Ich bin Hater – und das ist auch gut so!

Niemand mag schlechte Verlierer. Aber noch schlechter als schlechte Verlierer sind Verlierer, die sich erst dann wohlfühlen, wenn man sie von Kopf bis Fuß hasst. Einem der weltweit schlimmsten Exemplare dieser allgemein als „Hater“ bekannten Gattung möchte ich mich heute widmen: mir.

Schon als Kind war ich berühmt für meinen unbändigen Hass. Berüchtigt für mein unnachahmliches Talent, selbst nach einem Sieg sämtliche Blicke auf mich zu ziehen – peinlich berührte Blicke voller Missgunst und stiller Verwunderung, wie es jemand wie ich schafft, überhaupt noch Leute zu finden, die mit ihm spielen. Das ist schnell erklärt: Ich war nun mal der einzige Typ, der den ganzen Mist bei sich zu Hause stehen hatte.

Meinen geizigen Freunden blieb gar nichts anderes übrig, als mich „in Kauf“ zu nehmen, wollten sie die neuesten Renn-, Prügel- und Schießspiele zocken. Zocken bei Simon war in etwa vergleichbar mit der Special Edition eines besonders tollen Spiels, die zwar weniger kostet als das Original, der dafür aber auch zwei Hodenklammern beigelegt sind, ohne die sich das Spiel leider nicht starten lässt. Mit verkniffenem Gesicht und leichten Schmerzen vor der Konsole zu sitzen und zu spüren, wie sich angesichts der ständigen Beleidigungen im Magen ein kleiner Ball aus Bösartigkeit formt – so fühlte sich das damals wohl an, in der Casa del Krätschmer „mit“ mir zocken zu müssen.

Don‘t hate the hater, hate the game

Erinnere ich mich zurück an die Zeit von „Street Fighter II“, „Road Rash“, „Tekken“, „Power Stone“ und all die anderen fiesen Freundschaftsselbstzerstörungsmechanismen, merke ich selbst heute, 15 Jahre später, immer noch, wie mir ein Streifen Schamesröte ins Gesicht steigt angesichts der unfassbaren Wutausbrüche, die damals auf jede verlorene Schlacht folgten. Und das Schlimmste daran: Beim Gewinnen war ich kaum ein Stück besser.

Kaum hatte ich gesiegt, wurde mein Kontrahent von mir mit furchtbar asozialer Arroganz übergossen. Das sorgte mehr als einmal dafür, dass ich innerhalb weniger Minuten wieder alleine vor der Konsole saß – obwohl besagte Freunde eigentlich gerade erst gekommen waren. Meine Fresse, war ich ein fieser Drecksack. Absolut unerträglich. Aber dafür IMMER mit dem Herzen dabei! Ehrgeiz at its best!

Auch heute noch (meine digitalen Dämonen habe ich mittlerweile etwas besser im Griff) finde ich nichts schlimmer, als gegen jemanden zu gewinnen, der danach nur ein müdes Lächeln oder – noch unerträglicher – ernst gemeintes Lob übrig hat. Wer in einem Spiel nicht gewinnen will, sollte erst gar nicht spielen und den Platz freimachen für Leute, denen der Sieg auch wirklich etwas bedeutet! Stellt Euch mal vor, es ist Krieg und keiner will gewinnen! Das geht doch nicht.

Ich persönlich freue mich auch heute noch ganz furchtbar, wenn ich merke, wie im Gehirn meines Gegners die Synapsen platzen, seine Wut nur noch schwer zu bändigen ist und er angesichts meiner hämischen Kommentare kaum geradeaus gucken kann, ohne dass ihm Tränen des Terrors die Sicht vor den Augen verschwimmen lassen. Deswegen spiele ich doch überhaupt erst gegen andere Menschen, verdammt! DAS ist der Kern eines jeden Multiplayer-Spiels. Deswegen zocken das die Leute so gerne. Und auch wenn die meisten ihr Gemüt möglicherweise etwas besser unter Kontrolle haben als ich, gibt es wohl nichts Befriedigenderes, als zu sehen, WIE SEHR man seinem Gegenüber gerade den Tag versaut hat. Seid ehrlich! Nur deshalb spielen wir alle so gerne gegeneinander! Nur deshalb gibt es Kriege!

Ein Hater kommt selten allein

Wobei man definitiv eine besonders feste, gut ausdefinierte Freundschaft braucht, um bestimmte Spiele ohne größere langfristige Beschädigungen zu überleben. Mein momentaner Freundeskreis besteht zum Beispiel zur Hälfte aus Leuten, die völlig ruhig mit einer verlorenen Runde umgehen können (obwohl ich ihnen ganz genau ansehen kann, wie sehr sie von innen heraus kochen), und zur Hälfte aus Leuten, die exakt DAS nicht können.

Diese Mischung ist aus zwei Gründen notwendig. Erstens: Weil man sonst immer der Einzige ist, der wegen einer Lappalie völlig übertrieben ausrastet. Und zweitens: Weil der Zusammenhalt einer solchen Gruppe einfach nicht funktioniert, wenn jeder Einzelne am liebsten dem Anderen das Genital ausreißen und ins Gesäß stecken möchte (um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben). So sehr ich sie auch nicht leiden kann, man braucht sie manchmal einfach, diese elenden Weicheier, die eine Niederlage maximal mit einem verzogenen Mundwinkel quittieren. Ohne sie bricht jede Gruppe nach nur einem Spiel auseinander. Oder früher.

So wie vor einem Jahr mit drei guten Freunden in Köln – nennen wir sie hier aus Gründen der Anonymität einfach „Eddy“, „Nils“ und „Budi“. Wir vier hatten die großartige Idee eines tollen Turniers über mehrere Spiele hinweg, quasi das „Iron Man“ des Multiplayers. Geplant waren ein Dutzend Kategorien, von „Pro Evolution Soccer“ über „Mario Kart Double Dash“ und „Monkey Ball“ bis hin zu „Halo“. Wir kamen bis zu Runde zwei. Und ich fuhr einen Tag früher als geplant zurück nach Hamburg, genauer gesagt: direkt nach Turnierabbruch. Die Tabellen-Tafel mit allen (bzw. den ersten beiden) Ergebnissen hängt heute noch als Mahnmal an der Wand. Wir haben nie wieder etwas Derartiges versucht. Die Gefahr einer Gewalttat im Affekt ist einfach zu groß. Wir wissen, wann es Zeit ist aufzuhören.

Ein halbes Jahr später gab es noch einen letzten, ziemlich traurigen Versuch eines Challenge-Revivals. Wir befanden uns damals auf einem Hausboot und tuckerten eine Woche lang auf engstem Raum durch Holland - nahezu völlig ohne Streit. Eine halbe Stunde „Risiko“ jedoch reichte, um sämtliche Leute für fast zwei Tage gegeneinander aufzubringen, ohne dass wir das Spiel auch nur annähernd fertiggespielt hätten. In weiser Voraussicht habe ich vorher sogar eine feste Kamera installiert und das komplette Match aufgezeichnet. Bis heute habe ich mich allerdings nicht getraut, die Aufnahmen anzuschauen – es wäre einfach zu entmutigend zu sehen, dass mich meine Erinnerung vielleicht getäuscht hat und ich gar nicht so unschuldig am vorzeitigen Beenden der „Risiko“-Runde war, wie ich es mir immer eingeredet hatte.

Doch vielleicht beweist es auch genau das Gegenteil und ich habe endlich eine Waffe gegen all jene in der Hand, die nur zu gerne jede mitten im Spiel abgebrochene Partie mir in die schuldgefüllten Schuhe schieben. Ich denke, ich werde noch ein wenig Zeit verstreichen lassen und mir das Band dann irgendwann einmal alleine anschauen. Ohne davon zu erzählen – für den Fall, dass ich tatsächlich an besagtem Streit schuld sein sollte. Was aber eigentlich ja völlig unmöglich ist, weil ich bekanntermaßen immer Recht habe.

Sollte ich mich als unschuldig herausstellen, werde ich das Teil selbstverständlich sofort auf youtube hochladen und an jeden flüchtigen Bekannten weiterleiten. Teufel, ich würde mit dem Laptop durch die Hamburger Fußgängerzone latschen und wildfremden Leuten die Aufnahmen zeigen - es wäre das erste Mal, dass ich unwiderlegbare Beweise jenseits von boshaften Unterstellungen meiner blöden Freunde besitze, die beweisen, dass ich heutzutage weitaus weniger hate als früher.

Nobody likes Haters!

Den oben stehenden Satz bekam ich vor wenigen Tagen via Xbox Live zugeschickt, nachdem ein deutscher Pseudo-Pro-C&C-Red-Alert-3-Spieler nicht damit klarkam, dass ich ihn nach zwei verlorenen Runden mit bösartigen Mails bombardierte, nicht wissend, dass er erstens Deutscher ist und mich zweitens anhand meines Nicks längst als „dieser Typ von gameone“ erkannt hatte. Bei so etwas hört das Haten letztendlich auf. Jemanden zu haten, der daraus dann falsche Schlüsse auf den eigenen Charakter zieht, macht bei weitem nicht so viel Spaß, wie gute Freunde zu haten, bei denen man weiß, dass sie einen auch danach noch angucken – schon alleine deshalb, weil man mit ihnen in derselben Firma arbeitet.

Dabei war mein anfänglicher Kommentar meiner Ansicht nach sogar noch ziemlich gemäßigt: „Nobody likes rushers. Get a pc and go pro, 360 is for fun, kid“. Dazu muss man sagen, dass Rushen in „Red Alert 3“ wirklich zum Dümmsten gehört, was man da machen kann. Oft wartet man mehrere Minuten darauf, dass ein Spiel endlich stattfindet. Dann spielt man 30 Sekunden, sieht die Mini-Armee des Rusher-Gegners auf einen zulaufen und beendet das Spiel – und das nicht etwa aus Boshaftigkeit (ich persönlich finde es sogar befriedigend, wenn mein Kontrahent mitten im Spiel aussteigt), sondern einfach, weil es unnötig lange dauern würde, dabei zuzuschauen, wie die zwei bis drei Fuzzel-Einheiten meine Basis Stück für Stück zerlegen, ohne dass ich etwas daran ändern kann. Aus welchem Grund soll ich mir diesen Mist dann noch weiter anschauen? Ich mag ja vielleicht kein Leben haben, ein Gehirn hab ich trotzdem noch!

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Rushen mag ja in der eSport-Szene ein legitimes (und wohl auch wichtiges) Mittel sein, um schnellstmöglich eine Entscheidung zu erzielen. Im „Casual Multiplayer-Modus“ der Konsolen-Fassung (Controller statt Maus!!! Wahnsinnig ungenaue Einheiten-Platzierung!!! Viel zu komplexe Extra-Einheiten-Features, die niemals alle auf einmal auf das Pad passen!!! Normale Spieler mit so genanntem Real-Life!!) ist das einfach nur unglaublich traurig und bescheuert. Wäre mein Leib eine Kanone, ich hätte mein Herz auf diesen elenden Penner geschossen! Und das Hirn gleich hinterher.

Kann es wirklich sein, dass manche Leute ein derart armseliges Leben führen, dass es ihnen ernsthaft Freude bereitet, fünf Minuten zu warten, dann zwei Einheiten nach festgegebenen (und im Netz leicht nachzulesenden) Routine-Mustern zu produzieren und dem Gegner noch vor dem eigentlichen Spielstart alles kaputtzuhauen? Wo liegt darin bitte der Spaß? Wo liegt darin bitte die Taktik? Wo liegt darin bitte die Befriedigung des Sieges oder der bittere Geschmack der Niederlage? Das ist wie Onanieren vorm Spiegel. Genauso pervers wie peinlich. Jetzt mal im Ernst.

Würde ich meinen Sohn dabei erwischen, wie er in der Konsolenversion von „Red Alert 3“ einen Server aufmacht, die kleinste Map auswählt, sich exakt den Geldbetrag aufs Konto packt, den er für einen schnellen Rush braucht, und dem Feind anschließend noch ein „Pussy!“ hinterher schreibt, falls dieser angesichts dieser aussichtslosen Lage frühzeitig das Spiel beendet .... würde ich ihn nicht nur amtlich verprügeln, sondern auch so schnell wie möglich enterben und zur Adoption freigeben. Für derartige Versager ist kein Platz in meiner Familie der Gewinner!

Auch du, mein Sohn Budi?

Mit Freunden zu spielen macht „C&C: Red Alert 3“ nicht besser, im Gegenteil. Hier sorgt bereits die allgemeine Anzahl aller Spieler für Argwohn. Nehmen wir als Beispiel ruhig noch einmal meine fiktiven Freunde „Eddy“, „Nils“ und „Budi“. Jeder von uns hat seine eigene „Red Alert 3“-Version, Budi hat bislang trotzdem noch kein einziges Mal mit uns gespielt. Generell wäre mir das ja völlig egal, der regt sich für meinen Geschmack ohnehin immer viel zu wenig auf. Doch durch seine Abwesenheit entsteht plötzlich ein völlig anderes Problem, ein Machtvakuum: Wir müssen zu dritt spielen.

Wer ein Strategiespiel zu dritt spielt, der weiß: Einer ist immer der Arsch. Einer kriegt immer von beiden aufs Maul, einer ist immer der Typ, der genau dann von rechts angegriffen wird, wenn er links gerade die Festung des Feindes zerhaut. Drei ist keine gute Zahl für einen anständigen Krieg. Ich schwöre, es ist die reine Wahrheit, dass wir es noch nie geschafft haben, mehr als zwei Spiele hintereinander in dieser Dreierkonstellation zu spielen. Irgendjemand aus unserem Quartett der drei Beiden beißt letztendlich als Erster ins Gras, oft begleitet von einem wütenden Wortwechsel, dessen Inhalt an der sexuellen Orientierung beider verbliebener Spieler zweifeln lässt und in manchen Ländern durch lebenslange Haft beantwortet würde. Denn: Es kann zwar nur einer gewinnen, doch es kann auch immer nur einer als Erster verlieren.

Was zum Beispiel „Eddy“ regelmäßig dazu verleitet, einen Nichtangriffspakt für die Aufbauphase von zehn Minuten zu verkünden, nur um fünf Minuten vor Ablauf mit sämtlichen Einheiten durch meine Basis zu trampeln. Was von mir selbstverständlich nicht einmal mit dem Versuch einer Verteidigung quittiert wird, stattdessen verabschiede ich mich mit meiner aktuellen Lieblingsauswahl europaweit anerkannter Schimpfwörter und ziehe den Stecker der Xbox, noch während der erste Schuss fällt.

Anschließend fällt mir ein, dass dies ja wahnsinnig dämlich ist, denn ICH bin ja hier schließlich das Opfer! Also mache ich die 360 wieder an, merke, dass in diesem Moment auch meine beiden Ex-Freunde via Pop-Up darüber informiert werden, ziehe unverzüglich das Internet-Kabel aus der Konsole und spiele eine Multiplayer-Map gegen die KI. Hier rushe ich mir innerhalb weniger Minuten die Seele aus dem Leib und überrenne den verdutzten virtuellen Gegner mit allem, was die unfairen Taktiken peinlicher Pseudo-Pros aus dem Internet hergeben. Danach fühle ich mich ein kleines bisschen besser, lege mich ins Bett, merke, dass ein Sieg gegen die KI nicht den geringsten Wert besitzt, mache das Licht aus und weine leise im Dunkeln.

Völlig klar, wer dafür zur Verantwortung zu ziehen ist: Budi.

Mehr zum Thema:

*Daniel Budiman und Simon Krätschmer moderieren die Sendung GAME ONE auf MTV.*

 
 

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