Anpfiff für eine neue Zeit

Foto: imago/Norbert Schmidt

Fußball und die Sportschau - eine Symbiose, nicht wegzudenken aus dem deutschen Fernsehalltag. Doch 1988 war es soweit: Der Privatsender RTL sicherte sich die Bundesliga-Rechte, die Bastion Sportschau sollte fallen.

Es war ein großer Schritt in eine völlig neue Art der Fußball-Präsentation, als erstmals "Anpfiff - die Fußballshow" über die deutschen Bildschirme flimmerte. Parallel zum bunten RTL-Programm zeigte zwar auch die gute, alte Sportschau Zusammenfassungen von einigen Bundesliga-Partien, doch war abzusehen, dass dies ein Abschied auf Raten war.

RTL war noch nicht bundesweit empfangbar, und so sorgte die Sportschau für die Grundversorgung mit bewegten Fußball-Bildern, während RTL für Entertainment rund ums Leder sorgte. "Anpfiff" ging eher in Richtung ZDF-Sportstudio. Die Sendung fand vor Publikum statt, und Studio-Gäste sowie Live-Interviews mit Spielern und Trainern gehörten zum Standard. Fußball wurde lebendiger präsentiert, eben wie eine Ware, nicht bloß als Nachricht. Jedes Bundesliga-Spiel war ein Ereignis, und mit "Anpfiff" öffnete RTL dem Publikum auch die Augen für das Geschehen jenseits des Platzes.

Außerhalb der Seitenlinien fand der Kölner Privatsender viele bunte Geschichten. Glück für den Tutti-Frutti-Kanal: Der FC St. Pauli spielte zu jener Zeit in der Fußball-Bundesliga und so konnte RTL nach Belieben Schmuddel-Image und Fußball-Show miteinander verknüpfen. Es war eben die Zeit, als Fernseh-Deutschland sich ausprobierte. So fand Sex-Beraterin und Bett-Problemlöserin Erika Berger ebenso den Weg in die Fußball-Show wie St. Paulis Huren-Ikone Domenica. Was das mit Fußball zu tun hatte? Wenig. Aber die bis zu drei Stunden, die RTL von nun an dem Fußball am Samstagabend einräumte, wollten ja irgendwie gefüllt werden. So wurde dann schon mal nach dem süßesten Profi-Fußballer gefahndet oder ein voyeristischer Blick in den FKK-Bereich des Freibades neben dem Westfalenstadion riskiert.

Die Spielberichte selber unterschieden sich anfangs kaum von denen der Sportschau. Allerdings waren die Kommentatoren gewöhnugsbedürftig. Wilfried Mohren übte sich in Wortschöpfungen, Burhard Weber zog nach jedem Satz die Stimme derart nach oben, dass der Zuschauer sich fragen musste, ob es sich bei Webers Kommentar um eine Frage oder eine Feststellung handelte.

Und dann war da natürlich noch er. Der Moderator mit der Pudelfrisur: Uli Potofski, der den Fußball authentisch mit einem kleinen Ruhrgebiets-Touch präsentierte, ansonsten aber so gar nicht zum bunten Rest von "Anpfiff" passte. Dennoch wurde die Sendung beim Publikum immer beliebter. RTL konnte zu der Zeit alles machen - es wurde Kult. Egal, ob "Alles nichts oder", "RTL Samstag Nacht" oder eben "Tutti Frutti" - RTL gewann. Doch nicht finanziell.

RTL war der erste Sender, der spüren musste, dass Fußball zwar viele Zuschauer anlockt, finanziell doch immer in die Roten Zahlen führt. Die Rechte sind einfach zu teuer. 1992 war es vorbei mit der Bundesliga im RTL-Gewand. Die Liga wurde von nun an von Sat1 präsentiert - noch bunter, noch schriller, noch teurer.

"Anpfiff" hat viel bewirkt im Fußball. Einerseits hat die Sendung die Berichterstattung über den Sport aus der allzu nüchtern-nachrichtlichen Ecke herausgeholt und einem deutlich entspannteren Umgang mit den Ball-Protagonisten den Weg geebnet. Andererseits war der Name tatsächlich Programm. Mit dem Erwerb der Bundesliga-Rechte durch RTL begann die gnadenlose Kommerzialisierung des Fußballs. Der Sport wurde zur Ware und entsprechend angepriesen. Das ist die Schattenseite der Lockerheit.

 
 

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