„Bekloppt - es handelt sich um echte Liebe“

Berlin..  Die schwarz-gelbe Karawane ist längst auf dem Weg nach Berlin. Wenn Borussia Dortmund am Samstagabend gegen den VfL Wolfsburg im DFB-Pokalfinale antritt, dann herrscht in der Hauptstadt der Ausnahmezustand. BVB-Fans aus ganz Deutschland strömen nach Berlin, um im Stadion dabei zu sein, um beim Public Viewing auf dem Tempelhofer Flugfeld dabei zu sein. Aber Moment: Aus ganz Deutschland? Nein, aus der ganzen Welt. So wie Nils Grewing. Der 26-jährige Ostwestfale arbeitet in Kalifornien im Marketing einer Softwarefirma. Für den BVB reist er an.


Herr Grewing, wie geht es? Was macht der Jetlag?
Nils Grewing: Jetzt gerade ist es ganz ok. Aber mein Körper ist noch etwas durcheinander. Eigentlich macht dieser Trip keinen Sinn. Ich bin am Dienstag angekommen und seitdem eigentlich nur auf Autobahnen oder Zugstrecken unterwegs.
Das heißt konkret?
Ich bin von Los Angeles nach Frankfurt geflogen, von dort mit dem Zug nach Langenberg bei Gütersloh in meine Heimat gefahren, einen Tag später mit dem Zug nach Köln zu Freunden, mit denen mit dem Auto nach Berlin. Wenn alles gut läuft, geht es dann am Sonntag zu den Feierlichkeiten nach Dortmund, von dort zurück nach Langenberg. Zurück in die USA fliege ich am Dienstag von Berlin. Allerdings: mit Zwischenstopp in Oslo.


Das alles für ein einziges Fußballspiel. Wie viele Menschen haben Sie in den vergangenen Tagen für verrückt erklärt?
Fast alle, die davon wissen. Als der BVB im Halbfinale in München gewann, habe ich direkt nach Flügen geschaut, den Gedanken aber schnell wieder verworfen. Meine ­Eltern waren so stolz auf mich, dass ich der Versuchung widerstanden hatte. Das kostet ja auch alles Geld. Sie haben gedacht: Endlich wird der Junge vernünftig. Die haben ganz schön gestaunt, als ich am Dienstag in der Tür stand.


Was haben Ihre Eltern gesagt?
Sie sagten: ,Für den BVB kommst du heim’. Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen.


Was kostet der Trip?
Jeder Flug kostet 300 Euro. Billigfluglinie, kein Essen unterwegs, Gepäck kostet extra. Habe daher nur Handgepäck dabei.


Woher kam der Sinneswandel, doch zu reisen?
Ich hatte plötzlich eine Karte. Ich habe Familie im Sauerland. Meine Schwester hat einen guten Fang gemacht: Ihr Mann ist wie ich ­BVB-Fan und zudem Mitglied im Fan-Klub „Go West“ in Warstein. Für das letzte Saisonspiel der ersten Meistersaison mit Klopp 2011 war ich an Karten gekommen. Da habe ich meinen Kumpel Fabian mitgenommen und wir haben gefeiert. Vor zwei Wochen nun hat er sich bei mir gemeldet. Er sagte: Ich habe Karten, wenn du rüberkommst, geht das Bier auf mich. Er hat schließlich den kürzeren Weg.
Was hat Sie nach Los Angeles verschlagen?
Vor drei Jahren habe ich aus Zufall einen Job angeboten bekommen.


Aus Zufall?
Ja, ich hatte eine Amerika-Tour gemacht. Viel Strand, viel Bier, was man so macht. Im Flieger zurück war ich total fertig und wollte eigentlich nur pennen, aber der Typ neben mir erzählte die ganze Zeit von seiner Firma. Sieben Stunden haben wir dann durchgequatscht. Ein halbes Jahr später hat er angerufen und gesagt: Ich stelle jeden Monat zwei Mitarbeiter ein, wenn du dir ein ­Visum besorgst, bist du dabei.
Ihre Reaktion war welche?
Klar, Familie und Freunde erstmal zu verlassen, ist nicht leicht. Andererseits: Der Gedanke, das nasskalte Ostwestfalen gegen Venice Beach einzutauschen, hatte auch was. Nach zwei Wochen habe ich meine Freundin kennengelernt. Nun muss ich in L.A. bleiben (lacht).


Wie lebt es sich dort als BVB-Fan?
Mit Fußball hat hier keiner was zu tun. Wenn die Leute dort ins Stadion gehen, dann wollen sie unterhalten werden.


Was sagt Ihr Chef dazu, wenn Sie so kurzfristig Urlaub einreichen?
Nun, ich muss in dieser Woche schon auch zwischendurch arbeiten. Aber es herrscht eine gewisse zeitliche Freiheit, ich zahle das ja zurück, in dem ich manchmal am Wochenende Arbeit nachhole.


Wenn nicht ein BVB-Spiel läuft...
Die Spiele am Samstagnachmittag laufen bei uns wegen der Zeitverschiebung immer Samstagmorgens um sechs Uhr. Dann stehe ich auf und schaue Sky Go. Da ist meine Freundin hellauf begeistert (lacht). Sie hat das am Anfang unserer Beziehung zur Kenntnis genommen: Aha, du bist Fußball-Fan. So, so. Aber was das bedeutet, hat sie erst später bemerkt.


Was bedeutet es?
Als Dortmund 2013 im Champions-League-Finale stand, sind wir zusammen nach London geflogen. Wir hatten zwar keine Karten, aber ich hätte es mir nicht vergeben, wenn wir den Henkelpott gewonnen hätten und ich wäre nicht in der Stadt gewesen. Die schwarzgelbe Invasion war beeindruckend. Seitdem weiß sie, was es bedeutet, Dortmund-Fan zu sein. Sie kann kein Wort Deutsch sprechen, dafür aber schon mehrere Südtribünen-Klassiker singen.


Borussia Dortmund will doch in den amerikanischen Markt. Sie scheinen der erste Botschafter zu sein?
Bestimmt. Den Arbeitskollegen ­habe ich Bilder gezeigt, wie ich mit meinem Kumpel bei der Meisterfeier im Baum sitze, Videos, wie wir in London feiern. Sie verstehen es zwar nicht wirklich, aber wenn sie was über den BVB zu hören bekommen, dann schreiben sie mir immer gleich. Die verfolgen das sozusagen auch schon.


Was ist bei Spielen an Wochen­tagen? Malaga, Madrid? Wo waren Sie da?
Das ist bei uns dann mittags. Beide Spiele habe ich zuhause geschaut und gesagt, dass ich später kommen würde. Aber nach beiden Spielen war ich nicht mehr bürofähig und habe von Zuhause gearbeitet. Manchmal schaue ich aber auch im Büro. Dann springe ich auf und schreie schon mal.


Wann hat diese Liebe begonnen?
Keine Ahnung, sie war immer schon da, seitdem ich mich erinnern kann. Ich habe früher schon meine drei ­älteren Schwestern mit unnützem Fußballwissen terrorisiert. Sie wissen, wer Wolfgang Feiersinger und Harry Decheiver sind, wo Paul Lambert geboren wurde und ­warum Norbert Dickel Legendenstatus hat.


Weil er 1989 in Berlin beim Pokal­finale die entscheidenden Treffer gemacht hat. Da waren Sie ... ?
... noch in Windeln. Aber 2012 war ich dabei, als wir die Bayern besiegt haben. Auch damals mit meinem Kumpel. Und weil wir nun wieder zusammen im Stadion sein werden, kann es nur gut werden. Es ist eine bekloppte Reise, ich weiß, aber es handelt sich um echte Liebe.

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