Mentales Risiko – oder: Die Definition des gemeinen Nerds

Es ist soweit!!! Jeden Mittwoch erstrahlt hier an dieser Stelle die Kolume der beiden MTV Game One Moderatoren Daniel Budimann und Simon Krätschmer. Heute geht es um die "Definition des gemeinen Nerds" und wie es ist mit ihm die Wohnung zu teilen.

“I know secret ninja moves from the government!” (Napoleon Dynamite, 2006)

Der Begriff “Nerd” bezeichnet ein zuweilen seltsam anmutendes Exemplar der Gattung Mensch, das seit seiner Entstehung durch die Gesellschaft immer wieder neu definiert wurde. Die letzten fünfzig Jahre waren für ihn eine Reise, die nur den wenigsten Begriffen der heutigen Popkultur zuteil wird.

Ein “Nerd”, das war ganz am Anfang noch das typische Film-Vorbild des zottelig-trotteligen Dr. Doofmanns, aus dem echten Leben ausgeschlossen durch seinen Hang zu autistisch anmutenden Versuchsformationen und bedrohlich brodelnden Kellerlaboren.

Spätestens in den 80ern gesellte sich sein jugendliches Pendant dazu: Der ewige Uni-Student in den Hauptfächern “Mathematik”, “Physik” und “Chemie”. Besondere Kennzeichen: “Kneifblick”, “Kastenbrille” und “Kuli-Etui”, letzteres in der Hemdtasche hängend und dabei dem Hosengürtel ungewöhnlich nahe.

Das ist der “klassische” Nerd. Ein Hauch von “Genie” umweht ihn. ein Hauch von Wahnsinn ebenfalls. Dann kam die digitale Revolution – und mit ihr potenzierten sich die Subkulturen, die Spielarten des Nerds ins Unendliche.

Online lassen sich in jedem Forum, zu jedem Thema, auf allen Kontinenten und durch alle Gesellschaftsformen die subtilen Charakterzüge des Nerdtums ausmachen. Wer weiß wonach er zu suchen hat filtert Nerds aus der anonymen Masse wie Hollywood-Nerd Neo den Code aus der Matrix.

Wie “damals” ist der heutige Nerd aber vor allem immer noch eines: Ein Fachidiot. Allerdings ganz ohne den negativen Umkehrschluss: Einer der vom Rest des Lebens keine Ahnung hat.

Denn der Nerd ist im Mainstream angekommen, was der heutigen Definition nach, fast jeden in bestimmten Bereichen seines Lebens zu einem “Nerd” macht – vorausgesetzt er lebt sich in diesen Bereich mit Leidenschaft und Hingabe aus.

Wir halten also fest: DEN Nerd gibt es nicht mehr. Er ist versunken in Unterformen und Subkulturen und ist zu einem nicht mehr greifbaren Begriff geworden. Als Beweis für diese These habe ich eine kurze (gelogen) aber wahre Geschichte zu erzählen.

Eine kurze (gelogen) aber wahre Geschichte

Kennt irgendjemand hier noch den Rubiks Cube? Aber sicher. Diesen kleinen bunten Scheißwürfel aus den 80ern, den kein normaler Mensch lösen konnte – und nach einmaligem Ausprobieren auch gar nicht mehr lösen wollte? Exakt den!

Kein normaler Mensch ist Daniel Budiman, seines Zeichens Moderator der MTV-Sendung “game one” und jemand mit dem ich nicht nur schon lange Zeit zusammenarbeite sondern auch viel zu lange Zeit zusammenwohne. Jemand der “Nerd” auf seiner Brust eingebrannt zu haben scheint. Unter dem dicken Pulli, der verdächtig danach aussieht einmal in meinem Schrank gehängt zu haben.

Für Budi hat sich dieser Rubiks Cube über die Jahre hinweg zu seinem wichtigsten Werkzeug entwickelt. Es hat vielerlei Funktionen. Es vertreibt seine Langeweile und die meisten seiner Freunde. Und es treibt mich in den Wahnsinn. Die Art und Weise wie sich Budi mit diesem Würfel beschäftigt ist der sprichwörtliche Kern davon, was es bedeutet ein “Nerd” zu sein. Oder mit einem Nerd seine Wohnung zu teilen.

"Von Würfeln, Wundern und der Wurzel allen Wahnsinns"

Ein typischer Tag im Hause Budimon beginnt meist mit einem leisen aber stetigen Kratzen, Klackern und Schaben - vom Geräusch her ein bisschen so wie ein Skelett mit Plastikgebiss, das friert. Dieses KratzKlackSchab reißt mich regelmäßig aus den schönsten, weil sexuell nie in Echt nachstellbaren Träumen und trägt mich auf müden Beinen einen Raum weiter ins Wohnzimmer.

Dort sitzt bereits Budi. Mit einem sehr imposanten Morgenfurz buhle ich um seine Aufmerksamkeit. Er allerdings hat ausschließlich Augen für den Cube in seinen schnell um die eigene Achse rotierenden Händen. Das “Rubiks”-Logo verschwimmt zu einem flirrenden Faden, der digitale Zeitmesser klickt vor ihm liegend unbarmherzig vor sich hin.

Selbstverständlich heißt Budis Cube nicht einfach “Budis Cube”. Budis Cube hat einen Namen, wie alle seine Cubes. Dieser hier heißt “Mentales Risiko”. Und überhaupt besitzt Budi mehr als nur einen Cube mit mehr als nur einem Namen. In unserem Wohnzimmer liegen sage und – haha – schreibe sechs Rubik-Würfel herum. Drei “Normale”, zwei “Ausgeleierte” und ein komplett in Silber gehaltenes Monstrum, dass die ursprüngliche Idee farbliche Felder zusammenzuklackern ad absurdum führt. Und sie alle haben Namen.

In zwei großen Messetüten liegen zudem ganze Armeen frischer Cubes, die wohl auf Fachmessen zusammengeklaut wurden. Dies sind Cubes “2ter Klasse”, denn an sie wurden noch keine Namen vergeben. Bis der Tag kommt an dem sie endlich gebraucht werden gelten sie als Würfelwaisen.

"Ice Cube"

Um das Sakrament der Taufe zu empfangen müssen sie erst einmal die Aufnahmeprüfung bestehen – und die ist langwierig, schwierig und schmierig. Der Würfel wird dabei erst komplett in seine Einzelteile zerlegt und mit Silikonspray (im Übrigen die einzige Verbindung die zwischen dieser Form des Nerds und Silikon besteht) fröhlich eingewolkt.

Bestenfalls wird dies direkt im Wohnzimmer gemacht, ohne Vorsicht, Schutz oder irgendeine Art der Schadensbegrenzung - weshalb sich auf unserem Wohnzimmer-Holzfußboden regelmäßig alle paar Tage erschreckende Parallelen zur örtlichen Eisbahn feststellen lassen. Da auf den glattpolierten Dielen aber meistens nur ich ausrutsche und mir offene Brüche zuziehe ist dies eine vernachlässigbare Feststellung, die lediglich der Vollständigkeit halber hier erwähnt wird.

Abschließend wird der Würfel wieder zusammengesetzt und "rund"-geschraddelt. Und zwar bis an die Grenze bevor schon das bloße Berühren mit Blicken den Cube auseinanderplatzen lässt wie Melonen am Schießstand. Die Einzelteile liegen dann mit besonderer Vorliebe in den hintersten Ecken des Zimmers, genau dort wohin man scheinbar nur gelangt nachdem zuvor sämtliche Hindernisse aus dem Weg geräumt und anschließend in exakt dieser unordentlichen Stellung liegengelassen wurden.

"Ein Nerd für alle Fälle"

Ist ein Cube auf diese Weise rituell gereinigt worden, steht ihm nach der Namenstaufe eine glänzende Karriere in Budis Händen bevor. Das Ziel: Zeit. Knapp über 30 Sekunden brauchte Budi für einen "fertigen" Würfel als ich ihn vor fünf Jahren kennenlernte. Mittlerweile ist er nach täglichem Training bei unter 20 Sekunden angekommen. Endlich einmal ein Hobby dessen Un-Sinn sich in Zahlen messen lässt!

So weiß man stets auf den ersten Blick, wie viel wertvolle Zeit man gerade zwischen den Händen verbrannt hat. Zeit die man sicher für viel tollere Sachen nutzen könnte. Sex zum Beispiel. Oder zocken. Oder auch beides. Natürlich nicht gleichzeitig. Nein, das würde nicht gehen. Ich habe das mal probiert; man kommt da aber doch nur ständig durcheinander.

Ein Ende? Nicht abzusehen. Ein Umzug? Wahrscheinlich. Bis dahin hoffe ich auf Sehnenscheidenentzündungen und Arthritis-Attacken. Doch angesichts der Aufnahmen die besagter Budi von der letzten Cube-Meisterschaft mitgebracht hat (Platz 17 und 18 für die beiden Budiman-Brüder, googlen sie ruhig selbst nach!) würde wohl selbst das nicht viel helfen.

Die Nerds unter den Nerds lösen ihre Würfel nämlich noch cooler: Mit den Füßen.

*Daniel Budiman und Simon Krätschmer moderieren die Sendung GAME ONE auf MTV.*

 
 

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