Im Bootcamp für zockende Warmduscher: "Mega Man 9"

Der bald erscheinende Titel von Capcom ist sozusagen ein Bootcamp in digitaler Form, der Strahl eiskalten Gameplay-Wassers ins Gesicht verweichlichter Schönwetter-Zocker, die Retro-Reha für die verkümmerten Nextgen-Reflexe. „Mega Man 9“ tritt Dir in den Hintern…und es hat Dir zu gefallen!

Mal ganz ehrlich: Die Eltern von heute haben es doch wirklich leicht. Ist der eigene Sprössling mal wieder ungehorsam, egal ob er den Broccoli nicht aufessen will oder ein Altersheim angezündet hat, steht eine Barrage an TV-Seelsorgern bereit, um aus der verzogenen Göre einen Musterknaben zu machen. Wer kümmerte sich aber um den Nachwuchs, bevor die Super Nanny die Kindererziehung übernehmen konnte? Genau! Man schickte seine Kinder einfach für ein paar Wochen ins Bootcamp. Fernab jeglicher Mutterliebe und knallhartem militärischem Drill ausgesetzt, wurde so aus manch minderjährigem Delinquenten wieder ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Schuld an diesem Exkurs in die Welt der Pädagogik von gestern ist ein Videospiel, das den Zocker von heute quasi mit den gleichen Mitteln erziehen will: „Mega Man 9“. Der bald erscheinende Titel aus dem Hause Capcom ist sozusagen ein Bootcamp in digitaler Form, der Strahl eiskalten Gameplay-Wassers ins Gesicht verweichlichter Schönwetter-Zocker, die Retro-Reha für die verkümmerten NextGen-Reflexe. Um es kurz zu machen: „Mega Man 9“ tritt Dir in den Hintern … und es hat Dir zu gefallen, verdammt noch mal!

Doch wer ist dieser „Mann“ überhaupt? Und warum ist er so „Mega“? Seinen ersten Auftritt hatte der knuffige Roboter mit Blauhelm und Laserknarre vor über 20 Jahren auf Nintendos NES-Konsole. Erbaut vom weisen Dr. Light hatte er nur ein Ziel: Aus den vom fiesen Dr. Willy geschaffenen Androiden Blechsalat zu machen. Dies war einfacher gesagt als getan, denn vor der Konfrontation mit den Schergen des Bösen hatte Dr. Willy ausladende Level gesetzt, die gespickt waren mit schussfreudigen Gegnern, kniffligen Sprungpassagen und allerlei Todesfallen. Das Konzept ging auf, denn Millionen von Kindern verbrachten damals ihre Nachmittage vor der Konsole und lernten jede Ecke, jede Kante des Spieles auswendig.

Der Erfolg des ersten „Mega Man“ zog einen Rattenschwanz an Fortsetzungen und Spin-Offs nach sich, in mehr als zwei Dutzend Titeln spielte Mega Man seitdem die Hauptrolle. Allerdings litt die Serie mit den Jahren nach und nach immer mehr unter der Unentschlossenheit ihrer Macher, die sich viel zu lange auf den Gameplay-Wurzeln des Originals ausruhten. Innovationen, die die Konkurrenz vorlegte, wurden da gern mal verschlafen. Als die Verkaufszahlen dann langsam in den Keller gingen, jagte man halbherzig jedem Trend hinterher. Von Action-Adventures in 3D bis hin zu müden GameBoy-Rollenspielen versuchte man vieles, doch nur wenig zündete.

Wie kann man einer Serie, die nun langsam vor sich hinsiecht, wieder neues Leben einhauchen? „Back to the Roots!“ lautet in so einem Fall oft die Antwort, und genau das soll „Mega Man 9“ bewerkstelligen. Nichts Besonderes, mag man sich denken, schließlich sind Capcom nicht die Ersten, die sich dieser Taktik bedienen. Was „Mega Man 9“ aber von den so genannten ‚Reboots‘ anderer Serien unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der man dabei vorgegangen ist. Kompromisslos bis an die Grenzen des Zumutbaren… und weit darüber hinaus.

Unter „Mega Man“-Kennern gilt der zweite Teil als Höhepunkt der Serie. Nur ein knappes Jahr nach dem Original erschienen, vereinigt er alle Tugenden, die „Mega Man“ ausmachen: Perfekt gestaltete und abwechslungsreiche Level, taktisch kluge Bosse sowie ein stimmiges Technik-Kleid mit schmucker Grafik und zeitlos guter Musik. Diese allgegenwärtige „Mega Man 2“-Verehrung blieb auch Capcom nicht verborgen, wo man sich zur absoluten Radikalkur entschloss … alle Titel nach Teil 2 wurden kurzerhand für ungültig erklärt! Jeder Fortschritt, jede Innovation war auf einmal futsch. 20 Jahre Videospielgeschichte existierten plötzlich nicht mehr… und das alles nur, damit sie wieder von Neuem geschrieben werden kann. „Mega Man 9“ wirft uns nun wieder zurück ins Jahr 1988, in die Zeit von Jason Donovan, von Glasnost und Perestroika, von durchzockten Nachmittagen vor dem NES.

Das erste Mal „Mega Man 9“ zu spielen wirkt wie eine Zeitreise in vergangene Tage. Man ist Mega Man, knuffiger Blauhelm mit Laserknarre, der springen und ballern kann … mehr nicht. Zur Wahl stehen acht gegnerische Androiden (des Bösen), vor jedem ein ausladender Level gespickt mit schussfreudigen Gegnern, kniffligen Sprungpassagen und allerlei Todesfallen. Auf die Bequemlichkeiten der fernen Zukunft muss man freilich verzichten: Mega Man hat seine mühsam erlernten Rutsch-Attacken und Spezialtricks allesamt vergessen, jederzeit abspeichern klappt auch nicht, und ist man irgendwo im Level „dahingeschieden“, geht es wieder von vorne los. So ganz ohne Rücksetzpunkte. Doch dies ist nicht alles …

Besonders perfide an dieser „Retro“-Huldigung ist die Tatsache, dass das Spiel all diese Dinge vollkommen bewusst macht. Der Schwierigkeitsgrad ist kein Ergebnis von schlechtem Balancing oder unausgegorenem Leveldesign, er ist schlicht und einfach dazu da, weil er der Grund ist, der „Mega Man“ zu „Mega Man“ machte. Der die Spreu vom Weizen trennte. Der aus Jungen richtige Männer machte. Da wirkt es geradezu ironisch, dass man nun vom Mann wieder zum Jungen werden muss, damit man überhaupt eine Chance hat. „Mega Man 9“ ist nämlich nichts für den Zocker von heute, der sich allabendlich vor die Konsole setzt und eine halbe Stunde „Bioshock“ spielt. Der seiner Freundin bei „Zuma“ zuschaut und sich „Wii Fit“ am ersten Tag gekauft hat, es aber verpackt in der Ecke hat stehen lassen.

Hier kommt wieder die Analogie mit dem Bootcamp ins Spiel. In diesem Fall bin ich die verzogene Göre, die ständig am Maulen ist und ihrer erweiterten Zockerfamilie das Leben schwer macht. Ich wurde zwei Jahrzehnte lang durch fluffig leichte Gamingkost konditioniert und bin nun mit der Wampe der Bequemlichkeit gestraft … und den Reflexen eines toten Waschbärs. Damit ich in „Mega Man 9“ was reißen kann, muss ich mich dran erinnern, wie es damals war. Als ich knallhart trainiert habe, um jeden Abschnitt ohne Energieverlust zu schaffen. Als ich die richtige Reihenfolge der Gegner auslotete und die perfekte Taktik für alle Bosse ersann. Kurzum: ich brauche wieder all die Skills, die ich bis dato verkümmern ließ. Im besten Fall packt mich dann der Ehrgeiz und ich spiele „Mega Man 9“ durch, habe endlich wieder die motorischen Fähigkeiten eines Zehnjährigen und bin „resozialisiert“. Sprich: das Bootcamp hat mich zu einem besseren Zocker gemacht.

Die für mich persönlich interessanteste Tatsache an „Mega Man 9“ habe ich mir jedoch fürs Ende aufgespart. Denn nicht nur in Sachen Gameplay hat Capcom das Rad der Zeit zurückgedreht, auch die Technik ist wieder im Jahr 1988 gelandet. Die Illusion ist perfekt: „Mega Man 9“ sieht aus wie ein NES-Spiel und hört sich an wie ein NES-Spiel. Es wurde mit voller Absicht auf die technischen Möglichkeiten gepfiffen, um das Erlebnis „Retro“ so rund wie nur möglich zu machen, und dazu gehören extrem „dicke Eier“ … Respekt, Capcom.

Dass wir jetzt ein komplett neues Spiel im NES-Look sehen, knappe 15 Jahre nach dem Ende der Plattform und dazu noch in einer so etablierten Serie wie „Mega Man“, zeigt, dass die Videospiele endlich als … jetzt kommt wieder das ausgelutschte Schlagwort … Kunstform so weiterentwickelt haben, dass viel mehr Kreativität umsetzbar ist. Genauso wie heutzutage noch Stummfilme gemacht werden oder in Schwarz/Weiß gedreht wird, ist der 8-Bit-Look von „Mega Man 9“ eine Stil-Form, die Entwicklern nun zum Ausdruck ihrer Ideen offen steht. Natürlich steht dem kompletten „Ausbruch“ dieser Gaming-Revolution noch ein klitzekleiner Stolperstein gegenüber… „Mega Man 9“ muss erst mal auf den Markt kommen und, das ist das Wichtigste, ein Verkaufserfolg werden.

Ob die Formel aufgeht, wird sich nun kommenden September zeigen, wenn „Mega Man 9“ als herunterladbarer Titel für Nintendos Wii, die Xbox360 sowie die PlayStation 3 erscheint. Als Zocker der ersten Stunde fällt es mir schwer, da eine Prognose abzugeben, denn mein Geld hat Capcom schon sicher. Wie spricht das Retro-Abenteuer aber den Rest der „im Geiste jung Gebliebenen“ an? Was ist mit all denen, die die NES-Tage nur vom Hörensagen her kennen? Und was ist mit den Leuten, die das Konzept eines neuen Spiels im 8-Bit-Gewand toll finden, aber mit „Mega Man“ nichts anfangen können?

Fragen über Fragen, die wir mit absoluter Gewissheit erst in ein paar Monaten beantworten können, wenn solide Verkaufszahlen eintrudeln. Noch gespannter als ich wird aber die Konkurrenz Capcoms die Situation verfolgen. Wird „Mega Man 9“ zum Erfolg, reißt es die Tür für neue Titel im Retro-Stil sperrangelweit auf - sei es im NES-Look wie hier oder beispielsweise auch mal als neues C64-Spiel. Konami hat kürzlich verlauten lassen, dass man die Idee Capcoms interessant findet und sich so eine Fortsetzung der „Castlevania“-Reihe vorstellen könnte. Diese weist erstaunliche Parallelen zu „Mega Man“ auf: Beide Serien sind über 20 Jahre alt, begannen auf dem NES und haben Probleme, in der Spielewelt von heute den Anschluss zu finden. Sollte die Konsequenz aus „Mega Man 9“ nun ein neues 8-Bit-Castlevania sein…

…Sorry, bin gerade aufgestanden und habe vor lauter spontaner Vorfreude einen „beschwingten Nerdtanz“ um meinen Schreibtisch aufgeführt. Bevor ich mir jetzt aber noch mehr über ungelegte Eier den Kopf zerbreche, brauche ich erst mal etwas Training fürs Bootcamp. Nächste Haltestelle: „Mega Man 2“ auf der Virtual Console.

 
 

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