Der Deutsche Computerspielpreis: Eine Farce

Berlin. Die Branche ist glücklich, sie darf sich Kulturgut nennen. Doch mit den Rechten eines solchen Titels ist es nicht weit her. Und auch der Deutsche Computerspielpreis zerstört den aufkommenden Respekt aufs Neue.

Der Deutsche Computerspielpreis soll eine Auszeichnung sein. Ein Beweis dafür, dass deutsche Entwickler und die Games-Branche als Kulturgüter ernst genommen werden. Während der ersten Verleihung 2009 in München war dieses Vorhaben noch verbesserungswürdig. Laudator Horst Seehofer, der die Öffentlichkeit häufig über seine Abneigung gegenüber gewalthaltigen Spielen informiert, sollte das beste internationale Spiel küren, kam jedoch nicht zur Veranstaltung. Enttäuschend war im letzten Jahr zudem die Kategorie „Beste Innovation“. Diese wurde wenige Stunden vor Veranstaltungsbeginn aus dem Programm gestrichen - offiziell aufgrund zu weniger guter Einsendungen. Als Ursache wurde die zu kurze Abgabezeit für die Verleihung (etwa sechs Wochen) diagnostiziert. Eine komische Aktion, wenn man bedenkt, dass bereits "Die Siedler – Aufbruch der Kulturen" und "Die Heinies, Liili & Killa" als vorgeschlagene Spiele angekündigt wurden. Die Jury hätte zu dieser Entscheidung stehen müssen.

Und so endete 2009 eine Preisverleihung im Namen der Regierung, die sich erst noch den gewünschten Respekt erarbeiten muss.

Der Anfang war vielversprechend

In diesem Jahr hätte sich der Deutsche Computerspielpreis durchaus etablieren können. Die Ansätze waren mehr als gut. So hielten beispielsweise die MTV-Game-One-Moderatoren (und Kolumnenschreiber bei DerWesten.de) Daniel „Budi“ Budiman und Simon Krätschmer eine Laudatio für das beste internationale Spiel.

Dass es gerade mit dieser Kategorie auch die meisten Probleme geben würde, hätte man sich vielleicht denken können, aber die Nominierten waren überraschend und zugleich absolut berechtigt. Während man im vergangenen Jahr noch einen Bogen um Spiele mit kritischen Themen machte, waren in diesem Jahr mit „Dragon Age: Origins“ und „Uncharted 2: Among Thieves“ neben „Professor Layton und die Schatulle der Pandora“ gleich zwei Spiele mit härteren Spielelementen als bestes internationales Spiel nominiert. Es hätte endlich die Bestätigung für die gern angesprochene Akzeptanz der Branche sein können.

Das Ergebnis war eine Farce. Wo man bei der Auswahl der Nominierten in Form von „The Whispered World“, „The Book of Unwritten Tales“, dem besagten „Uncharted 2“, „Dragon Age“ und dem DS-Spiel „Professor Layton und die Schatulle der Pandora“ Kompetenz und eine ernsthafte Auseinandersetzung vermuten konnte, war am Ende nur noch Ernüchterung.

Der unbefleckte Preis

Bereits im Vorfeld behauptete WeltOnline, dass in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ kein Preis vergeben werden sollte. Hinter verschlossenen Türen soll es einige Diskussionen mit den Publishern darüber gegeben haben. Das Endresultat: Der Preis wird vergeben, aber eine Nachnominierung stand an. Welches Spiel in welcher Kategorie nachnominiert wurde, bekam man erst auf der Verleihung präsentiert. Wie im Vorfeld vermutet, wurde in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ tatsächlich ein Titel nachnominiert: "Anno 1404". Dass es sich dabei auch gleich um den Sieger handelte, war dann sogar dem Dümmsten im Raum klar.

Jetzt kann man vielleicht sagen: Die Industrie soll doch für diesen Preis dankbar sein. Immerhin kämpfen die Firmen hier in Deutschland um die internationale Akzeptanz und das Überleben. Seid doch froh, dass die Politik die Gamer endlich wahrnimmt. Sollte es so laufen? Muss die Branche dafür dankbar sein?

Spiele, die nach Belieben und Missfallen nominiert und als Sieger auserkoren werden, egal ob es nun das beste Spiel ist oder nicht, nur weil man so das saubere Gesicht behält?

Stefan Reichart erklärte auf der Veranstaltung noch: „Auch Spiele ab 18 können kulturell wertvoll sein.“ Der CDU Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek stimmte dem zu. „Wenn man GTA IV anschaut, ist das sicher der Fall. Allerdings ist das mit dem pädagogischen Nutzen noch eine andere Sache...“ In diesem Fall sollte man den Preis jedoch lieber in Deutschen Jugendcomputerspielepreis umbenennen. Denn Spiele ab 18 haben nun einmal meistens Inhalte die ernst, unpolitisch oder manchmal sogar ekelig sind. Deshalb sind sie ja meistens auch ab 18 Jahren erst freigegeben.

Für Entwickler wie Daedalic Entertainment, die mit "The Whispered World" den Preis des besten Jugendspiels mit nach Hause nehmen konnten, war es ein gelungener Abend und ein verdienter Sieg. Hier muss man aber vielleicht auch fragen, ob es nicht eher Glück für Deadalic war, dass es in The Whispered World kein Blut oder Dergleichen zu sehen gibt. "The Whispered World" hätte vielleicht sogar in der Kategorie des Besten Deutschen Spiels bestehen können.

Kulturgut – für wen?

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte noch vor dem Preis: „Computerspiele sind Kulturgut. Diese Aussage wird heute im Kulturbereich von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Kulturgüter sind immer ambivalent. Kulturgüter können pädagogisch wertvoll sein, müssen es aber nicht. Kulturgüter können künstlerisch bedeutend sein, müssen es aber nicht. Der Deutsche Computerspielepreis ist eine Chance, die Qualität und die Akzeptanz des Kulturgutes Computerspiele zu verbessern. Dieser großen Chance sollten sich die Ausrichter des Preises, Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der Bundesverband der Entwickler von Computerspielen e.V. (G.A.M.E.), der Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. (BVDW) und der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. (BIU), bewusst sein.“

Die Ausrichter dieses Preises sind sich vielleicht darüber bewusst, aber es scheint ihnen egal zu sein. Wenn das Medium nur auf diese Art und Weise seinen Kulturstatus behalten kann, sollte man sich das vielleicht noch einmal überlegen. Heißt das dann auch gleichzeitig, dass die Hersteller kein Interesse an kulturell wertvollen Produkten haben? Im Gegenteil, man würde so seine Daseinsberechtigung zumindest nicht unter den Scheffel stellen. Wenn der Preis für eine aufrechte Haltung gegenüber des Produktes eben kein Preis ist, dann ist es eben so. Der Deutsche Computerspielpreis trägt in dieser Form jedenfalls nichts zur Akzeptanz des Mediums bei.

Weitere Themen:

 
 

EURE FAVORITEN