Karriere nach dem Game Over

Foto: Dirk Hein

Peter Schlosser (25) ist im eSport kein unbeschriebenes Blatt. Nicht verwunderlich, ließ der Gießener zuletzt als Co-Autor des Lösungsbuchs für den Ego-Shooter Counter-Strike die Fangemeinde in gedruckte Seiten blicken. Ansonsten liebt er es aber ganz und gar digital: 2006 krönte Schlosser eine turbulente eSport-Karriere als Spieler mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in New York. Als Clanmanager von Alternate aTTax setzt er nun neben der Tastatur die Karriere fort. Ein Grund, mit DerWesten über Metamorphose-Möglichkeiten nach der Spielerlaufbahn zu sprechen.

Wie wird aus einem eSport-Spieler ein Clanmanager?

Schlosser: Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem du für den hochklassigen Bereich einfach zu alt bist. 19 bis 22 Jahre ist so das beste Alter für einen eSportler auf diesem Level. Junge Spieler haben einfach mehr Zeit zu trainieren - und auch den Kopf frei, was die Probleme des Alltags angeht. Umso besser ist das Gefühl, wenn man später das Hobby zum Beruf machen kann. Ich kann jetzt im eSport tätig sein, ohne selber noch zu spielen. Und es ist eine besondere Verantwortung, ein ganzes Werksteam zu betreuen…

Wie äußert sich das?

Schlosser: Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Spieler immer ein zweites Standbein haben, ihr Studium anstreben, eine Ausbildung ausüben. Es darf nicht sein, dass sich die Spieler nur auf eSport versteifen und letztlich als Hartz-IV-Empfänger enden. Das Lernen gehört also dazu, dafür würden wir manchen auch mal in den Hintern treten.

Bist du also einer der wenigen Fälle, die zeigen, dass ein beruflicher eSport-Weg auch funktionieren kann?

Schlosser: Ich bin Clanmanager, habe einen festen Vertrag - das ist richtig. Trotzdem möchte ich parallel mein BWL-Studium beenden. Aber es stimmt schon: Früher als Kind hätte ich das nicht gedacht.

Was erzählt man seinen Eltern, wenn man professioneller Computerspieler werden möchte?

Schlosser: Da hatte ich viel Glück. Die Frage stellte sich bei mir gar nicht. Meine Mutter hat Informatik studiert. Das war schon praktisch, weil ich so recht einfach von ihr neue Hardware abstauben konnte. Also Steine wurden mir am Anfang nicht in den Weg gelegt.

War das im erweiterten Umfeld auch so?

Schlosser: In der Schule war das kein Problem. Und ich bin auf eine kirchliche Privatschule gegangen. Auch als ich später als Spieler für Turnierveranstaltungen Sonderurlaub benötigte. Es kamen keine Bedenken, so nach dem Motto: Mensch Junge, mach doch was Anständiges…

Praktische Freiräume, oder?

Schlosser: Vielleicht. Ich habe so mit sechs Jahren meinen ersten PC bekommen. Ein 286 war das, glaub ich. Mit 20 MB Festplatte. Damals übrigens eine ganze Menge. Ich habe darauf sehr häufig „Space Invaders“ gespielt. Mit zwölf bin ich dann nach Gießen umgezogen. Später fing alles mit Netzwerk-Spielen an. Meine Kumpels haben alle in der Nähe von Gießen gewohnt.

Bei LAN-Partys ist es ja nicht geblieben…

Schlosser: Nicht ganz. Wir haben einen Clan gegründet. Evil Turkeys hieß der. Böse Truthähne, so etwas kam in einer South Park-Episode vor. Es folgten eine Menge Lan-Partys. Ein Sprungbrett war letztlich der Wechsel zum Clan G-Force. Und ich wurde dann von den Jungs von Tamm entdeckt.

Um die Truppe gibt es einige Legenden.

Schlosser: Genau, die kommen aus der Nähe von Stuttgart. Tamm ist der Name des kleinen Städtchen, von dem die Fans häufig das Ortseingangsschild geklaut haben. Nur wegen des Clans.

War das die Zeit, zu der beim eSport größere Investitionen folgten?

Schlosser: Mein nächstes Team eSport-United, so vor fünf Jahren war das, wurde von koreanischen Investoren unterstützt. Es gab Transfers in dicken Autos, Verpflegung und ein Gehalt für die Spieler. Bis irgendwann die Finanzierung nicht mehr klappte.

Das Ergebnis war aber nicht repräsentativ für ein durch starke Sponsoren unterstütztes Team?

Schlosser: Nein. Ich bin dann letztlich zu Alternate aTTax gekommen. Ein Clan, der von einem großen Computerversandhandel gegründet wurde. Eigentlich das erste Werksteam überhaupt.

Und dort wurde es weltmeisterlich.

Schlosser: Wir waren die ersten deutschen Counter-Strike Weltmeister überhaupt. In New York wurde der Titel von der World Series of Computergaming ausgespielt. Es war eine tolle Erfahrung. Denn wenn du dich in Amerika mit Leuten über eSport unterhältst, sind die viel offener dem Thema gegenüber. In Deutschland herrscht viel Skepsis bei Leuten, die noch gar nichts davon gehört haben. Weil oftmals einfach die Hintergrundinformationen fehlen. Wir haben mit dem Clan bei der WM 50.000 Dollar als Preisgeld erspielt und es gab fünf Rolex-Uhren.

… wo ist deine Uhr jetzt?

Schlosser: (lacht) Die trage ich gerade. Sieht gar nicht so aus, was? (deutet auf den Arm) Ich habe mir den Spaß gemacht und geschaut, was die im Handel kostet: so um die 3.500 Dollar. Aber das war schon eine tolle Sache. Freunde und Verwandte haben sofort gratuliert.

Wozu kann man dem eSport in ein paar Jahren gratulieren?

Schlosser: Ich hoffe, dass sich der eSport weiterentwickelt und letztlich als regulärer Sport anerkannt wird. Dazu ist es wichtig, dass im Spieler- und Managementbereich konsequent weiter gearbeitet wird. Ich möchte auch zukünftig im eSport-Bereich tätig sein. Erst recht, weil ich ja schon von Anfang an dabei bin.

 
 

EURE FAVORITEN