Bücher helfen Petkovic „gegen die Einsamkeit auf der Tour“

Klaus Wille
Mag Tennis, Rock, Politik und vor allem Goethe: Andrea Petkovic.
Mag Tennis, Rock, Politik und vor allem Goethe: Andrea Petkovic.
Foto: imago
„Es gibt gerade auf der Tour einen Unterschied zwischen körperlicher und geistiger Müdigkeit“, sagt Andrea Petkovic. Deutschlands beste Tennis-Spielerin spricht über ihre Liebe zur Literatur und einsame Abende in Hotelzimmern.

Darmstadt. Der Weg zu Deutschlands bester Tennis-Spielerin führt erst einmal Richtung Lieferanteneingang. Links am Gebäude vorbei. Graffiti an den Wänden. Die Eingangstür ist aus Metall und irgendjemand ist auf die hübsch hässliche Idee gekommen, sie quietschgelb zu streichen. Innen: der diskrete Charme einer alten Halle, in der früher die Maschinenbauer der Darmstädter Uni gebastelt haben. Jetzt beherbergt der Bau eine Mischung aus Cafe und Studentenkneipe. Nichts hier ist fertig, alles ist im Fluss und vielleicht passt der Ort deshalb ganz gut zu Andrea Petkovic. Die 24-Jährige zieht zwei Stühle an einen Tisch: Kann los gehen.

Frau Petkovic, ein Treffpunkt in der Nähe der Uni ist vermutlich kein Zufall. Sie haben vor einiger Zeit ein Fernstudium der Politikwissenschaft aufgenommen. Liegen immer noch Staatskunde-Wälzer auf Ihren Nachttisch?

Andrea Petkovic: Sagen wir es so: Ich lerne nach wie vor jeden Tag zumindest eine Stunde, auch während meiner Turniere, dazu zwinge ich mich. Aber beim Lesen bin ich inzwischen stark auf Literatur umgeschwenkt. Jetzt kommen meine seltsamen Lieblingsautoren in Spiel.

Nämlich?

Petkovic: Oscar Wilde. Dostojewski. Und vor allem: Goethe.

Da bekommt man ja Komplexe...

Petkovic: Ich weiß, jeder schaut mich immer an, als würde ich vom Mars kommen, wenn ich darüber rede. Aber es gibt gerade auf der Tour einen Unterschied zwischen körperlicher und geistiger Müdigkeit. Ich bin abends total kaputt, wenn ich aufs Bett falle, aber mein Kopf arbeitet noch. Um runter zu kommen, brauche ich dann etwas, was den Geist müde macht.

Ihr Lieblingsbuch ist immer noch "Die neuen Leiden des jungen Werther"?

Petkovic: Ja, das habe ich immer im Gepäck. Ich finde vieles von Goethe großartig. Im Moment lese ich den "Faust." Der Mephisto ist einfach eine witzige Figur, viel komischer als die meisten Comedians von heute.

Sie haben Ihr Abitur mit einem Notenschnitt von 1,2 abgeschlossen. Da bestand wohl keine Gefahr, dass man Ihnen den Goethe in der Schule verleidet hat, oder?

Petkovic: Wenn Sie wüssten. Ich glaube schon, dass in der Schule die Literatur viel zu oft kaputt analysiert wird. Ich hatte "Faust" im Unterricht, und damals fand ich das nicht richtig schlecht, aber ich habe das Buch auch nicht sonderlich gemocht. Jetzt lese ich es zum dritten oder vierten Mal, nur für mich, ganz privat. Und jedesmal finde ich es sensationell.

Sind Bücher für Sie eine Art von Zufluchtsort?

Petkovic: Ja, das könnte man so sagen. Und sie helfen gegen die Einsamkeit auf der Tour.

Es fällt einem schwer, sich die besten Tennisspielerinnen der Welt als einsame Menschen vorzustellen...

Petkovic: Was da an die Öffentlichkeit getragen wird, ist eine Seite, die fröhliche Seite. Aber ich bin bestimmt zu 70 Prozent meiner Zeit auf den Turnieren allein, und manchmal fühlt man sich einsam, meistens abends im Hotelzimmer. Diese Phasen kann ich auch mit niemandem teilen. Das macht mir manchmal schon zu schaffen. Ich bin ja eigentlich ein sehr geselliger Mensch.

Aber Sie reisen doch mit Ihrem persönlichen Tross...

Petkovic: Stimmt, und ich habe mir mit der Zeit ein tolles Team aufgebaut. In der Regel habe ich drei Begleiter: meinen Trainer, einen so genannten Hitting Partner und meinen Physiotherapeuten. Die sind alle noch relativ jung, so um die 30 Jahre. Und in gewisser Weise sind wir auch befreundet. Aber es ist doch etwas anderes, wenn man die Leute dafür bezahlt, dass sie für einen da sind.

Dieser Abstand wird immer da sein?

Petkovic: Ja, ich habe zuerst dieses Team engagiert, dann erst haben wir uns im Laufe der Zeit angefreundet. Ich habe dabei noch Glück: Mein Team ist wie gesagt sehr jung, wir verstehen uns, die Chemie stimmt. Anderen Mädchen auf der Tour geht es da deutlich schlechter, das ist zumindest mein Eindruck. Deshalb reisen viele mit ihren Eltern durch die Welt.

Ihre Eltern begleiten Sie auch?

Petkovic: Manchmal schon, aber nicht mehr so oft wie früher.

Frau Petkovic, sind Sie eigentlich sehr extrovertiert? Sie haben neulich über Twitter mitgeteilt...

Petkovic: Oh Gott, ich weiß genau, was Sie meinen. Das war so peinlich.

Petkovic will „amüsante Sachen mit der Welt teilen“ 

Sie haben Ihren Fans über den Nachrichtendienst Twitter kurz und knapp geschildert, dass Sie mit Ihrer Mutter in einem Hotelzimmer saßen während sich im Nachbarzimmer ein Paar lautstark geliebt hat. Was treibt Sie dazu, so etwas öffentlich zu machen?

Petkovic: Da gab es keine großen Hintergedanken. Ich versuche, amüsante Sachen mit der Welt zu teilen. Für mich war das damals natürlich irgendwie peinlich, man sitzt da mit seiner Mutter... Aber für andere Menschen ist das natürlich eine amüsante Anekdote. Aber ich muss sagen, ich habe in diesem Fall wirklich fünf bis sieben Minuten lang überlegt, ob ich das raushauen soll. Ich weiß ja, dass meine Mutter das Internet nie nutzt, deshalb hab ich mich dafür entschieden.

Sie öffnen sich stärker als andere, Sie bloggen, Sie twittern, Sie haben einen Video-Blog, der "Petkorazzi" heißt. Ist das Kalkül, um die Dinge kontrollieren zu können?

Petkovic: Es ist schon Kalkül dabei. Was ich raus lasse, kann ich kontrollieren. Natürlich transportiere ich damit auch ein bestimmtes Bild von mir. Was ich da zeige, ist authentisch. Das ist ein Teil von mir. Natürlich nicht die ganze Andrea Petkovic. Aber ich spiele niemandem etwas vor.

Wie viel Andrea Petkovic gibt es denn, die niemand kennt?

Petkovic: Das Komische ist: Meine engen Freunde werfen mir vor, ich würde nie etwas über mich erzählen. Es gibt eine Andrea Petkovic, die jeder kennt. Aber ich habe eine Seite, die teile ich mit niemandem, die kenne nur ich. Ich spreche zum Beispiel nicht einmal mit meinen engsten Freunden über meine Zweifel und meine Ängste. Die mache ich mit mir aus.

Dabei gelten Sie als das ausgelassene Multi-Talent mit vielen Interessen: Literatur, Musik, Politik...

Petkovic: Ich habe mal gesagt, dass ich Politikerin werden möchte, aber davon will ich heute nichts mehr hören. Kann immer noch sein, dass ich mich später politisch engagieren werde, aber sicher nicht als Berufspolitikerin. Dann habe ich auch mal gesagt, ich würde Journalistin werden wollen, aber das möchte ich heute auch nicht mehr. In meinen Leben ändert sich vieles sehr schnell, sei es, dass ich mit 15 Jahren der größte Hip-Hop-Fan war und das heute nicht mehr hören kann. Die große Konstante in meinem Leben ist das Tennis.

Also keine Lust mehr, die Tennis- für eine Rock-Karriere aufzugeben?

Petkovic: Auch das hab ich mal gesagt, stimmt. Dazu stehe ich auch noch, aber so etwas sage ich immer, wenn ich mich in Phasen harter Disziplin gefangen fühle. Jetzt zum Beispiel, in der Vorbereitung auf die Tour 2012, stehe ich Tag für Tag sechs bis acht Stunden lang auf dem Platz. Ich muss außerdem für einen organisierten Schlafrhythmus sorgen. Süßigkeiten sind vollkommen tabu, Alkohol auch, ich esse ja nicht mal Brot. Und dann, nach sechs Wochen Plackerei träumt man schon mal laut davon, das komplette Gegenteil zu tun: sich gehen zu lassen. Und dann sage ich solche Sachen.

Empfinden Sie Ihre Disziplin als Belastung?

Petkovic: Nein, ich mag Disziplin ganz gerne. Ich hatte jetzt zwei Wochen Urlaub, und ich wusste schon nach fünf Tagen kaum noch, was ich mit mir anfangen sollte. Ich brauche Struktur im Tag.

Das Gefühl überwiegt also, ein privilegiertes Leben zu führen?

Total. Vor allem, wenn ich mit meinen Darmstädter Freunden zusammen komme und in ihren Alltag eintauche. Ich weiß dann gar nicht, wohin mit meiner Dankbarkeit. Es ist ein Traum, das machen zu können, was ich mache. Was ich mit Privilegien vor allem meine: Ich bin frei in meinen Entscheidungen. Ich stelle mir mein Team zusammen, ich entscheide über meinen Turnierplan. Klar, ich zahle auch für alles. Aber ich bin jetzt wie der Boss im eigenen Unternehmen.

Das war nicht immer so?

Petkovic: Dahinter steckt ein Prozess. Ich habe mich in diesem Jahr sicherlich erstmals emanzipiert. Am Anfang habe ich viel von meinen Eltern entscheiden lassen. Ich hatte immer mein Sagen, aber es war vor zwei, drei Jahren sicherlich nicht so, als wäre ich mein eigener Chef gewesen. Ich habe auch jetzt erst gelernt, dass ich auch der Chef meines Trainers bin.

War dieser Weg für Sie als gebürtige Serbin vor Ihrem familiären Hintergrund schwieriger als für deutsche Spielerinnen?

Petkovic: Definitiv. Meine beste Freundin ist von Anfang an dazu erzogen worden, selbst zu entscheiden. Bei uns zu Hause waren wir viel behüteter. Das hängt einfach mit der serbischen Kultur zusammen. Viele können nicht verstehen, dass ich mit 24 Jahren noch zuhause wohne. In Serbien ist das normal. Es gibt eben diese Kultur: Töchter wohnen bei den Eltern, bis sie ihren künftigen Ehemann heiraten.

Aber das ist nicht ihr Plan?

Petkovic: Nein, ganz bestimmt nicht. Dafür bin ich viel zu deutsch. Ich werde übrigens demnächst bei meinen Eltern ausziehen.

Fräulein-Wunder im Tennis 

Das Jahr 2011 ist für Sie sehr gut gelaufen. Sie haben den Durchbruch in die Weltspitze geschafft, aktuell sind Sie die Nummer 10 der Weltrangliste. Seitdem gelten Sie als das Gesicht eines deutschen Fräulein-Wunders im Tennis, man hat Sie schon mit Steffi Graf verglichen...

Petkovic: ...was Unsinn ist. Keine wird erreichen, was sie erreicht hat.

Können Sie sich denn noch Ihre Unbeschwertheit bewahren?

Petkovic: Ich vermisse, dass ich nicht mehr sagen kann, was ich will. Zumindest nicht, ohne dass die Öffentlichkeit gleich urteilt. Wenn man nicht so prominent ist, bekommen viele gar nicht alles mit. Jetzt muss ich schon ein bisschen aufpassen.

Sie hatten 2011 sehr starke Phasen, vor allem in den USA. Rund um Wimbledon lief es schlechter. Was ist 2012 für sie drin - der Angriff auf die Weltspitze?

Petkovic: Wissen Sie, was mir wichtig ist? Ich habe es geschafft, mich ein bisschen mehr von den reinen Resultaten zu befreien. In diesem Jahr habe ich noch zu oft Fehler gemacht, mich von Ergebnissen abhängig zu machen. Vor allem in Wimbledon war das so. Da hatte ich im Kopf: Wenn ich diese Runde nicht schaffe, habe ich schlecht gespielt. Und dann war ich tatsächlich schlecht. Daraus habe ich gelernt. Ich versuche jetzt, mich darauf zu konzentrieren, mein Spiel zu verbessern und alles andere fließen zu lassen.

Dagegen gehalten: Es geht nur um Titel...

Petkovic: Kein Widerspruch. Das ist natürlich auch ein Teil meiner Motivation, dazu kommt vielleicht auch das Gladiatorenhafte am Tennis, dieser Kampf eins gegen eins. Aber mein erstes großes Ziel war immer die Top 10. Das habe ich geschafft.

Was ist 2012 noch drin? Ein Sieg bei einem Grand Slam-Turnier?

Petkovic: Ein Sieg bei einem der großen vier Turniere ist jedenfalls in meinen Augen genau das, was die ganz Großen auszeichnet, da verläuft die Trennlinie zu Spielerinnen wie mir. Ich weiß aber zumindest, dass ich an einem guten Tag jede aus der Top 10 schlagen kann. Und ich bilde mir ein, dass ich 2012 die Freiheit habe, ein bisschen mehr an meinen Spiel zu arbeiten. Natürlich macht man sich den Druck, noch mehr zu erreichen. Aber was ich schaffen möchte, ist ein Spagat: Es geht um Titel, absolut richtig. Ich gehe in jedes Turnier, um es zu gewinnen. Aber wenn es einmal begonnen hat, muss man versuchen, sich auf sein bestes Tennis zu konzentrieren und sich von diesem Titelgedanken zu befreien. Das ist das Absurde im Tennis.