Auf der Kippe

Walte Brühl

Nürburgring. Jörg Lindner trägt einen leichten Sommeranzug in hellem Grau, dezent glänzend. Dazu offenes Hemd, keine Krawatte. Eifeler ziehen sich anders an, wenn sie sich chic machen wollen. Passt Jörg Lindner in die Eifel? Passen die gigantischen Betonbauten, die für rund 330 Millionen Euro am Nürburgring entstanden sind, hierher?

Seit Mai 2010 hat Jörg Lindner hier seinen Arbeitsplatz als Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH, die den „Ring“ betreibt und am Sonntag den Großen Preis von Deutschland (14 Uhr/RTL) veranstaltet. Der „neue Ring“ ist schwer ins Gerede gekommen. Durch eine abenteuerlich gescheiterte Finanzierung mit Privat-Geldern, für die am Ende das Land einspringen musste, durch heftige Kritik der alteingesessenen Zimmervermieter und Gastronomen, zuletzt vor allem durch die Befürchtung, die Formel 1 werde sich nach dem Rennen am Sonntag für immer aus der Eifel verabschieden. „Keine Angst“, sagt Lindner, „ich bin ganz zuversichtlich, dass wir auch 2013 hier einen Grand Prix sehen werden.“

Der Sohn einer angesehenen Düsseldorfer Unternehmer-Familie, ehemals Bundesliga-Wasserballer beim 1. SCD, weiß aber auch, dass ihm schwierige Verhandlungen bevorstehen. In Frage gestellt wurde die Zukunft der Formel 1 auf dem „Ring“ vor allem von der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerin Eveline Lemke. Die Grünen-Politikerin hatte bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode jede weitere Förderung ausgeschlossen. „Bis 2016“, sagte Lemke dem Handelsblatt, „gibt es am Nürburgring genau ein Formel-1-Rennen mit finanzieller Unterstützung des Landes – und das ist 2011. Punkt. Danach ist der Geldhahn zu.“

Ohne Gelder der öffentlichen Hand ist das Grand-Prix-Paket aber nicht zu bezahlen. 20 Millionen Euro soll Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone in diesem Jahr kassieren. Zusätzlich erhält der Brite die Einnahmen aus den TV-Rechten und alle Sponsoren-Gelder. Der Nürburgring Automotive GmbH bleibt als Einnahmequelle nur der Ticket-Verkauf. Der hat zwar in diesem Jahr spürbar angezogen, und gestern bildeten sich erstmals seit Jahren wieder lange Auto-Schlangen auf den Landstraßen um Nürburg, aber selbst wenn alle Eintrittskarten verkauft würden, bliebe ein Minus in der Kasse. Lindner: „Da stoßen wir an die Grenzen unserer Kapazitäten.“

Wird die Finanz-Hilfe des Landes als „Subvention“ bezeichnet, geht Lindner der Hut hoch. „Ich nenne das eine Investition“, argumentiert er und rechnet vor: „Rund 50 bis 60 Millionen Euro Umsatz bringt der Grand Prix in die Region. Das ergibt alleine an Umsatzsteuer rund zehn Millionen, zusammen mit den Ertragssteuern sind wir da schnell bei einem hohen zweistelligen Millionenbetrag.“ Am Ende, so Lindner, sei die Landeskasse somit voller als vor der Ausgabe.

Strukturmaßnahme

Da aus den Reihen der SPD bereits Kritik an den Lemke-Äußerungen laut wurde, scheint das letzte politische Wort hierzu noch lange nicht gesprochen. Auf der anderen Seite stehen harte Verhandlungen mit Bernie Ecclestone an. Ohne ein Entgegenkommen des kleinen Briten – wie dies zur Rettung des Rennens in Hockenheim führte – wird’s für die rheinland-pfälzischen Landespolitiker schwierig, das Ausgeben von Steuergeldern zu rechtfertigen. Jörg Lindner ist sicher, eine gemeinsame Sprache mit „Mr. E.“ zu finden: „Ich habe einen Vater, der genauso groß ist, im gleichen Alter und auch Gründer-Unternehmer. Den Typ Ecclestone kenne ich eigentlich seit meiner Geburt.“

Um jeden Preis, so viel wird klar, soll die Formel 1 nicht in der Eifel gehalten werden. „Von Anfang an, seit dem Bau im Jahr 1927, war der Nürburgring in allererster Linie eine Strukturmaßnahme für die Eifel-Wirtschaft. Das wollen wir auch heute sein.“ Sogar an dem ehrgeizigen Ziel, rund um die Rennstrecke ein Ganzjahres-Touristenziel aufzubauen, hält Lindner fest. „Das ist möglich. Ein klares Ja“, sagt er zu dieser Frage und verweist darauf, dass das Nürburgring-Hotel der familieneigenen Gruppe im letzten Jahr das bestausgelastete aller 35 Lindner-Häuser gewesen sei.

Eine Reihe von „Geburtsfehlern“ macht das Geschäft indessen schwierig. Die „Arena“, eine Halle mit 5000 Zuschauerplätzen, oder das „Warsteiner Event Center“ seien in der gegenwärtigen Form nicht profitabel zu betreiben, sagt Lindner, verweist aber auch auf den Zeitpunkt seines Dienstantritts: „Meine Verantwortung beginnt 2010.“

Es muss noch viel passieren, bis das Projekt in der Eifel richtig funktioniert. „Der Nürburgring ist eine touristische Aufgabe“, umschreibt Jörg Lindner die Gesamt-Anforderung, „wir sind nicht dazu da, wenigen Menschen die Ausübung ihres Sports zu ermöglichen. Aber der Motorsport wird immer ein elementarer Baustein bleiben.“