Diesmal passt die Opferrolle nicht

In den glorreichen 1970-er Jahren, in denen Borussia Mönchengladbach Millionen Fans mit spektakulärem Offensivfußball verwöhnte, fühlte sich der Niederrhein-Klub mal als Opfer eines Schiedsrichters (van der Kroft), mal sah er sich durch die schauspielerische Leistung eines Spielers (Boninsegna) um die Früchte seiner Arbeit gebracht. Absolut berechtigt. Bei der Rückkehr in die europäische Königsklasse nahmen die Borussen nun wieder einen Schiedsrichter aufs Korn, der auf die Theatralik eines Spielers hereingefallen sei. Gladbach-Coach Lucien Favre wollte in Sevillas Stürmer Vitola den „besten Schauspieler der Welt“ ausgemacht haben.

So offenkundig die Fallsucht des 25-jährigen spanischen Nationalspielers auch gewesen sein mag – an ihr die 0:3-Pleite der Borussen festzumachen, geht zu weit. Diesmal war Gladbach keineswegs Opfer widriger Umstände geworden. Favres Aussage macht deshalb das von niemanden erwartete Ausmaß der Krise erst richtig deutlich. Wirkt sie doch wie ein billiges Ablenkungsmanöver. Wobei zugegeben werden muss, dass der Absturz des Vorjahres-Dritten der Bundesliga rätselhaft bleibt. Der Verlust der beiden Leistungsträger Max Kruse und Christoph Kramer taugt jedenfalls allenfalls bedingt zur Erklärung.

Schon weisen die ersten Kritiker zaghaft darauf hin, dass Favre ja schon einmal nach einer höchst erfolgreichen Saison in Turbulenzen geraten war. Nachdem der Schweizer 2008/2009 mit Hertha bis zwei Spieltage vor Schluss noch mitten im Titelrennen gelegen hatte, startete er in der Folgesaison mit sieben Niederlagen am Stück, die ihn den Job kosteten.

Der Vertrauensvorschuss ist für Favre in Gladbach freilich ungleich größer als seinerzeit in Berlin. Aber auch Mönchengladbachs Manager Max Eberl weiß natürlich, dass – allen Beteuerungen zum Trotz – niemand „unrauswerfbar“ ist, wie die Liga-Historie zeigt.

 
 

EURE FAVORITEN