Boxpromoter Ahmet Öner ist der König von Marxloh

Die Menschen in Marxloh mögen mich, das gefällt mir.“ Ahmet Öner vor dem Pollmann-Eck, der größten Straßenkreuzung des Duisburger Stadtteils. Fotos: Felix Heyder WAZ-FotoPool
Die Menschen in Marxloh mögen mich, das gefällt mir.“ Ahmet Öner vor dem Pollmann-Eck, der größten Straßenkreuzung des Duisburger Stadtteils. Fotos: Felix Heyder WAZ-FotoPool
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Duisburg.. Es gibt Menschen, die können selbst mit einem Hammer in der Hand keine Scheibe einschlagen. Und es gibt Ahmet Öner. Der 39-Jährige geht durch Wände, mit Hammer, ohne Hammer, egal. Er zündet sich eine Zigarre an – natürlich eine kubanische Zigarre, weil das die besten sind – und sagt: „Früher dachte ich, die Bestimmung meines Lebens wäre, Kleinkrimineller in Marxloh zu werden.“

Es ist anders gekommen. Der Türke ist Box-Manager geworden und schickt seinen kubanischen Schwergewichtler Odlanier Solis am Samstag in Köln gegen WBC-Weltmeister Vitali Klitschko in den Ring. Er lebt schon lange nicht mehr in Marxloh, er wohnt in Miami – „33. Stock, vom Balkon direkter Blick aufs Meer, privater Pool“ – und ist für die Kampfwoche nach Duisburg zurückgekehrt. „Ich habe keine Lust auf ein Hotel in Köln, ich wohne bei meinen Eltern.“

Ein Leben als Film

Wie funktioniert ein Leben, das der Regisseur Fatih Akin im kommenden Jahr fürs Kino verfilmen möchte?

Eine Spurensuche. Der Stadtteil Marxloh ist nicht gerade die Vogelzwitscher-Gegend von Duisburg. Öner sitzt im Cafe Körfez, die Männer an den Tischen rauchen und trinken süßen Tee. Seine Eltern kamen 1970 nach Deutschland. „Meine Mutter hat bei Siemens Telefone zusammengebaut, mein Vater ist gelernter Schneider.“

Die Sonne scheint, bis zur Otto-Straße, wo Öner aufwuchs, sind es vom Cafe nur ein paar Minuten zu Fuß. Das braune Eisentor, das zum Garagenhof seines Elternhauses führt, ist abgeschlossen. An der Hauswand führt eine Regenrinne nach oben. „Da bin ich hochgeklettert, wenn ich mal wieder morgens um vier nach Hause kam.“ Das Klo war im Treppenhaus.

Viele schauen im Rückblick auf ihr Leben wie auf einen Baumarkt und nehmen sich aus den Regalen der Erinnerungen, was sie brauchen, um ihre Geschichte zusammenzubauen. Öner nimmt alles und lässt nichts aus: „In der Schule gab es kleine Konflikte.“ Er wechselte erst das Gymnasium, dann musste er zur Realschule, dann warf er ganz hin. „Unehrenhaft entlassen“, beschreibt er das.

In einer Konservenfabrik stopfte er im Akkord Essiggurken in Gläser, verdiente sich damit das Geld für seinen Führerschein, „und dann ging in Marxloh die Post ab.“ Spielhallen, Schlägereien, er war kurz Türsteher in einem Bordell – Öner sagt: „Wirtschafter“ –, dann die erste Gerichtsverhandlung. 18 Monate auf Bewährung, die Polizei hatte Kokain bei ihm gefunden.

Auf der Weseler Straße verkauft Erdogan Topal in seinen Laden alles, was man rund um den Fernseher braucht. Öner geht ins Geschäft, er hat seinen alten Kumpel lange nicht gesehen. „Wegen Erdogan habe ich mit dem Boxen angefangen“, sagt Öner und klopft dem schmalen Mann mit dem Dreitagebart auf die Schulter. In der sechsten Klasse hatte Öner Ärger mit einem Jungen aus der achten Klasse, er war dabei, Prügel einzustecken, dann kam Erdogan und rettete ihn. „Ganz klassisch geboxt hat er“, erinnert sich Öner. „Später hat er mir erzählt, dass er Niederrheinmeister war.“ Erdogan nickt. „Zwölf Jahre habe ich geboxt, aber meinen beiden Söhnen würde ich verbieten, in den Ring zu gehen.“

Öner lacht, er lässt sich nichts verbieten. Er stieg bei den Amateuren von Hamborn 07 ins Boxtraining ein. In der oberen Etage eines Lagerhauses, das dem Vater seiner damaligen Freundin gehörte, richtete er sich ein Gym ein. Noch heute hängen dort die Plakate. „Firestarter“ nannte sich Öner, der rasch Profi wurde. 23 Kämpfe, 16 Siege. „Ich hatte eine gute Technik.“

Einer der ganz großen Boxer war er allerdings nicht. Aber wer jahrelang auf die Pauke haut, der zupft auch in eigener Sache nicht plötzlich die Harfe. Doch Öner kann andere Sachen besser als selbst zu boxen. Er machte sein Abitur nach, er kann reden, überzeugen, und er ist ein Macher. Würde man ihn morgens nackt in New York aussetzen, würde er am Abend dort schick essen gehen.

Der Tag vor Gericht

Also ließ er das Kämpfen und wurde Box-Manager. Ein Geschäft, an dem Al Capone seine Freude gehabt hätte, denn irgendwann stand Öner mit 16 Verfahren von Beleidigung über Nötigung bis hin zu Körperverletzung vor dem Hamburger Amtsgericht, das ihn zu 22 Monaten auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 120 000 Euro verurteilte.

Seine neue Geschäftsidee konnte ihm aber niemand nehmen: Öner lockte Box-Olympiasieger und Weltmeister aus Kuba in den Westen und nahm sie unter Vertrag. Zum Beispiel Odlanier Solis.

„Urlaub werde ich auf Kuba wohl nicht mehr machen können“, sagt der 39-Jährige. Die Kubaner nehmen ihm die Flucht ihrer Stars übel. Ob Kubaner dahinter steckten, als Öner vor zwei Jahren in Hamburg angeschossen wurde? „Keine Ahnung.“ Ein Freund fährt den schwarzen Bentley von Öner in Marxloh vor. Gewaschen und vollgetankt. „Samstag gewinnen wir“, sagt Öner noch. Und wenn nicht? Dann kommt eben die nächste Wand, durch die er gehen wird.

 
 

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