Daniel Budiman: Ich habe Leben gemacht!!!1

Eine Kolumne über die Absurdität, im Spiel „Leben“ zu erschaffen und selbst nicht fähig zu sein, seinen eigenen Hamster zu retten.

Was für ein herrlicher Tag! Es ist „Tag des Königs“, mein Volk feiert frenetisch meine Führungskraft und ballert mir zu Ehren ganze 5 polygonale Feuerwerks-Raketen in die Luft. Es geht ihr scheinbar richtig gut, meiner kleinen zivilisierten Zivilisation, die ich in der Preview-Version von „Civilization Revolution“ unter harter Arbeit, Schweiß und viel, sehr viel Zeit zum (virtuellen) Leben erweckt habe. Ein Weiteres mal habe ich Leben gemacht und dieses Mal ist meine Strategie besser aufgegangen, als bei den vielen anderen, gescheiterten Zivilisationen davor. Wäre mein Hamster doch noch am Leben, dann hätte er mir mit Sicherheit aus Freude auf das Shirt geköttelt.

Es war einmal das Leben

Ja, ich hatte einen kleinen niedlichen Nager namens „Torpedro Rakede“, seine Vorliebe war es wie ein Torpedo durch die vielen Röhren meines nun leer stehenden Holzkäfigs zu ballern. Das Leben mit ihm war so schön - Ich habe ihn regelmäßig gefüttert, ab und zu auf mir rumlaufen lassen und ihn bei seinen unkontrollierten Hin-und-Her-Geflitze beobachtet. In meinem 13 € teuren (Hand-)Buch standen viele tolle Hinweise, wie ich und mein Freund Rakede lange Zeit so weiter machen könnten – Leicht verständlich und eher für Kinder geschrieben. Damit es auch bloß jeder verstehen kann und das Leben der kleinen Nager nicht gefährdet ist.

Laut Buch kann es vorkommen, dass Hamster in Herbst- und Winterzeiten „ruhiger“ werden, allerdings ist das eher untypisch. Das war es dann leider auch schon mit den Hinweisen. Mit nur halbem Blick auf meinen sich zur Winterzeit plötzlich unglaublich untypisch-ruhig verhaltenen Hamster und dem Gedanken: „Mensch, der ist ja ganz schön untypisch!“, hatte ich mich dann dem viel dickeren (virtuellen) Handbuch von Civilization IV, einem unglaublichen tiefgründigen Strategiespiel gewidmet, um auch bloß den richtigen Weg zu der großen, virtuellen Zivilisations-Kreation einzuschlagen. Wenig später war Rakede tot.

Knöpfe statt Hamster drücken – Ein Trauerspiel

Anstatt über meinen Schatten zu springen und mir vielleicht mal ein sinnvolleres Lehrbuch über Hamster zu holen paukte ich Strategien, Taktiken und diverse Spielweisen eines Spiels, in dem es um das Erschaffen von Zivilisationen, also eigentlich um das Erschaffen von (virtuellem) Leben geht. Es ist schließlich so komplex, so tiefgründig, und all meine Schritte haben eine direkte Auswirkung, die mir dann sogar mittels Hinweisen auch noch direkt ins Hirn gebrannt werden.

Rakede war dagegen so simpel, so natürlich. Fressen, rennen, schlafen. Für mich hieß es nur Käfig sauber machen, lecker Fresschen geben und ab und zu mit ihm Spielen. Dass er auf einmal tot ist kann verschiedene Gründe haben, aber es bleibt das schlechte Gewissen, mich nicht mehr mit ihm beschäftigt zu haben.

Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass seine (bis jetzt noch gar nicht erwähnten) überdimensional-großen Hoden nichts mit seiner Einzeltierhaltung zu tun hatten, sondern dass das Zimmer in dem sein Käfig stand einfach zu warm war. Nichts mit Kälte im Winter, kein Winterschlaf. Man kombiniere kleine dünne Plastikröhren mit Profil und einen Hamster mit auf dem Boden schleifenden Hoden, verzichte dabei auf die tragisch-komischen Bilder im Kopf, und prompt hat man den Grund für den Tod meines kleinen Hamsters.

Hätte ich mich früher mehr mit dem Thema beschäftigt, hätte es wahrscheinlich verhindert werden können. Aber ich hatte leider keine Zeit, denn ich hatte Leben gemacht. Davon sogar sehr viel, nur leider hatte dieses Leben keine Haare und es hat mir auch nicht auf mein Shirt geköttelt. Das Leben ist eben doch kein Spiel, und beim (echten) „Leben“ ist es wie mit dem Essen: Damit spielt man einfach nicht.

 
 

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