DFB-Team schwimmt nach Brasilien - Defensive bleibt Thema

Frank Lamers
Die Erleichterung beim DFB-Team war groß nach dem 3:0-Erfolg gegen Irland.
Die Erleichterung beim DFB-Team war groß nach dem 3:0-Erfolg gegen Irland.
Foto: Getty Images
Ungeschlagen hat die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gemeistert. Trotz des deutlichen 3:0-Sieges gegen Irland sieht nicht nur Löw vor allem in der Defensive noch Luft nach oben.

Köln. Die Kölner Arena war noch hell erleuchtet, an den Fressbuden und Theken herrschte noch reger Betrieb, und doch schienen die deutschen Nationalspieler diese Partie gegen Irland, diese im Vorfeld so sehr mit Bedeutung aufgeladene Qualifikationspartie, schon wieder vergessen zu haben. Amnesie, eine kollektive, ausgelöst durch einen Schlusspfiff. Weil über die Anzeigetafel leicht ermittelt werden konnte, dass es sich beim Resultat um ein 3:0 handelte, wurde aber dennoch vom Freitag bis hinein in den Samstag gefeiert. Mit diesem achten Sieg in der neunten innereuropäischen Auseinandersetzung (plus eines Remis, eines wahnwitzigen 4:4 gegen die Schweden) hatte sich das nationale Ensemble schließlich die Sommerreise 2014 zur Weltmeisterschaft gesichert. Und dahin, voraus nach Brasilien, wehten auch viele Worte. Kurz zusammengefasst: Es herrscht die reine Vorfreude.

Weltklassestratege ohne Wirkung

Es gibt einen Fahrplan, der diverse wichtige Zwischenstopps auf diesem Weg gen Südamerika auflistet (siehe Tabelle unten rechts). Am Montagmorgen bereits wird sich das Ensemble nach einem vom Bundestrainer spendierten freien Wochenende jedoch noch nach Stockholm begeben, um dort die Qualifikation abzurunden. Es muss das letzte Spiel gegen die Schweden ohne ihren gesperrten Anführer Zlatan Ibrahimovic gespielt werden, das nur für Statistiker in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt ist. Diese Schweden nämlich waren es, die der Mannschaft von Joachim Löw im Oktober des vergangenen Jahres das wahnwitzige 4:4 nach formidabler 4:0-Führung zugefügt hatte. Eine Wunde, die sich noch immer einfach nicht schließen will.

Dass in der Kabine mit Gezapftem aus einem Fässchen Kölsch angestoßen wurde (Kapitän Philipp Lahm: „Es war nur so groß wie eine Maß auf der Wiesn“) und anschließend lustig bis in die frühen Morgenstunden hinein in einer Disco etwas heftiger nachgeschoben wurde, soll in diesen Zusammenhang ohne Auswirkungen bleiben. Der Bundestrainer hat zwar angekündigt, dass es zum Namensaustausch auf dem Personalbogen kommen wird, er glaubt aber dennoch an die Möglichkeit zur Heilung am Dienstagabend in der Friends-Arena (20.45 Uhr, live im Ticker). „Wir werden das Spiel konzentriert angehen“, hat er gesagt und den Nordmännern dann mit der Axt gewunken: „Mit den Schweden haben wir schon noch eine kleine Rechnung offen.“

Mit einem Blick zurück auf die vergessene Begegnung mit den ebenso tapferen wie unbeholfenen Iren lässt sich allerdings prognostizieren: Eine leichte Operation wird das trotz der Abwesenheit von „Zlatan dem Schrecklichen“ nicht werden. Das „verrückte 4:4” (Thomas Müller) war zwar schon zum Anlass genommen worden, über die Defensivdefizite des deutschen Ensembles zu schwadronieren, das nach Jahren des Vorbeischrammens an Triumphen im Juli 2014 unbedingt das WM-Finale gewinnen will. Doch ein 4:4 nach berauschendem Auftritt, nach 4:0-Abklatschen: Konnte dieses Kuriosum anders als mit einem Augenzwinkern kritisiert werden?

Weil es die Partie gegen die Bollwerk-Konstrukteure und Bolzer von der grünen Insel tatsächlich gab: ja, durchaus. Sami Khedira, der Gelb-gesperrt die Skandinavien-Tour nicht antreten wird, erzielte das 1:0 in der zwölften Minute. Andre Schürrle erhöhte auf 2:0 in Minute 58. Und Mesut Özil blies ab mit dem 3:0 in der Nachspielzeit. In manchen Momenten lief der Ball dabei im Mittelfeld zwischen den deutschen Hochbegabten hin und her, als hätten sie ihn gemeinsam an der Leine. Löw erläuterte, dass das so angedacht gewesen sei. Özil in der Spitze, weil die Berufsmittelstürmer Miroslav Klose und Mario Gomez verletzt fehlten. Der Arsenal-Akteur, der sich nach Laune nach hinten fallen lässt. Und „Schürrle, Toni Kroos, Müller“ stoßen hinein in die Lücken. Das war der Plan.

Löw sieht Verbesserungsbedarf

Vergessen hatte der Bundestrainer bei seiner Aufzählung Bastian Schweinsteiger, den er noch bei der EM 2012 in der Schaltzentrale für unentbehrlich hielt. Ein Fall von Amnesie liegt allerdings kaum vor. Schweinsteiger, der vom spanischen Offensiv-Visionär Pep Guardiola im Verein weit nach vorne geschoben wird, musste auch unter der Regie von Löw aufrücken, während Khedira in die Rolle schlüpfte, die der Bayern-Trainer zuletzt Lahm übertragen hatte. Ergebnis eins: zum Vergessen, weil der Weltklassestratege Schweinsteiger neben der Trickserriege winterblass blieb. Ergebnis zwei: Mit einem Anflug von Talent mehr in den Beinen hätten die Iren am Anfang, knapp nach der Pause und bei einem Doppelschlag in den letzten Minuten trotz beeindruckender deutscher Ballbesitzzeit glatt zum Verblüffungsremis im Schweden-Stil gelangen können.

Löw weiß das und hat angemerkt, man müsse bis zur WM die Gefahrenproduktion im Abschlussterritorium erhöhen, vor allem aber daran werkeln, „uns defensiv zu verbessern“: „Wir müssen vorne beginnen, gut zu verteidigen.“ Dass darin, dass dieses Vorne vom Bundestrainer immer weiter und weiter vorne angesiedelt wird, ein Wagnis steckt, dürfte aber auch klar sein. Schweinsteiger hat erklärt: „Wenn schwierigere Gegner kommen, zählt nicht nur das Spielerische.“ Und das war wahrscheinlich irgendwie auch ein Wort in eigener Sache.