Zu Besuch bei majestätischen Riesenschildkröten in Südafrika

Riesenschildkröte am Strand.
Riesenschildkröte am Strand.
Foto: istock
In Südafrika kann man am Strand seltene Riesenschildkröten in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten. Ein Erfahrungsbericht.

Essen.. Die Luft ist feucht, die Schwüle fast unerträglich. Hinten am Horizont, wo blaues Meer auf blauen Himmel trifft, ziehen die ersten Wolken auf. Es sind die Vorboten einer spektakulären Nacht in KwaZulu-Natal. Genauer: In Maputaland, im südafrikanischen Grenzgebiet zu Mosambik. Wir wollen Riesenschildkröten suchen – und wir werden sie finden.

Angekommen sind wir einen Tag zuvor, und wir glauben mit dem Rocktail Beach Camp im Küstenwald am Indischen Ozean das Paradies entdeckt zu haben. Der Blick geht raus über grüne Wipfel, raus aufs blaue Meer. Ein kurzer Ausflug nur und man genießt die friedliche Stille am Lake Sibaya. Hier muss es gewesen sein, das Zuhause von Adam und Eva – bis ihnen gekündigt wurde.

Es kreucht und fleuchtin schwülwarmer Nacht

Es gibt so einige Lektionen, die man erteilt bekommt. Erstens: Man ist raus. Erreichbar ist das Camp nur mit dem Geländewagen, hier gibt es auch kein Netz. Genauer: Kein Mobilfunknetz, kein Internet(z). Stattdessen: Spinnennetze. Insekten zirpen. Skorpione gebe es auch, wie wir auf einer Waldwanderung mit Zulu Gugu erfahren. Und Schlangen. Natürlich gibt es Schlangen bei Adam und Eva, sie waren der Kündigungsgrund damals. Die Geschichte ist bekannt. Wir sollten uns keine Sorgen machen, sagt Gugu. Ihm sei seit 30 Jahren nichts passiert. Er erzählt noch irgendwas von seiner Großmutter. Es ist wohl ganz gut, ihn in diesem Moment nicht ganz genau verstanden zu haben.

Einen Abend später scheinen der Küstenwald und seine Bewohner außer Rand und Band. Es kreucht und fleucht in schwülwarmer Luft, überall. Ja, es kündigt sich eine spektakuläre Nacht an. Die Wand aus Wolken verwandelt das Dunkel der späten Stunde in eine tiefe Schwärze, die selbst die grellen Blitze darüber kaum durchdringen können. Ein mystisches Wetterleuchten, doch die Donnerschläge fehlen.

M.B. stellt sich vor. Eigentlich heißt „M.B.“ Mbongeni – recht hat er mit seiner Vermutung, dass die Abkürzung für europäische Zungen angenehmer zu artikulieren ist. M.B. also wird unser Guide für die Nachttour werden. Wir wollen Riesenschildkröten sehen, Mbongeni macht uns mit den faszinierenden Geschöpfen vertraut.

In Maputaland waren sie vom Aussterben bedroht: Auch weil die Zulus Jagd auf sie gemacht haben, „weil es Tradition war oder aus medizinischen Gründen“. Oder den Schildkröten ist draußen auf dem Meer etwas zugestoßen. Ein Programm zu ihrem Schutz hat seine Wirkung nicht verfehlt: Der Bestand an den Stränden Südafrikas und Mosambiks hat sich deutlich erholt. Es habe gedauert, berichtet M.B. Weil es nicht leicht sei, die Menschen von etwas zu überzeugen, was im Gegensatz zu ihrer Kultur steht. Heute profitieren die Zulus von den lebenden Schildkröten – dem Tourismus sei Dank. Man kann sogar eine Patenschaft übernehmen. Mbongeni hat „Ntombi“ adoptiert, wie er „seine“ Riesenschildkröte genannt hat. „Lady“.

Das Grün schlägt zu

Seine Ehefrau sei nicht so begeistert gewesen ob der innigen Namensgebung, lacht M.B.

Es geht los. Knapp 20 Minuten dauert die Fahrt hinunter zum Indischen Ozean: Zwei Fahrspuren weisen den Weg, der Küstenwald hat mit der Zeit einen natürlichen Tunnel gebildet. Doch das Grün schlägt trotzdem unbarmherzig zu, wenn man im offenen Jeep nicht aufpasst. Und die Herausforderung ist groß: Es ist kurz nach Mitternacht, zu sehen gibt es nur, was das Licht der Scheinwerferkegel preisgibt. Am Strand angekommen, rauscht der Ozean in immer neuen Schüben heran. Auf der anderen Seite geht es den Strand hoch Richtung Dünen. Und vorne im Licht: Heerscharen von weißen Krabben. Noch am Tage, beim Schnorcheln, war keine einzige zu sehen. Nun bietet sich einem ein Bild, das aus der Urzeit entsprungen zu sein scheint. M.B. kann freilich keine Rücksicht nehmen. Er gibt Gas.

Wir fahren den Strand ab – und stoßen tatsächlich schon nach wenigen Minuten auf eine breite, tiefe Spur, die aus dem Meer kommt und zu den Dünen führt. Kein Licht, mahnt M.B., Fotos nur auf seine Erlaubnis, kein Blitzlicht in das Gesicht der Schildkröte. Und da ist sie. Eine Lederschildkröte, mit die größte aller Schildkröten-Arten. Sie hat nicht viel gemein mit den possierlichen Tierchen, die man gemeinhin so schnuckelig findet: zwei Meter lang, weit über eine halbe Tonne schwer. Nicht süß – aber anmutend. Würdevoll. Eine sanfte Gigantin.

Sie schuftet hart. Gräbt mit ihren Hinterbeinen ein Loch, um dort ihre Eier abzulegen. Sie arbeitet wie ein Uhrwerk, unbeeindruckt vom Spektakel am Himmel, an dem sich Hell und Dunkel abwechseln. Unbeeindruckt vom brodelnden Rauschen des Ozeans – und der Gruppe Zweibeiner, die ihr zuschauen. Sie ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Eine Stunde stehen wir am Strand, gefangen genommen vom Schauspiel um uns herum.

„Direkt nach dem Schlüpfen steht den kleinen Schildkröten bereits die größte Prüfung ihres Lebens bevor“, erzählt M.B. Für fast alle der vielleicht 100 „Babys“ wird es auch die letzte sein, weil sie nicht überleben. Auf ihrem Weg über den Strand zum Meer Opfer der Krabben werden, und der Vögel. Und die, die es schaffen? Nach vielleicht 20 Jahren kehren die Weibchen zum ersten Mal zurück. An den Strand ihrer „Geburt“, um selbst ein Loch zu graben und Eier zu legen. Es ist wohl eines der größten Wunder der Natur. Dann schwimmen sie davon, alle paar Jahre schauen sie wieder vorbei.

An Schlaf ist nicht zu denken

Noch immer sind unsere Blicke gebannt. Die Schildkröte hat ein tiefes Loch gegraben, doch etwas stimmt nicht: Eier hat sie keine gelegt. Ist es deswegen eine Geschichte vom Scheitern? Bestimmt nicht. Wir durften sie erleben. Auch M.B. kannte sie noch nicht, wieder eine Riesenschildkröte mehr. Sie werde es in der nächsten Nacht wieder versuchen, sagt M.B. Wie so viele andere Schildkröten auch.

Wir sagen „tschüss“. Die sanfte Riesin schnauft zurück ins Meer, wir schwingen uns in den Jeep. Zurück nach Hause. Es ist still, das Rauschen des Ozeans fehlt. Aber nicht nur: Das Wetter hat sich beruhigt und mit dem Wetter der Wald. An Schlaf ist nicht zu denken, der Morgen graut bald. Dann wird die Sonne aufgehen, der Blick wird rausgehen über die grünen Wipfel, raus auf das Blau des Ozeans, das sich weit entfernt mit dem Blau des Himmels vereint. Warum mussten Adam und Eva nur in diesen Apfel beißen?

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