Das Ende der Basketball-Ära in Hagen kam kurz vor Weihnachten

Letzter Auftritt in der Bundesliga: Thomas van de Vondel, Physiotherapeut David Lopez, Bernd Kruel, Todor Gecevski, Chris Carrawell, Catalin Burlacu, Mike Hansen, Sportmanager Jörg Trapp und Bastian Kordyaka (von links) verabschieden sich am 20. Dezember 2003 von den Hagener Fans in Leverkusen.
Letzter Auftritt in der Bundesliga: Thomas van de Vondel, Physiotherapeut David Lopez, Bernd Kruel, Todor Gecevski, Chris Carrawell, Catalin Burlacu, Mike Hansen, Sportmanager Jörg Trapp und Bastian Kordyaka (von links) verabschieden sich am 20. Dezember 2003 von den Hagener Fans in Leverkusen.
Foto: WP
Es flossen nicht wenige Tränen, als Brandt Hagen heute vor zehn Jahren das allerletzte Spiel in der Basketball-Bundesliga bestritt. 800 Hagener hatten den Insolvenzklub am 20. Dezember 2003 zum Heimspiel im „Exil“ in Leverkusen begleitet. Ein Rückblick auf bewegte Tage vor einem Jahrzehnt.

Hagen.. Absteigen musste man in 37 Jahren nicht, das bittere Aus erfolgte auf einem Playoff-Platz. Und es flossen nicht wenige Tränen, als Brandt Hagen heute vor zehn Jahren das allerletzte Spiel in der Basketball-Bundesliga bestritt. 800 Hagener hatten den Insolvenzklub am 20. Dezember 2003 zum Heimspiel im „Exil“ in die Dopatka-Halle des langjährigen Erzrivalen Bayer Leverkusen begleitet. Und wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der 72:64-Sieg gegen TSK Würzburg der Schlusspunkt einer langen Ära sein würde. Neun Tage später musste Insolvenzverwalter Dr. Dirk Andres den Spielbetrieb einstellen. „Das Schiff war nicht vor dem Untergang zu bewahren“, denkt Martin Erlmann, damals wie heute unermüdlicher Aktivist im Hagener Erstliga-Basketball, zurück. Ein Rückblick auf bewegte Tage vor einem Jahrzehnt.

Sein 20. Jahr spielt Bernd Kruel in der Basketball-Bundesliga, das 15. davon in seiner Heimatstadt. Dass die Spielstätten dabei gewechselt haben, zeigt das zentrale Problem der heimischen Erstliga-Korbjagd. „Als Hagener habe ich schon ein paar Heimhallen mitgenommen“, sagt der 37-Jährige. Genau genommen sind es sechs. Zunächst lange die alte Ischelandhalle, zuletzt die durch den Ausbau entstandene Enervie Arena. Doch es kam nicht nur die Leverkusener Arena hinzu, sondern auch Helmut-Körnig- und Westfalenhalle in Dortmund und - nach dem Aufstieg mit Phoenix Hagen - das Injoy-Provisorium in Hohenlimburg.

Dass eine Spielstätte mit 3000 Zuschauerplätzen ab der Saison 2003/04 Pflicht wurde, überforderte Brandt letztlich finanziell. Und beendete die von Vorgängerverein SSV Hagen mit der Gründung 1966 begonnene Erstliga-Ära in der Weihnachtszeit 2003 abrupt. Womit gleichzeitig auch die Planungen für eine 12 Millionen Euro teure Mehrzweck-Arena am Ischeland, die der Klub mit 80-prozentiger Landesbürgschaft selbst hätte bauen wollte, ad acta gelegt werden mussten.

Das Ende kam schleichend

Matthias Grothe, Kapitän von Phoenix Hagen, im InterviewDas Ende kam schleichend, schon im Sommer 2003 stand der Klub kurz vor dem Aus. Altschulden in knapper Millionenhöhe hatte das Brandt-Präsidium um Klubchef Ludwig Heimann als Voraussetzung für die Bürgschafts-Erteilung zwar abgebaut, doch stets tauchten neue Finanzlöcher auf. Erst nach einem gesamtstädtischen Spenden-Kraftakt bekam man Mitte August doch noch eine Lizenz, spät baute der neue Trainer Armin Andres um Kruel als mal wieder einzig verbliebenem Akteur ein neues Team zusammen. Das zu den Heimspielen in die Körnig-Halle umziehen musste - Kostenpunkt etwa 20 000 Euro pro Spiel. Sportlich schlug sich die Mannschaft um Kapitän Mike Hansen, US-Flügel Chris Carrawell und den mazedonischen Center Todor Gecevski zwar überraschend gut, die Fans machten den Umzug nach Dortmund aber nicht in ausreichender Zahl mit. Auch eine Folge der arg überschaubaren Marketing-Aktivitäten des strukturell überforderten Vereins. Nur 1100 zahlende Zuschauer im Schnitt in der teuren Leichtathletik-Arena - das war viel zu wenig. Kruel: „Man hatte immer den Eindruck, dass das nicht gut geht.“

„Der Trip nach Leverkusen war schon fast surreal“

Angesichts einer Etatlücke von 400 000 Euro kündigte der Brandt-Vorstand am 11. Dezember fast folgerichtig den Insolvenzantrag an, der vier Tage später - trotz erneuter kurzfristiger Spendenakquise in sechsstelliger Höhe - auch gestellt wurde. Weil sich immer neue Finanzlöcher auftaten. „Die Beträge, die gefehlt haben, änderten sich ja fast stündlich“, erinnert sich Kruel. Und da man die Miete für die Körnig-Halle nun nicht mehr bezahlen konnte, fehlte es an einer erstligatauglichen Spielstätte für das folgende Heimspiel gegen Würzburg am 20. Dezember. So kam kurzfristig die von Ligarivale Leverkusen zur Verfügung gestellte Halle ins Spiel.

„Wir haben das aus dem Nichts heraus organisiert“, denkt Martin Erlmann zurück, „und Bayer hat uns alle Einnahmen gelassen, um uns irgendwie noch das Überleben zu ermöglichen.“ Aber man habe da schon gewusst, dass der Spielraum für eine weitere Bundesliga-Partie nicht mehr da war. Es wurde ein hoch emotionales „Abschiedsspiel“, das wohl keiner der mitgereisten 800 Hagener vergessen wird. Die ohne die bereits abgewanderten Chuck Evans und Adrian Autry geschwächten Hagener (Kruel: „Man konnte das niemand übel nehmen“) kämpften aufopferungsvoll um den - wenig später aus den Liga-Annalen wieder gestrichenen - Sieg. Und wurden spätestens bei der Rückkehr in Kleinbussen wieder an ihre Lage erinnert.

„Der Trip nach Leverkusen war schon fast surreal“, sagt Kruel, „aber danach musste sich natürlich wieder jeder darauf konzentrieren, was mit ihm passiert.“ Für den Ur-Hagener, dessen Ehefrau Bettina gerade schwanger war und der bis dahin nie für einen anderen Klub gespielt hatte, galt das in besonderem Maße. Zumal in der Weihnachts-Pause kein Wunder passierte. Nicht alle Import-Profis kehrten nach Hagen zurück, Geld für das nächste Heimspiel war nicht aufzubringen. Am 29. Dezember meldete Insolvenzverwalter Dr. Dirk Andres Liga-Gründungsmitglied Brandt endgültig vom Spielbetrieb ab. „Erstmals gingen komplett die Lichter aus“, denkt Kruel zurück: „Das war schon traurig.“

Kruel Meister mit Frankfurt

Der Center, der bis dahin seine stärkste Saison gespielt hatte, fand - wie die meisten Teamkollegen - mit den Frankfurt Skyliners schnell einen neuen Arbeitgeber. Und wurde ein halbes Jahr später deutscher Meister. „Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst ewig in Hagen geblieben“, sagt er. Auch in seiner Heimatstadt begannen bald die Planungen für eine Zukunft ohne Brandt. „Wir haben eine Woche Luft geholt und dann gesagt: Basketball in Hagen darf nicht sterben“, erinnert sich Erlmann, einer der maßgeblichen Handelnden des Übergangs. Zunächst wurde der Brandt-Nachfolgeklub BBV gegründet, einige Irrungen später dann im Mai 2004 die Phoenix GmbH aus der Taufe gehoben, die mit der Zweitliga-Lizenz der BG Hagen an den Start ging.

In Erlmanns Gartenhütte in Boele hatten Fredi Rissmann, Thomas Haensel und ihre Mitstreiter dazu die Basis gelegt. Es wurde eine Erfolgsgeschichte, aus der von Brandt bei Fans und Sponsoren hinterlassenen Asche erhob sich der neue Klub mit kontinuierlichem Wachstum. Nach viereinhalb Jahren kam auch Bernd Kruel nach Hagen zurück - und stieg mit Phoenix schon ein Jahr später wieder in die Bundesliga auf. „Es war ein guter Weg, nicht so schnell wieder vorzupreschen“, ist der 37-Jährige überzeugt: „Im Gegensatz zu Brandt steht das jetzt auf soliden Füßen.“

Was wurde aus den Akteuren des letzten Brandt-Teams?

Trainer Armin Andres (54, Foto) übernahm noch in der gleichen Saison den MTV Gießen und wurde später mit RheinEnergie Köln Pokalsieger. Dann beendete er seine Trainerkarriere, ist in seiner Heimatstadt Bamberg als Gastronom tätig und Mitglied der SPD-Fraktion Stadtrat.

Co-Trainer Mathias Fischer (42) folgte Andres nach Köln, wirkte als Cheftrainer in Luxemburg und Österreich, ehe er vor einem Jahr in die Bundesliga zurückkehrte und zunächst Gießen und seit dieser Saison Erstligist Bonn trainiert.

Spielmacher Chuck Evans verließ damals Brandt als Erster zu Alba Berlin, spielte danach noch in Spanien, Karlsruhe, Irland, Ehingen, Trier, Weißenfels und England, wo er auch als Coach startete. Nach dem Trainerjob bei Regionalligist Sandersdorf kehrte er 2010 in die USA zurück.

Adrian Autry (41) ging als Zweiter, war noch im russischen Nowosibirsk, in Belgien und Polen aktiv. Als Assistant Coach ist er an der Syracuse University.

Kapitän Mike Hansen (43) spielte noch bis 2008 in Spanien. Im Sommer war er für ein paar Monate Präsident des Erstligisten Valladolid.

In der Bundesliga nicht etablieren konnte sich Jimmy James (31), der noch in Lichterfelde, Tübingen und Paderborn sowie in Spanien aktiv war.

Der Belgier Thomas van de Vondel (33) kehrte in seine Heimat zurück, spielt noch beim Zweitligisten Oudenaarde.

US-Flügel Chris Carrawell (36) verließ Europa, um noch in Australien, den USA und den Philippinen zu spielen, ehe er 2007 in Holland seine Spielerkarriere beendete. Als Co-Trainer wirkt er bei Springfield Armor in der NBA-D-League.

Matthias Weber (33) kehrte zurück nach Leverkusen, spielte ab 2007 aber noch etliche Jahre für die BG Hagen.

Immer noch im Eurocup aktiv in seiner rumänischen Heimat bei Ploiesti ist Center Catalin Burlacu (36). Zwischenzeitlich spielte er in Italien und Estland.

Eine beachtliche Karriere machte Center-Kollege Todor Gecevski (36) in Kroatien, Griechenland und dem mazedonischen Nationalteam. Noch heute spielt er mit Skopje im Eurocup.

Bastian Kordyaka (31) sammelte Auslandserfahrung in Österreich und Finnland. Danach kehrte er zurück in die Region, spielte bei Schalke 04, Brandt-Nachfolgeklub BBV Hagen und der BG Dorsten. Aktuell ist er für Zweitregionalligist Baskets Lüdenscheid aktiv.

Zum Bundesliga-Rekordspieler wurde Bernd Kruel (37).Meister und zweimal Vizemeister wurde „Storch“ mit Frankfurt und Bonn, 2008 kehrte er nach Hagen zurück und spielt schon die sechste Saison für Phoenix. Es ist seine 20. in der Eliteklasse.

 
 

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