Der Hör-Spieler: Ein Duisburger in Hollywood

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Duisburg. Für Ramin Djawadi startete vor acht Jahren die Karriere lautstark - als Komponist für Computerspiele. Heute vertont der Duisburger in Hollywood Kino-Produktionen von Kevin Costner. Für Prison Break folgte eine Emmy-Nominierung. Ein Interview.

Der Westen: Die Musik in Computerspielen hat sich unheimlich weiterentwickelt. Woran liegt das?

Ramin Djawadi: Die Budgets der Produktionen sind einfach größer geworden. Außerdem bietet eine DVD viel mehr Speicherplatz, so muss die Musik schon aus technischen Gründen nicht zurückstecken. Es werden große Orchester-Sessions veranstaltet, und es gibt Komponisten, die sich eigens auf Musik für solche Spiele spezialisiert haben.

Worin besteht der Unterschied, Musik für einen Film oder ein Computerspiel zu schreiben?

Djawadi: Bei der Game Music unterscheidet man grundsätzlich zwischen „Cut Scenes“ und „In Game Music“. „Cut Scenes“ sind kurze Filmsequenzen, die zum Beispiel nach einem erfolgreich absolvierten Level erscheinen und die Geschichte des Spiels verdeutlichen. Hier kann man ähnlich wie bei der Filmmusik vorgehen. Personen erhalten dann musikalische Themen – du schreibst zu den Szenen, die auf dem Monitor erscheinen. Bei „In Game Music“ musst du Musik für verschiedene Emotionen schreiben – ohne dabei Bilder zu sehen. Trauer, Action, Spannung – das wird dann gedoppelt und in das Spiel eingefügt. Die Musik verändert sich je nach Situation und Position der Spielfigur.

Musik und Bild sollten eigentlich miteinander verknüpft sein. Es reicht schließlich nicht nur, eine schöne Melodie zu schreiben…

Djawadi: Das stimmt. Darum musst du viel ausprobieren. Bei meinen Projekten „The Thief II: The Metal Age“ und „System Shock II“ war das äußerst spannend. Die haben mir einen eigenen Rechner aufgebaut, und ich konnte zusammen mit einem Programmierer einfach alles direkt im Spiel ausprobieren. Wenn dann die Musik an bestimmten Stellen nicht funktionierte, konnte ich das direkt entsprechend ändern.

Kleben bei dir noch die krächzenden Sounds aus der Atari-Zeit im Kopf?

Djawadi: (lacht) Die kenne ich auch noch! Ich wüsste jetzt aber nicht, welche Musik mich damals am meisten genervt hat. Beim Komponieren denkst du schon mal daran, was der Spieler wohl für einen Eindruck bekommt, wenn er jetzt drei Minuten an der gleichen Stelle im Game stecken bleibt und die Musik nicht variiert. Darum versuche ich auch, meine Musik so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.

Spielst du selber?

Djawadi: Ich mag das sehr. Ich habe früher mit meinem kleinen Bruder über das Internet gezockt. Damals wohnte ich schon in den USA. Und er war halt in Duisburg. Ich finde die eSport-Szene sehr interessant. Leider fehlt mir wirklich die Zeit dafür. Ab und an nutze ich die Games zum Relaxen, zum Abtauchen in eine andere Welt. Ich stecke momentan noch im ersten Teil des „Grand Theft Auto“-Rennspiels fest…

Deine Zeit ist knapp, weil du jetzt große Hollywood-Filme vertonst. Ist das zugleich ein endgültiger Abschied von der Game-Music?

Djawadi: Das würde ich nicht sagen. Viele Hollywood-Komponisten werden angeheuert, um Games zu vertonen. Zumal ja zu einigen Kinofilmen die passenden Spiele erscheinen. Bei „Open Season“ hat man mir angeboten beides zu vertonen – Film und Spiel. Leider war die Zeit zu knapp. Der Game-Komponist hat mich später angerufen. Wir haben dann die Instrumente abgestimmt, die zu hören sind, wenn einer der Tier-Charaktere erscheint. Damit sollten Film und Spiel zumindest ähnlich klingen. Du benötigst eben einen größeren Zeitrahmen. Während du fürs Kino so an die 40 zum Teil längere Stücke schreibst, musst du für ein Game bis zu 300 kleinere Clips komponieren. Das ist sehr aufwändig!

Hättest du zur TV-Serie „Prison Break“ gerne ein passendes Spiel vertont?

Djawadi: Klar! Das würde thematisch sehr gut passen. Gerade, weil ich derzeit dabei bin, die dritte Staffel zu vertonen. Jede Woche bekomme ich eine Folge geschickt – und die muss in sieben Tagen fertig werden. Jede Woche aufs Neue. Ich mache das mehr oder weniger nebenbei, weil ich ja auch Musik für Kinofilme schreibe.

Das klingt nach Akkordarbeit.

Djawadi: Das klappt schon. Da du bei TV-Folgen teilweise auf bestehende Musik zurückgreifen kannst. Die Themen ändern sich ja nicht. Ich treffe mich mit den Produzenten und die Änderungen werden über das Telefon besprochen.

Ist man dadurch isoliert von der restlichen Produktion, den Schauspielern?

Djawadi: Ich habe bei den Emmy Awards 2006 die Hauptdarsteller Wentworth Miller und Dominic Purcell getroffen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn sie deine Musik kennen und davon begeistert sind. Wentworth Miller ist eher der ruhigere Typ. Aber man spricht normalerweise in solchen Situationen eh nicht viel über die Arbeit…

…sondern?

Djawadi: Mit Kevin Costner habe ich zum Beispiel viel übers Surfen und Angeln gesprochen. Bei der Musik zu „Mr. Brooks“ war er sehr offen, man konnte mit ihm diskutieren. Man sollte halt vergessen, dass dir beim Meeting gerade der Weltstar Kevin Costner gegenüber sitzt. Obgleich du beim ersten Treffen immer unsicher bist.

An Komponisten haftet das Image von Workaholics, was machst du in deiner Freizeit?

Djawadi: Tja, ich hatte in den letzten sieben Jahren keinen echten Urlaub – und kaum freie Wochenenden. Es geht morgens um zehn Uhr los und endet um zwölf, zwei Uhr in der Nacht. Samstags, sonntags. Es ist wie eine Sucht, Musik zu schreiben.

Wirklich ohne Kompromisse?

Djawadi: Ich möchte im Sommer endlich mal wieder zurück nach Deutschland kommen, um meine Familie in Duisburg zu besuchen. Ich fange aber zuerst den Film „Iron Man“ an, eine Marvel-Comic-Verfilmung mit Robert Downey Jr. und Jeff Bridges.

Comic-Verfilmung? Wenn sich da mal nicht ein passendes Video-Game aufdrängt.

Djawadi: Stimmt! Da müsste sich mich mal drum kümmern. Aber ich stecke in den ersten Tönen des Films. Wenn wir unser Gespräch beenden, fange ich frisch mit dem Projekt an. Ich muss zunächst schauen, dass ich den Film überlebe.

Das Gespräch führte Dirk Hein

 
 

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