballer gegen Real Madrid an. Das Hinspiel vor einer Woche ging mit 0:3 verloren. Der Mann aus Marsberg steckt sich einen Zigarillo an - und redet.


Frage: Herr Watzke, steht am Freitag ein Flieger bereit, um Sie zur Halb­final-Auslosung der Champions League nach Nyon zu bringen?
Hans-Joachim Watzke: Nein. Aber wir würden das schon noch rechtzeitig hinbekommen, keine Sorge.


Wie viel Geld würden Sie auf den Halbfinaleinzug des BVB wetten?
Ich wette nicht, habe ich noch nie. Ich bin ein rationaler Mensch. Aber ich kann mit Wahrscheinlichkeiten umgehen und weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Real am Freitag zur Auslosung fliegt, größer ist, als die, dass wir in die Maschine steigen. Gleichwohl wollen wir das Spiel gewinnen.
Haben Sie noch ein bisschen Hoffnung?
Die Hoffnung stirbt zuletzt – sagt man ja mit Recht. Natürlich wollen wir ein gutes Spiel abliefern – und wenn wir das Gefühl haben, dass Real etwas zulässt, dann werden wir da sein. Ob es dann in der jetzigen personellen Situation die reine Freude wäre, noch ein Halbfinale zu bestreiten während unsere ­Bundesliga-Konkurrenten während der Woche spielfrei haben, ist die andere Sache. Denn natürlich wollen wir den Platz zwei in der Liga verteidigen.


Ihr Trainer Jürgen Klopp hat den BVB als das Aschenputtel des Viertel­finals bezeichnet. Teilen Sie seine Ansicht?
Wenn man die anderen sieben ­Namen in diesem Viertelfinale sieht und schon vor der Auslosung weiß, dass es unglaublich schwer wird, dann ist das durchaus ein stimmiges Bild.


Es gibt Kritiker, die Ihnen vorwerfen, Ihr Understatement zu übertreiben.
Mir fehlt in Deutschland ehrlich gesagt ein wenig Respekt vor der Leistung, die Borussia Dortmund auch in diesem Jahr erbracht hat. Dass wir mit unserem Mini-Etat von 70 Millionen Euro – die anderen Viertelfinalisten liegen zwischen 130 und 250 Millionen - zum zweiten Mal in Serie zu den besten acht Klubs Europas gehören, ist außergewöhnlich. Einigen scheint leider das Gefühl dafür abhanden gekommen zu sein, was hier in den vergangenen Jahren bewegt wurde. Ich mache das jetzt im zehnten Jahr und habe es noch kein einziges Mal erlebt, dass wir im April noch in allen drei Wettbewerben vertreten waren.


Soll denn der BVB auf ewig das Aschenputtel bleiben? Oder gibt es einen Plan, um die wirtschaftliche Lücke zu schließen?
Wenn mir irgendjemand sagen kann, wie wir das in ein paar Jahren machen können, dann bin ich gerne bereit, mich mit ihm zu unterhalten. Ich habe aber den Eindruck, dass es diesen Menschen nicht gibt. Bayern hat die Lücke zu den internationalen Topklubs mehr als geschlossen. Aber die haben dafür 50 Jahre gebraucht. Wir machen das jetzt seit neun ­Jahren, mit dem Unterschied, dass Bayern immerhin bei Null gestartet ist und wir bei Minus was weiß ich wie vielen Millionen.


Vor der Saison war eines der Dortmunder Saisonziele, nicht wieder einen exorbitanten Rückstand auf die Bayern zu haben. Sind die Bayern auf Jahre übermächtig?
Unsere Saison gibt ehrlich gesagt kein klares Bild ab, weil sie mit den vielen Verletzten eine Extremsituation darstellt. Trotzdem stehen wir wieder vor fast allen anderen, die den Angriff auf uns mehr oder weniger vollmundig propagiert haben. Stand jetzt sind die Bayern schwierig zu attackieren. Aber sie werden nicht bis 2020 jedes Jahr Meister. Und der nächste Sieg des BVB über sie ist nicht Jahrzehnte entfernt.


In Deutschland will der BVB der zweite Leuchtturm sein. Wohin soll die Reise in Europa gehen?
Wohin noch? Wir sind doch da.

Aber Erfolge in Europa werden schwieriger, weil viele Konkurrenten millionenschwere Investoren und strategische Partner mitbringen. Was davon Ist für den BVB auch denkbar?

Natürlich wird es schwieriger, in Europa erfolgreich zu sein, aber es ist nicht aussichtslos. Dass es mit ­kübelweise Geld geht, sieht man an Paris. Da werden Jahr für Jahr hunderte von Millionen reingepumpt. Wir wollen keinen Scheich und keinen Oligarchen, wir wollen unseren Weg gehen. Wenn wir uns personell noch einen Tick besser aufstellen und wir von solchen dramatischen Verletzungen verschont bleiben, habe ich jetzt schon das Gefühl, dass wir uns vor niemandem verstecken müssen. Wären wir in Madrid mit der kompletten Mannschaft angetreten, würden wir hier heute über ganz andere Situationen reden.


Wie soll denn die Mannschaft im nächsten Jahr aussehen?
Wir werden versuchen, uns auf hohem Niveau noch breiter aufzustellen. Aber wir müssen das immer in den vorhandenen Rahmen kleiden. Durch die Tatsache, dass wir in dieser Saison wieder sehr gut verdient haben, sind wir wieder gewachsen, größer geworden. Wir werden sicher unser Gehaltsbudget anheben. Wenn wir weiter in der Erfolgsspur bleiben und Geld generieren – vor allem in der Champions League und beim Sponsoring, wo wir in diesem Jahr neue Höhen erklimmen – , gibt es jedes Jahr mehr Möglichkeiten.


In Zahlen?
Ich habe da klare Vorstellungen im Kopf, aber da bleiben sie auch. Wir werden uns qualitativ und quantitativ für die neue Saison verbessern.


Wie steht es um die Vertragsverlängerung von Ilkay Gündogan?
Ich habe den Eindruck, dass sich alle Beteiligten nun im Klaren darüber sind, dass in diesem Monat eine Entscheidung fallen muss. Warten wir ab, wie sie ausfallen wird.


Begleitet Sie dabei ein Gefühl?
Wenn ja, würde ich es nicht ­sagen.


Ihr Trainer Jürgen Klopp ist zuletzt einige Male medial etwas angeeckt. Wie beobachten Sie das?
Mit viel Verständnis. Wenn man sich mal die Mühe macht, zurückzuschauen, was hier in den vergangenen Jahren erreicht worden ist, sind viele unvorbereitete, platte und teilweise an der Sache vorbeigehende Fragen respektlos. Dass er dann ab und zu schroff ­reagiert, finde ich nachvollziehbar. Dass es auch mal schief läuft, gebe ich zu.


Zum Beispiel?
Zum Beispiel im Interview mit Frau Neumann vom ZDF. Aber das hat er sofort mit einer Entschuldigung begradigt. Wenn man aber meint, sich an einem der größten Trainer der Welt reiben zu können, um seine eigene Bekanntheit zu vergrößern oder sich für einen Job zu empfehlen, der einem möglicherweise mehr Spaß macht, dann sind die Grenzen erreicht. Gerade dem TV empfehle ich, die Funktionen so wahrzunehmen wie sie sind. Wichtig sind bei einem Fußballspiel die Spieler und die Trainer, nicht die Reporter oder Experten. Wichtig ist, dass es um das Spiel geht und nicht um Oberflächlichkeiten. Wenn Klopp seine Autorität in die Waagschlage werfen kann, um gegen diese Fußball-Verwässerung anzugehen, dann hat er da meine gesamte Unterstützung und Sympathie.


Wie sehen Sie ihn als Botschafter des BVB?
Gerade unter dem Gesichtspunkt Markenpflege finde ich gut, was er macht. Denn das Credo, an dem sich Borussia Dortmunds Handeln orientiert, lautet nicht: Wir wollen everybody‘s darling sein. Uns ist es wichtig, von innen heraus echt zu sein. Und Jürgen ist echt, total ­authentisch. Die Medien müssen sich aus meiner Sicht entscheiden, ob sie lamentieren wollen, dass sie von vielen Menschen im Profifußball den gleichen weichgespülten Mist zu hören bekommen, oder von unserem Trainer Klartext. Beides zu beklagen, das meine ich jedenfalls, geht nicht.