Diese Erwartungen hat das DFB-Team bei der EM bereits erfüllt

Jörn Meyn und Kai Schiller
Jerome Boateng hält die deutsche Abwehr bei der EM zusammen.
Jerome Boateng hält die deutsche Abwehr bei der EM zusammen.
Foto: Shawn Thew / dpa
Betont gelassen bereiten die deutschen Nationalspieler das Achtelfinale am Sonntag in Lille gegen die Slowakei vor. Doch der Eindruck täuscht.

Evian. Es herrschte große Ungewissheit. Das sei alles „sehr kompliziert, auch für mich“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Ich blicke da irgendwie nicht durch“, gestand Sami Khedira. Deutschland steht im EM-Achtelfinale, so viel war nach dem 1:0 gegen Nordirland am Dienstag sicher. Wie das Turnier weitergeht, das wussten sie im deutschen Lager erst am Mittwochabend gegen 19.55 Uhr.

Löws Team hat die Gruppenphase mit sieben Punkten souverän gemeistert, was angesichts des verwässerten Turniermodus’ mit 24 Teilnehmern niemanden euphorisiert.

AchtelfinaleJetzt schwingt der Vorhang zum echten Schauspiel auf. Im Achtelfinale am Sonntag (18 Uhr) in Lille heißt der Gegner Slowakei. Und der Weg, der sich bei einem Sieg von dort für die deutsche Mannschaft auffächert, könnte kaum steiler sein: Bereits im Viertelfinale am 2. Juli in Bordeaux würde Spanien oder Italien warten (siehe Bericht nächste Seite).

Es ist also an der Zeit, zu überprüfen, ob Löws Team die Erwartungen vor der EM bisher erfüllt hat und wo Steigerungsbedarf besteht, um den Weg bis zum Ende, bis zum Finale gehen zu können.

Erwartung 1: Deutschland unterhält die beste Offensive Europas, aber auch eine der verschwenderischsten. Überprüfung: vielleicht und ja. „Ich bin nicht zufrieden mit der Chancenauswertung“, sagte Löw nach dem 1:0 gegen Nordirland, das die Kraftverhältnisse auf dem Rasen lächerlich unterschlug. Khedira sprach von einer Mischung aus „nicht kompletter Entschlossenheit, Unsicherheit und Pech“.

Sinnbildlich für die eigentlich vorhandene Qualität, aber auch für den mangelnden Ertrag ist Thomas Müller: Immer noch wartet der Münchener auf sein erstes Turniertor. „Ich mache mir keine Sorgen. Wenn er keine Chancen gehabt hätte, würde ich mir ein paar Gedanken machen“, sagte Löw zwar. Aber auch er weiß, dass sein Team einen Müller auf Topniveau braucht, um in der entscheidenden Phase bestehen zu können. Dass ihm mit Mario Gomez wieder eine echte Sturm-Alternative zur falschen Neun, Mario Götze, zur Verfügung steht, kann im weiteren Turnierverlauf noch sehr wichtig werden.

Der Weg ins FinaleErwartung 2: Defensiv könnte Deutschland Probleme bekommen. Überprüfung: Das Gegenteil ist der Fall. Dabei hatte dem Bundestrainer kaum etwas derart große Sorgen in der Zeit zwischen der WM und der EM bereitet wie die defensive Grundordnung – trotz der Weltklasse-Innenverteidigung mit Jerome Boateng und Mats Hummels. 26 Gegentore in 20 Spielen klangen alarmierend, dazu die Dauerdiskussion um die Besetzung der Außenverteidigung. Es kam anders: Erstmals in einem Turnier unter Löw schloss die DFB-Auswahl eine Vorrunde ohne ein einziges Gegentor ab. „Dreimal zu Null zeigt, dass wir vorangekommen sind, wir waren in den Qualifikationsspielen noch viel verwundbarer“, lobte Müller. Dabei ist nicht nur das Abwehrzentrum mit Boateng und Hummels ein entscheidender Faktor.

Erwartung 3: Löw entwickelt das Team auch nach dem Triumph von Rio weiter. Überprüfung: Das ist bisher noch nicht zu erkennen. Die Weiterentwicklung der Mannschaft habe vor allem in der taktischen Variabilität stattgefunden, hatte Löw vor dem Turnier gesagt. Sein Team könne jetzt viele Formationen spielen und zwischen ihnen auch während einer Partie wechseln.

In Frankreich ist davon noch nichts angekommen: Löw ließ stets im klassischen 4-2-3-1-System agieren. Die seit Rio mehrfach einstudierte Dreier-Abwehrkette wird aber im Verlauf des Turniers noch gebraucht, wenn stärkere Gegner mit einer Doppelspitze wie Italien warten. Erst dann wird man vielleicht erkennen, was Löw meinte, als er sagte, er brauche bei der EM zwei verschiedene Mannschaften: eine für die Vorrunde und eine für die K.-o.-Phase. Ob er die Mannschaft tatsächlich weiterentwickelt und nicht nur verwaltet hat, wird sich erst dann zeigen.