Simon Krätschmer: Das Nichts ohne Nick

All diejenigen da draußen, die mich noch nicht kennen: Gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle…

Ich heiße Simon und ich bin - allem Anschein nach - ein „Nerd“. Meine Welt ist also sozusagen etwas bunter als der Rest da draußen. Sie besteht aus Spielen, Online-Foren und all dem, was das wundervolle Web 2.0. dem egozentrischen Selbstdarstellungs-Wiederholungstäter von heute (und morgen) alles zu bieten hat. Dazu gehört ein Profil bei irgendeinem obligatorischen “Facebook”-Klon, diversen Accounts in diversen Diskussionsforen und eine Menge Movies auf den Servern von diesem youtube, von dem meine Mutter so viel gehört hat.

Seit einer "Duke Nukem 3D"-Lanparty - irgendwann Anfang der 90er - mit einem guten Freund, dessen höchsteigene Angewohnheit es war, bei guter Laune überall ein "B" davorzusetzen, heiße ich in “meiner Welt” allerdings schlicht Bimon.

Was dafür sorgt, dass ich mich regelmäßig fragen lassen muss, wieso ich so einen scheiß Spitznamen habe. Und ob ich wirklich "Bi" bin.

"Doch, doch", sagen dann alle. "Das hab ich auch schon gehört!" Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich zum Zeitpunkt der Diskussion im Comments-Bereich meines youtube-Profils befinden, wo ich gar. nicht. anders. kann. als mitzulesen.

Ironie des Schicksals: Wäre ich wirklich Bi, hätte ich mir wohl selbst den Nick "Bimon" ausgesucht. So könnte man von einer selbsterfüllenden Prophezeiung sprechen. Aber ich weigere mich auch in Zukunft strikt bisexuell zu werden, nur weil es gemäß meines Internet-Nicks der nächste logische Schritt wäre.

Das macht mich zu einem geistigen Verwandten der meisten Gamer. (Fast) Wir alle haben Online-Nicks, für die wir uns irgendwann schämen. Der Grund, weshalb ich selbst darüber lästern darf, ist der Vorteil, den ich den meisten anderen gegenüber habe: Ich habe mir meinen zumindest nicht auch noch selbst ausgesucht.

Was aber muss in einem Menschen vorgehen, der sich selbst für den Namen „Alarm-im-Darm“ entscheidet? Wie kommt man auf den Nick „K1llt4cul4r“? Wieso bezahlen manche Menschen 70 Euro pro Jahr für Xbox Live, nur um dann „Pistol of Death“ zu heißen und von allen mit „Piss“ angequatscht zu werden?

Augen auf beim Namenkauf!

Die Antwort ist denkbar einfach: Ohne Nick geht es im Netz nämlich auch nicht. Normale Namen sind einfach zu spießig. Oder schon seit Jahrzehnten vergeben.

Ich kannte mal einen Menschen in einem Forum, dessen Nick-Name war „Fritz Schober“. Das Bizarre: Er hieß auch im „echten“ Leben so. Und es war exakt die Art von Mensch, die man in „meiner Welt“ von Leuten mit Nicks aus der „echten Welt“ vermutet. Nett - aber nicht normal.

Er besaß ein Terrarium mit Stabheuschrecken. Und ein Aquarium. Er war ein großer Freund von „Google“-Klugscheißerei. Und er war aus sozialer Sicht verhaltensauffälliger als all die „M4sterbl4ster“s und „KrazyKilla“’s da draußen zusammen. Er wetterte zehn Jahre lang mit soviel Herzblut gegen Online-Spiele als ginge es dabei um sein Leben. Und verschwand gleich nach der ersten „World of Warcraft“-Session völlig unerwartet und ohne eine Spur zu hinterlassen für immer aus dem Forum und der allgemeinen Wahrnehmung.

Eine übertriebene Reaktion angesichts der Tatsache, sich in diesem Punkt einfach „geirrt“ zu haben? Oder nur ein typischer Fall, der zeigt wie wahllos virtuelle „Freundschaften“ getroffen und gebrochen werden? Doch was soll man auch schon von jemandem erwarten, der im Internet so heißt wie in echt? Denen kann man einfach nicht trauen! Vielleicht läuft irgendwo in Asgaroth jetzt ein Ork namens „Fritz Schobork“ herum, doch vermutlich heißt er selbst in „dieser Welt“ so wie in der echten.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen – aber mir machen solche Menschen noch einen Tick mehr Angst als Typen, die ihre sexuelle Orientierung in ihren Nicks rausschreien. Selbst wenn sie gar nicht "Bi" sind, sondern nur einen dummen Freund mit einem Faible für den Buchstaben „B“ haben.

-> Simon Krätschmer: Digitale Dickmacher

-> Simon Krätschmer: Die Schleife des Todes

 
 

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