Für Phoenix Hagen beginnt jetzt die Woche der Wahrheit

Aufopferungsvoll um jeden Ball kämpfen die Hagener, hier tut dies Jonas Grof (am Boden) gegen Bayern-Spielmacher Anton Gavel.
Aufopferungsvoll um jeden Ball kämpfen die Hagener, hier tut dies Jonas Grof (am Boden) gegen Bayern-Spielmacher Anton Gavel.
Foto: imago sportfotodienst
Vor dem Sponsorentreffen am Montag, das für die Zukunft von Phoenix Hagen entscheidend ist, lieferte der Basketball-Bundesligist dem FC Bayern München lange einen großen Kampf. Erst am Ende verloren die Gastgeber, denen auch noch der erkrankte David Bell fehlte, deutlich mit 77:97.

Hagen. Geht es weiter in dieser Konstellation? Gibt es überhaupt noch weitere Partien in der Basketball-Bundesliga für Phoenix Hagen? Die neue Woche, die mit einem Sponsorentreffen am Montag im Ratssaal beginnt, wird Antworten auf diese Fragen liefern. Auch deshalb war Spiel Nummer 253 der Hagener in der Eliteklasse ein besonders emotionales. Und erinnerte - trotz der finalen 77:97 (34:44)-Niederlage gegen den hohen Favoriten Bayern München - von der Atmosphäre her an bessere Zeiten in der Arena am Ischeland, die phasenweise zum verloren geglaubten Hexenkessel wurde. „Es war ein geiles Gefühl zwischendurch“, empfand dies auch Phoenix-Youngster Jonas Grof so, der in Abwesenheit des erkrankt fehlenden Kapitäns David Bell weitgehend für den Spielaufbau zuständig war. Und Trainer Ingo Freyer betonte: „Die Fans waren unglaublich heute, so etwas darf man nicht wegschenken. Ich hoffe, dass wir gezeigt haben, dass man Phoenix Hagen als Basketball-Standort einfach nicht verlieren darf.“

Sein Team hatte zuvor vor 2807 Zuschauern einen bravourösen Auftritt abgeliefert. Und das erneut geschwächt, denn nach dem Abgang von Spielmacher Richie Williams war zwar der von seiner Rückenverletzung genesene Center Owen Klassen wieder dabei und gab mit einem erneut starken Auftritt ein Bewerbungsschreiben für potentere Arbeitgeber ab. Doch kurzfristig hatte Bell wegen einer Magen-Darm-Grippe das Morgentraining verpasst, sich zwar mit warmgespielt, doch daraufhin erneut in der Kabine übergeben müssen. Das Herzstück des Teams und zweitbeste Scorer der Liga war damit matt gesetzt, Phoenix konnte erneut nur mit vier Importspielern antreten, während die Gäste angesichts von sieben ausländischen Profis im Kader mit Bryce Taylor den Kapitän auf der Bank ließen. Das ohnehin ungleiche Duell - gegen das Münchner Starensemble hatten die Hagener auch in den zehn Partien zuvor nie gewonnen - war schon vor dem Hochball noch ein Stück ungleicher geworden.

Was sich auf dem Parkett aber lange nicht widerspiegelte. Bis zum 6:4 durch den gegenüber den letzten Partien stark verbesserten Grof (3.), der nie zuvor wie am Samstag 30 Minuten gespielt hatte, lagen die Hagener vorn. Erst allmählich übernahm der Favorit (6:11, 5. 12:21, 9.), der 16 seiner ersten 24 Punkte ohne Fehlversuch von der Freiwurflinie erzielte und mit aggressiver Defensive den Gastgebern die Wurfoptionen aus der Distanz weitgehend nahm. Erst Adam Hess traf spät den ersten Dreier, beim 27:32 (17.) waren die aufopferungsvoll kämpfenden und früh mit ihren Youngstern agierenden Hagener aber immer noch gut im Spiel. Und blieben es auch nach dem Wechsel lange. Mehr noch, als Chris Hass Bayern-Spieler Reggie Redding blockte, im Gegenzug selbst den Dreier traf und Grof per Fastbreak kurz darauf zum 50:52 (25.) verkürzte, kochte die Stimmung am Ischeland über.

Vor dem Schlussviertel, als der starke Klassen ein unsportliches Foul von Nihad Djedovic zum 60:68 nutzte, schien der erste Phoenix-Saisonsieg immer noch nicht illusorisch. Die Fans waren dankbar für den erfrischenden Auftritt in einer höchst tristen Saison, stimmten gar das obligatorische „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“ an. Erst nach dem fünften Foul gegen Center Trent Plaisted (33., 63:74), als Phoenix nur noch drei ausländische Profis aufbieten konnte, gingen den Gastgebern allmählich die Kräfte aus. Gegen das Münchner Starensemble wehrten sich die Hagener Talente - neben Grof agierten auch Marcel Keßen, Pascal Zahner-Gothen und Julian Jasinski jeweils mehr als zehn Minuten - weiter tapfer. Doch ganz abgezockt spielten Redding, Djedovic und Co. jetzt die Angriffe aus und trafen, den Gastgebern gelang dies nur noch selten. Die Hagener Anhänger feierten ihr Team dennoch singend und klatschten, in der letzten Spielminute alle im Stehen. Und Ingo Freyer war trotz der elften Niederlage - in dieser Saison und gegen die Bayern überhaupt - sehr zufrieden mit dem Auftritt seines Teams: „Ich bin stolz auf jeden einzelnen, sie haben alles gegeben.“ Was, so hoffe er, auch einen Schub für die Sanierungs-Bemühungen gebe.

Verfahrenseröffnung am 1.12.

„Ein sehr erfrischender Auftritt. Das tat gut und ist für die Stimmung positiv“, fand auch Phoenix-Geschäftsführer Patrick Seidel. Vor dem Spiel hatte er im Spielheft „Crunchtime“ bekannt, dass Phoenix „Stand heute“ nicht ausreichend Mittel habe, um auch in den kommenden Monaten professionellen Basketball anzubieten. Beim Sponsorentreffen im Ratssaal am Montag wollen er und Restrukturierungsberater Dr. Dirk Andres offenlegen, welche Summen zu Sanierungs-Plan A oder Plan B, die eine Zukunft des Profi-Basketballs in Hagen ermöglichen sollen, noch fehlen, und um Geldgeber werben. Bis zum nächsten Donnerstag, wenn das Hagener Amtsgericht nach Lage der Dinge das Insolvenzverfahren eröffnet, wird sich erweisen, wozu die akquirierten Mittel dann reichen bzw. führen: Zur von Beginn an angestrebten Insolvenz in Eigenverwaltung, die Seidel als „Best Case“ bezeichnet, zur Planinsolvenz mit dem bisher als Sachwalter eingesetzten Dr. Jan Janßen als Insolvenzverwalter oder zur Regelinsolvenz, die das nahe Erstliga-Aus bedeuten würde. Bei Phoenix hofft man noch auf Fall eins.

Phoenix Hagen - FC Bayern München 77:97 (34:44)

Phoenix Hagen: Grof (10, 6 Rebounds, 2 Steals, 3 Ballverluste), Klassen (18, 10/10 Freiwürfe, 5 Rebounds), Godbold (11, 5 Rebounds, 4 Ballverluste), Hass (13, 3/6 Dreier, 3 Assists), Plaisted (7), Keßen (5, 5 Rebounds), Hess (5, 1/2 Dreier), Dunbar (2), Jasinski (4), Zahner-Gothen (2).

FC Bayern München: Redding (19, 2/5 Dreier, 6 Assists), Booker (13, 6 Rebounds, 6 Assists), Lucic (4, 5 Rebounds), Gavel (2, 4 Assists, 3 Ballverluste), Kleber (7), Johnson (7, 5 Assists), Djedovic (16), King (11, 3/4 Dreier), Barthel (12, 7 Rebounds), Balvin (4, 5 Rebounds), Renfroe, Jallow (2).

Spielviertel: 14:21, 20:23, 26:24, 17:29.

Team-Statistik: 37:48% Wurfquote, 5/14:7/24 Dreier, 28/34:26/35 Freiwürfe, 38:41 Rebounds, 16:29 Assists, 4:4 Steals, 14:7 Ballverluste, 2:3 Blocks.

Zuschauer: 2807.

Stimmen, Ingo Freyer (Trainer Hagen): Was uns bleibt, ist trotz der Niederlage die tolle kämpferische Einstellung. Es ist natürlich schade, dass David Bell heute absagen musste.

Aleksandar Djordjevic (Trainer München): Gratulation an die Hagener in einer schwierigen Situation. Sie haben ihr Herz in das Spiel gelegt und uns mächtig ins Schwitzen gebracht. Wir haben von der Bank wichtige Impulse bekommen, etwa von King und Djedovic.

Owen Klassen (Spieler Hagen): Wenn wir so in Spielen gegen andere Gegner gespielt hätten, hätten wir gewonnen. Mit David fehlte uns nicht nur ein guter Spieler, sondern der emotionale Anführer.

Jonas Grof (Spieler Hagen): Estat gut, heute mehr Verantwortung zu haben. Auch wenn es schwierig ist, veruschen wir weiter alles und geben immer 120 Prozent.

 
 

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