Bundestrainer Löw rückt vor der WM von seiner Grundidee ab

Frank Lamers
Noch 100 Tage bis zur WM in Brasilien: Bundestrainer Joachim Löw.
Noch 100 Tage bis zur WM in Brasilien: Bundestrainer Joachim Löw.
Foto: imago/Avanti
Bundestrainer Joachim Löw will nicht mehr die theoretisch besten Spieler zur WM mitnehmen, sondern „die aktuell besten“. Und davon profitiert beim Testspiel am Mittwoch in Stuttgart gegen Chile auch der Dortmunder Kevin Großkreutz. Leverkusens Lars Bender musste sich mit Muskelverhärtung abmelden.

Stuttgart. Der Ruhrgebietler muss zur Karnevalszeit schon sehr genau aufpassen, wenn er verstehen möchte, was für ein martialisches Motivationspotenzial im neuen Marketingspruch des Großsponsors für die Nationalelf steckt. Was? Besoffen nach Brasilien? Breit wie nie? Nein, nein. Mercedes findet einfach, das deutsche Ensemble sei „bereit wie nie”, im Sommer die Aufgabe WM mit Erfolg abzuschließen. Am Rosenmontag allerdings wurde vom Bundestrainer im Stuttgarter Museum des Autobauers vom hohen Gang aus stark runtergeschaltet. „Im Moment”, erklärte Joachim Löw nach der Spruchpräsentation und vor der am Mittwochabend in der Arena des VfB anliegenden Testpartie gegen Chile (ab 20.45 Uhr live in unserem Ticker), „haben wir schon noch ein paar Probleme.”

Wahrscheinlich wird Löw am 8. Mai seinen erweiterten Kader verkünden

Und das war nur der Auftakt. Der Herr über den Aufstellungsbogen demonstrierte trotz bester Laune, dass er bereit ist wie nie, Entscheidungen zu fällen, „die manchen Spielern weh tun können”. 100 Tage sind es vom heutigen Dienstag an noch bis zum Start des Turniers. Löw hat jedoch eine eigene Zeitrechnung. 70 Tage über den Daumen sieht er noch vor sich, bis zum Streichkonzert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit am achten Mai wird der Bundestrainer seinen erweiterten Kader verkünden. Am zweiten Juni dann muss dem Weltverband mitgeteilt werden, wer endgültig mitreisen soll. Die Liste mit den Voraussetzungen, die Reisende erfüllen müssen, ist dabei extrem lang. Exakt so extrem, wie Löw die Bedingungen in Südamerika empfindet. Infektionsgefahr. Hitze. Feuchtigkeit. „Fitness” steht deshalb auf der Liste unter Punkt eins. Und bereits unter der Zwei steht: „Spielrhythmus.” Bedeutet: „Es reicht nicht, wenn man nur ein paar Minuten irgendwie gespielt hat und vorher lange verletzt war.”

Dass Löw eine Reihe etablierter Akteure gegen Chile nicht berücksichtigt hat, weist die Richtung (ein René Adler oder ein Mats Hummels haben nach Verletzungen bereits irgendwie ein paar Minuten gespielt). Doch so hart er das Wort führte: Für einen öffnet er die Tür auch, wenn er noch hindurch humpeln muss. Sami Khedira. „Sehr gut” sei der Zustand des verletzten Madrilenen. „Sehr, sehr erfreulich” sei das. weil: „Es gibt den einen oder anderen Spieler, der einen Mehrwert für die Mannschaft hat, aufgrund seiner Persönlichkeit.”

Lahm wird gegen Chile ins zentrale Mittelfeld wechseln

Getestet wird im Test dennoch der Ernstfall Khedira-Ausfall (und Gündogan-Ausfall). Gegen Chile nämlich „wird der Philipp diese Position im zentralen Mittelfeld spielen”. Diese Position, dabei handelt es sich um die Position vor der Abwehrmitte. Dorthin wird Philipp Lahm, der schon bei den Bayern von der rechten Defensivseite ins Zentrale gewechselt ist, sich in Stuttgart orientieren und den Job neben Schweinsteiger oder doch neben dem quasi mit Einsatzgarantie ausgestatteten Toni Kroos erfüllen.

Damit ist auch Kevin Großkreutz im Spiel. Lars Bender musste sich mit Muskelverhärtung abmelden. So wird der Dortmunder zum Zuge kommen. Bisher wirkte der zweimal kurz mit, bevor es dann im November 2011 so weit war: Erster Einsatz von Beginn an gegen Schweden (0:0) – und danach endete die Nationalelf-Karriere abrupt, obwohl die Zahl der Fürsprecher nicht schrumpfte. Großkreutz polarisiert eben nicht nur. Er ist auch ein Mentalitätsspieler, der nicht bereit wie nie, sondern immer bereit ist, einer, der sich keinen Kopp macht um irgendwas (Ruhrgebietsidiom).

Und das ist das Verblüffende vor dieser WM: Von der Idee, dass lediglich feinste Füße in seinem Auftrag Rasen betreten dürfen, ist der Bundestrainer in einer kaum erwartbaren Weise abgerückt. Großkreutz, die Neulinge Mustafi, Ginter, Hahn und sogar Lasogga als Stürmer prämoderner Prägung wurden nicht etwa allein zum Auffüllen der Regale einbestellt. Löws Leitmotiv lautet nun: „Wir brauchen bei der WM die aktuell besten Spieler und nicht die theoretisch besten Spieler.”