Der Bundesliga-Sportdirektor im Wandel der Zeit

Artur vom Stein

Essen. Es war im Oktober 1994 im Breisgau. Damals traf sich ein Sportredakteur des Focus mit Volker Finke, dem damaligen Trainer des SC Freiburg. Der Journalist sprach mit dem Fußball-Lehrer über das Freiburger Erfolgsmodell, über den Futterneid von Fußball-Profis, doch wirklich bemerkenswert war dieses Interview vor allem, weil Finke sich irgendwann nicht mehr zurückhalten wollte und einen Frontalangriff auf die Sportdirektoren in der Bundesliga startete.

„Manager sollten nicht meinen, dass sie die sportlichen Kriterien bei Spielerverpflichtungen beurteilen können“, schimpfte der SC-Coach und ergänzte: „Wenn jemand anderer als der Trainer entscheidet, ob jemand zur Mannschaft passt oder nicht, gibt es immer ein böses Erwachen.“ Und natürlich war für Finke völlig klar, welche Konsequenzen dieses böse Erwachen haben sollte: „Ich möchte im Fußball mal erleben, dass Manager und Trainer gemeinsam entlassen werden.“

Heute, soviel ist klar, würde der Mann dieses Plädoyer in eigener Sache nicht mehr halten. Weil die Forderung längst unzeitgemäß geworden ist. Mittlerweile gilt sogar die Behauptung, dass die Arbeit von Sportdirektoren, die früher einmal Manager hießen, noch nie zuvor in der Bundesligageschichte so kritisch hinterfragt wurde wie heute: Sobald es sportlich nicht läuft, müssen die Herren um ihren Job zittern.

„Ein Sportdirektor wird nur noch an den Leistungen der Lizenzspielermannschaft gemessen“, klagt Gladbachs Max Eberl. Und dieser Eindruck, so absolut er auch klingen mag, dürfte schwierig zu widerlegen sein. Ein großer Teil der Fans, vor allem aber auch der Medien, werten das bloße Transfergeschäft, sie gucken auf die aktuelle Tabelle, aber nicht mehr auf andere elementare Dinge.

Ob Nachwuchsarbeit, Scouting-System, Trainerstab: Es geht darum, dem jeweiligen Klub eine Linie zu geben, sprich eine sportliche Konzeption zu verwirklichen, was anspruchsvoll und aufwendig ist — und was vor allem viel schwieriger zu beurteilen ist als die jüngste Punkteausbeute der Profis. „Mein Gefühl ist“, so Eberl, „du holst einen Trainer: Funktioniert der nicht, dann holst du einen neuen Trainer. Und wenn der auch nicht funktioniert, dann bist du weg, dann musst du weg.“

Der zweite Trainer, den Eberl holte, hat funktioniert. Lucien Favre schaffte den Klassenerhalt. Es war ein Glücksgriff, den Eintracht Frankfurt nicht hatte. Trotzdem ist Heribert Bruchhagen noch Sportdirektor. Erstaunlich, weil der Mann in Panik geriet, Trainer Michael Skibbe feuerte und sich mit Christoph Daum auch noch einen Krisenbeschleuniger ins Haus holte.

Bruchhagen hat jetzt mit dem Fußball-Experten Bruno Hübner einen Sportdirektor zur Seite gestellt bekommen, und die Tatsache, dass er seinen Schreibtisch in Frankfurt nicht räumen musste, dürfte er seiner wirtschaftlichen Kompetenz zu verdanken haben, die zumindest von den Eintracht-Verantwortlichen hoch geschätzt wird.

Denn auch das stimmt: Weil gute Sportdirektoren nicht im Dutzend zu bekommen sind, wird in den Chefetagen oftmals langsamer gehandelt als man eigentlich möchte. Frag nach beim Hamburger SV, der sich mächtig Spott einhandelte, weil man sagenhafte 20 Monate benötigte, um einen Nachfolger für Dietmar Beiersdorfer zu finden.

Mit Frank Arnesen hat man einen neuen Mann geholt, der einen gewaltigen Umbruch stemmen muss. Und da der Klub so klamm ist und keine neuen Stars holen konnte, wird der Sportdirektor gerade vom „Kicker“ sogar als „das neue Gesicht des HSV“ vorgestellt.

Ähnlich gute Schlagzeilen hatten schon viele andere Manager, die es nicht geschafft haben, sich zu behaupten. Christian Hochstätter, Michael Meier, Andreas Müller, Jan Schindelmeiser, Dietmar Beiersdorfer oder Dieter Hoeneß sind Beispiele für Kandidaten, die es künftig schwer haben dürften, noch einmal einen Bundesligisten als Arbeitgeber zu finden.

Wieder andere müssen sich keine Sorgen mehr machen. Bayern Münchens Uli Hoeneß gilt seit jeher als Idealtypus auf dieser Position, ähnlich wie Klaus Allofs, auch wenn er gerade Probleme mit Werder Bremens Aufsichtsrat ausfechten muss. Es gibt noch Michael Zorc, Horst Heldt oder Jörg Schmadtke, die sich nachhaltig etabliert haben. Am anderen Ende der Skala befinden sich Ernst Tanner oder Fredi Bobic, die noch jung sind in diesem Geschäft und sich noch bewähren müssen.

Jung ist Volker Finke nicht mehr. Der 63-Jährige, der Jahrzehnte als Trainer gearbeitet hat, heuerte Mitte vergangener Saison beim 1. FC Köln an. Dort, als Sportdirektor, hat er gerade einen neuen Co-Trainer installiert. Und zwar seinen Vertrauten Ibrahim Tanko. Es ist davon auszugehen, dass sich der junge Volker Finke, damals als Trainer in Freiburg, so etwas nie und nimmer hätte bieten lassen.