Das Ende einer goldenen Ära naht

Hagen/Wilnsdorf..  Als sich Silvia Neid in Frankfurt einfand, war alles vorbereitet. Das, was sie zu verkünden hatte, würde gleich hinausgesendet in die Nachrichtenkanäle. Dafür war gesorgt. Die Mikrofone waren ausgerichtet, die Kameras liefen. Die Trainerin der deutschen Fußball-Frauen hatte am Verbandssitz nämlich Neuigkeiten größeren Ausmaßes: Im Sommer 2016 wird sie mit Ablauf ihres Vertrages freiwillig nicht mehr länger Bundestrainerin sein. Die 50-Jährige übernimmt die Scouting-Abteilung Frauen- und Mädchenfußball im Deutschen Fußball-Bund (DFB), als ihre Nachfolgerin wird die langjährige Nationalspielern Steffi Jones installiert.

Das sind die Fakten. Aber dieser Tag geht darüber hinaus. Denn in Frankfurt ist das Ende einer höchst erfolgreichen Ära verkündet worden. Silvia Neid steht als großer Teil für alles, was die deutschen Frauen in den vergangenen fast drei Jahrzehnten gewonnen haben. 1989, als es für die siegreichen Damen noch ein Paket Geschirr als Prämie für den EM-Titel gab, war Neid als Spielerin dabei, später bei WM- und EM-Triumphen als Co-Trainerin oder Trainerin. „Die Nationalmannschaft begleitet mich seit 34 Jahren. Ich möchte noch einmal eine neue Herausforderung annehmen“, begründete Neid ihren Entschluss, von dem sie sagt, dass er „lange gereift“ sei.

Bittere Tränen 2011

Vor etwa vier Jahren erstmals. 2011 erlitt die erfolgsverwöhnte Neid ihre wohl schwerste sportliche Niederlage: Bei der WM im eigenen Land scheiterte ihre Mannschaft unter der Last des öffentlichen Drucks schon im Viertelfinale an Japan. Was vorab als nächstes Sommermärchen in den schönsten Farben skizziert worden war, endete in bitteren Tränen. Und Anschuldigungen. Neid, zum damaligen Zeitpunkt Welttrainerin des Jahres, geriet erstmals heftig in die Kritik. „Ich brauche jetzt erst mal Abstand“, sagte sie damals über ihre Zukunft, „erst wenn ich in ein paar Wochen wieder im Alltag angekommen bin, werde ich mich fragen: Was will ich eigentlich?“

Zusammen mit ihren Zweifeln verschwand sie damals und steuerte ihre Dienst-Limousine ins Siegerland, in die kleine Gemeinde Wilnsdorf, wo sie noch heute lebt, wo sie zur Entspannung Golf spielt, wo schon früh alles zu Gold wird, was sie beginnt. Der TSV Siegen spielt damals in Trupbach, einem kleinen Vorort von Siegen. Auf Asche. Dort beginnt ihr Siegeszug. Im Blumenhandel von Trainer Gerd Neuser arbeitet sie nebenher, während sie den Klub zu sechs Meisterschaften und fünf Pokalsiegen schießt. Wie Silvia aus der Asche wird sie zu einer der bis heute erfolgreichsten Fußballerinnen.

Doch die Zweifel von 2011 hat sie offenbar nie richtig abgeschüttelt. Sie fühlte sich ungerecht behandelt. „Im Januar wurde ich noch als Welttrainerin ausgezeichnet, und jetzt soll ich alles verlernt haben“, fragte sie sich damals ein wenig verbittert. Nach vielen Jahren als Galionsfigur des deutschen Fußballs zieht sich Silvia Neid nun bald in die zweite Reihe zurück. Aber eben erst bald. Ihr neuer Job fordert sie ab September 2016. Bis dahin gilt ihre Konzentration weiteren Erfolgen.

Olympisches Gold fehlt noch

Zwei Monate sind es noch bis zur Weltmeisterschaft in Kanada. „Ich bin voller Motivation und Vorfreude darauf, denn wir haben große Ziele“, sagt sie. Der Makel von 2011 soll weggewischt werden und als eines der besten drei europäischen Teams die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro gelingen. Denn olympisches Gold fehlt der Titelsammlerin Silvia Neid noch. Bei der Rückkehr nach Frankfurt wäre dann sicher wieder alles vorbereitet. Für ein Fest. Für einen goldenen Abschied.

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