Simon Krätschmer: Digitale Dickmacher

Kommen wir gleich zur Sache: Ich bin eine fette Sau. Ein dickbäuchiges Mastschwein in der Blüte seiner Jugend, bereit zum Schlachten.

Zwei Jahre „game one“-Stress, ein beeindruckender Hunger auf Bier und die Tatsache, dass es scheinbar nirgendwo in der Nähe unserer Redaktion irgendetwas Gesundes zu essen gibt, haben meinen Körper in einen schwabbeligen, fettgetränkten Schwamm verwandelt, der nur noch von Fruchtgummi und Pizzakäse zusammengehalten wird. Und je länger ich diesen Job mache, desto logischer erscheint mir die Tatsache, dass sämtliche Games-T-Shirts von Publishern ausschließlich in „L“ oder „XL“ verschickt werden.

Amüsanterweise beobachte ich eine derartige Transformation jedoch nicht nur bei mir, sondern auch bei jedem anderen „game one“-Mitglied - vom Praktikanten über jeden einzelnen Redakteur bis hin zu meinem On-Air-Kameraden Budi. Dessen ebenfalls beträchtliche Wampe ist vielleicht sogar der einzige Grund, weshalb das neue „game one XXL“ noch niemandem sonderlich aufgefallen ist. Niemand achtet auf das dicke Walross, wenn direkt daneben ein fetter Wal gestrandet ist.

Nur Marc, unser Chef vom Dienst, hat in derselben Zeit überraschenderweise abgenommen. Das mag aber auch daran liegen, dass es für einen Körper mit seinen Ausmaßen irgendwann wohl einfach keine andere Möglichkeit mehr gibt. Die Breite ist in alle Richtungen vollends ausgeschöpft, um im Hause Marc noch mehr abstellen zu können, müsste man anbauen. Er ist also der einzige, dem ich in der heutigen Kolumne Respekt zolle, denn er isst und trinkt mindestens ebenso gerne und unüberlegt wie ich und schafft es trotzdem seinem Fett den Krieg zu erklären; Zelle für Zelle! Ich würde mir nur zu gerne sein „Wii Fit“ ausleihen, um es ihm gleichzutun, doch er hat damit bereits nach zwei Tagen mit der Begründung aufgegeben „Das Teil motiviert mich nicht, was es ja schließlich soll und wenn es das nicht tut, hat es halt Pech gehabt!“.

Wii Fett darf man sein?

Solange einem das „Wii Fit“-Board also nicht aufmunternd auf die Schultern klopft oder mit skeptisch hochgerollten Augenbrauen fragt, ob die dritte Bratwurst wirklich sein muss, scheint es also auch mit der vielgepriesenen „Virtual Sport“-Revolution nicht allzu weit her zu sein. Zumindest nicht für mich, denn motiviert werden, das muss ich. Nur was soll ich tun? Spiele sind alles was ich kenne, bei Aerobic-DVDs werde ich durch die engen Trainingsanzüge ständig abgelenkt und rausgehen ist doof, weil da muss ich mich selbst um alles kümmern!

Fassen wir meine Optionen also kurz zusammen: Ich bin ein faules, fettes Konsolen-Kind, gefesselt an die Denk- und Motivationsmuster virtueller Strukturen. Ich denke in „Level-Ups“, ich brauche unverzüglich Ergebnisse und einen allmächtigen Avatar, der mir aus dem Off sagt wie außerordentlich gut ich mich gerade schlage! Die vielen Jahre in einer virtuellen Welt, in der eine sportliche Figur nicht nur selbstverständlich ist, sondern sich auch schnell durch das Verschieben von ein paar Reglern erreichen lässt, haben mich sprichwörtlich und langfristig fürs echte Leben versaut.

Ich brauche Anweisungen, ich brauche Druck. Ich brauche jemanden nicht-menschlichen, der mir mit kühlem Realitätssinn klarmacht, was für ein ekelhaft faules Stück Dreck ich gerade wieder bin. Deshalb habe ich die Sache jetzt endlich selbst in die Hand genommen bzw. in die Hände von jemandem gegeben, dem ich vollends vertraue: dem Internet.

Wii Fit kann man werden?

In dem Moment, in dem ich diese Zeilen hier schreibe, ist Montag, Tag 1 meines virtuellen „Mens Health“-Trainings. Für „nur“ 15 Tacken im Monat schreibt mir ein computeranimierter Fitnesscoach mit einem Sixpack aus purem Stahl (wirklich, purer Stahl – der Typ ist komplett aus Silber und sieht aus wie Cyberjobe aus „Lawnmower Man“) täglich vor, was ich gefälligst als nächstes zu tun habe. Schwimmen, Joggen, Liegestützen – einfach alles was kostenlos zu bekommen ist. Denn für ein Fitnessstudio habe ich jetzt nicht mehr genug Geld, der Coach war schon so teuer! Doch all den hochtechnisierten Gewichte-Schnickschnack braucht eh kein Mensch, ich vertraue da ganz den Vorgaben der guten alten künstlichen Intelligenz. Ob mein Vertrauen in die Virtualität gerechtfertigt ist, wird man wohl erst im August sehen, wenn die Budimon’sche Sommerpause zu Ende ist und „game one“ wieder auf Sendung geht. Anfang August muss die Wampe bekannt werden, nun gibt es keine Ausreden mehr. Ich hoffe und freue mich sogar ein bisschen darauf - schließlich gibt es kein besseres Druckmittel als die Gefahr öffentlicher Demütigung, befragt dazu ruhig mal Britney Spears oder ein paar Teilnehmer des letzten „TV Total Turmspringens“.

Aber bitte sagt Budi nichts davon, ich möchte schließlich neben ihm hervorstechen – und das ausnahmsweise mal nicht an der Hüfte. Falls er jetzt nämlich auch abnehmen sollte, sieht man im Gesamtkontext wieder keine Veränderung – und all die Anstrengung war für den Arsch. Zumindest meine Anstrengungen, meinen Arsch wieder in eine ordentliche Hose zu bekommen, die nicht so aussieht als ob ich ein 15-jähriger Hip-Hop-Fan wäre.

Hiermit verspreche ich also hoch und heilig (vor allem mir selbst): Falls ich es in den folgenden sechs Wochen nicht schaffen sollte, wieder einigermaßen vorzeigbar zu werden, habe ich offiziell im Spiel des Lebens verloren. Dann bleibt mir nur noch eine einzige Wahl – und zwar meine Kontakte nutzen, diese Kolumne löschen lassen und anschließend leugnen je irgendetwas zu diesem Thema geschrieben zu haben!

 
 

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