Wo die Zeit noch still steht

Foto: IKZ

Die Insel Giglio ist das Juwel der toskanischen Inselgruppe vor der Westküste Italiens

Mario ist traurig. Wegen Zorro. Denn Zorro war sein Ein und Alles. Und nun ist er tot, seit drei Tagen: „So ist der Gang der Welt”, sagt der alte Mann, als wisse er, wovon er spricht. Gerade hat er seine Lebenserinnerungen verfasst und das Buch im Selbstverlag herausgegeben, das jetzt vor ihm auf dem kleinen runden Tisch beim Caffé Ferraro liegt, wo er tagein, tagaus sitzt, seine Prosa feilbietet und auf den Abend wartet.

Es sind Geschichten von Giglio, jener kleinen Insel des toskanischen Archipels südwestlich von Elba, die Mario Bancalà Abà in den 81 Jahren seines bisherigen Lebens nicht verlassen hat. Warum auch? Die Insel, so klein sie auch sein mag und so fern der Welt, bietet alles, was der Mensch braucht, wenn er denn das Wesentliche sucht: den Wind und die Wellen, den Geruch von Thymian und Lavendel, die Warmherzigkeit der Menschen. Und für diejenigen, die kommen, um ihre Ferien hier zu verbringen, bietet sie auch noch ein bisschen mehr.

Giglio liegt 15 Kilometer vom italienischen Festland entfernt und ist für den Neuankömmling schnell verstanden: Giglio Porto, der Hafen, dort, wo die Fährschiffe anlegen. Giglio Castello auf vierhundert Metern Höhe oben in den Bergen gelegen, fast immer des Morgens unsichtbar hinter den tief hängenden Wolken versteckt, bis es später am Tag auftaucht und dann über allem thront. Im Nordwesten Giglio Campese, der jüngste Inselort, der einen Sandstrand bietet, gute Tauchmöglichkeiten, ein paar Esslokale.

Eine Straße verbindet die drei Orte, zwei Dutzend Wanderwege spannen zudem ein dichtes Netz über die Insel und führen zum alten Leuchtturm, hinauf zum Poggio della Pagana oder durch die urwüchsige Macchia oder in die eine oder andere Bucht, die zumindest außerhalb der Hauptsaison im Juli und August Abgeschiedenheit versprechen. Wie die Cala dell`Arenella, wo kaum mehr passiert, als dass ein paar Mal in der Woche in der Ferne das Fährschiff auf dem Weg nach Sardinien vorbeizieht.

Wer es etwas trubeliger mag, ist in Giglio Porto noch am besten aufgehoben: Hier ist immerhin zweimal wöchentlich Markt, es gibt ein paar Cafés an der Hafenmole, hier spuckt die Fähre ein paar Mal am Tag ihre Fahrgäste aus und bringt Lastwagen mit frischen Waren von Porto Santo Stefano heran. Dann kommt Bewegung in den kleinen Ort. Das Touristenbüro und der eine oder andere Souvenirladen haben geöffnet, ebenso die Taverna da Ruggero und auch die Bar Monti, die bereits hier waren, als vor fünfzig Jahren die ersten Touristen einen Fuß auf die Insel setzten.

Die Ape-Dreiräder, die inzwischen weitgehend die Mulis ersetzt haben, rumpeln die steile Straße hinauf, Jäger in Tarnkleidung brechen zum Beutezug auf, Frauen erledigen ihre Einkäufe im „Alimentari Centrale”, Kinder angeln im Hafenbecken. Und die Handwerker stellen ihr Improvisationstalent zur Schau: Sprungfederrahmen ausrangierter Betten mutieren zur Gartenpforte, handtuchgroße Grundstücke an steilen Hängen zu Weinanbaugebieten. Alles kommt und geht gemächlich, als gäbe es hier keine Zeit.

Drüben in Campese geben sich Geschichte und Zeitgeist die Hand: Hier der Blick auf die Felsenklippe des „Faraglione”, auf die letzten Überreste der alten Mine und auf den Sarazenenturm des „Torre del Campese”. Dort das Ristorante Da Tony, wo die vorzügliche italienische Inselküche die Gäste wie ein Magnet anzieht, vor allem, wenn die Fußball-Übertragungen der Champions League-Spiele unter Mitwirkung des AS Rom laufen. Hier das „Wunder des Heiligen Massimiliano”, der – so die Legende – der Inselbevölkerung 1799 gegen zweitausend schwer bewaffnete Tunesier zur Seite stand, indem er einen starken Sturm entfachte. Ein Ereignis, dem alljährlich am 18. November mit einer prunkvollen Prozession gedacht wird. Dort zwei, drei Tauchschulen, eine hippe Strandbar für den Sundowner mit dem ultimativen Blick auf die untergehende Sonne und am Südende der Bucht jenseits des Bolzplatzes die beiden einzigen Bausünden der ganzen Insel.

Derweil sitzt Mario noch immer an seinem Platz vor dem „Ferraro”, löst Kreuzworträtsel, kennt jeden und spielt ein paar Runden Karten, wenn sich die anderen alten Männer der Insel zu ihm gesellen. Dann stülpt er seine lila Wollmütze über, nimmt seine beiden Gehhilfen und macht sich auf den Weg nach Hause. Und erzählt zum Abschied und mit Tränen in den Augen noch ein paar Anekdoten von Zorro, dem geliebten Mufflon – und von seiner Frau, die jetzt „irgendwo in Deutschland” ist. Und es klingt aus Marios Mund, als sei Letzteres, wenn nur Zorro noch lebte, ganz gut zu verkraften.

 
 

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