Wir haben es ja so gewollt

Foto: MSG

Winter auf der Insel Langeoog, wo Urlauber schlagartig von der Ruhe überfallen werden

Das musste ja so kommen. Gleich da, wo die wenig befahrene A 31 bei Emden in noch einsamere Landstraßen mündet, hat es angefangen zu nieseln. Im leichten Regenschleier haben wir unser Gepäck die paar Meter vom Parkplatz zur Fähre geschleppt. Nun sitzen wir auf der Langeoog III. Das 46 Meter lange Schiff tuckert unserem Nordsee-Wochenende entgegen. Die Kabinenwände sind mit kakaobraunem Furnier verkleidet. 1979, als das Boot gebaut worden ist, war das ein Trend. Ein Mittfünfziger holt sich an der Bordbar ein Brühwürstchen, das auf der Pappschale mit Senf im Tütchen serviert wird. Draußen sind im Dunst die Umrisse des Eilands zu erkennen. Nordsee im Winter, wir hatten es nicht anders gewollt. Immerhin friert es nicht.

Nach 45 Minuten Überfahrt steigen wir am Hafen in die kleine Inselbahn. Die Wolkendecke ist gnädig und lässt ab und zu etwas Sonnenlicht auf die Wattwiesen scheinen. Aber es nieselt noch. Die Bahn ruckelt los, vorbei an Feldern und Weiden zum Inselort. Zwei Spaziergänger sind unterwegs, mehr Menschen sind außerhalb der Bimmelbahn gerade nicht in Sicht. Da ist sie plötzlich, die Ruhe. Sie überfällt einen fast schlagartig nach nur ein paar Minuten auf Langeoog. Es ist ein Gefühl irgendwo zwischen Ungläubigkeit und Verwunderung, den schnellen Wechsel der Atmosphäre an sich selbst zu erleben, obwohl sich doch auf den knapp zehn Kilometern zwischen Festland und Inselbahnhof nicht viel verändert haben kann. Mit einem leichten Ruck kommt die Bahn zum Stehen. Es dauert nicht lang, da hat sich der kleine Schwarm der Mitreisenden irgendwo in den Sträßchen des Inselortes aufgelöst.

Der Weg zum Hotel führt in die Barkhausenstraße, die Promenade der Insel. Zwei italienische Eisdielen stehen Spalier, außerdem Fahrradverleih, einige Cafés und Friesenstuben, Souvenirshops mit Seemannsgedöns. Die Boutique „Urlaubsmoden Buddelei” hat Windjacken ins Fenster gehängt und Finkenwerder Fischerhemden, die blauen mit den weißen Streifen. Fast alle Läden sind in roten Backsteinbauten untergebracht.

Die schon im Zug gefühlte Ruhe breitet sich aus. Freilich, es ist Mittagszeit, da ruht die Insel mehr noch als sonst. Den Insulanern ist ihre kleine Siesta heilig. Es fahren weder Autos noch Motorräder, sie sind auf Langeoog verboten. Eine Entenfamilie watschelt stattdessen über die Straße. Die Absenz jeglichen Verkehrslärms macht Platz im Ohr für andere Dinge. Den Wind. Ein Fahrradklingeln. Das Schreien der Möwen. Und ein Tosen, verheißungsvoll, zunächst ganz leise nur, dann immer stärker. Wir klettern auf die Sandfestung, dann liegt sie vor uns, die offene See. Mit dem immer gleichen Krachen brechen 60 Zentimeter hohe Wellen in sich zusammen, Gischt steigt auf und zerläuft am Strand wie zu schnell schmelzender Schnee, es riecht nach Salz und Weite. Durchatmen. Deshalb sind wir hergekommen. Raus aus dem Hamsterrad des Alltags, raus aus dem üblichen Rhythmus.

Die Kurverwaltung nennt den Winter „die andere Jahreszeit”. Während im Sommer gut und gern 8000 Gäste über die 20 Quadratkilometer herfallen und die Bollerwagen-Geschwader der Familien auf der Barkhausenstraße eine kleine Rush Hour anzetteln, ist nun die Zeit der unerschrockenen Nordseefans. Unentschlossenen helfen die einheimischen Hoteliers mit Sonderangeboten oder Wellness-Programmen gern etwas nach.

Das Nieseln hat aufgehört. Wir haben zwei Räder gemietet und starten unsere Entdeckungstour, radeln die Strecke vom Inselbahnhof zum Hafen zurück. Es geht vorbei an der kleinen Zollstation und der Segelschule, die sogar geöffnet hat und Schnupperkurse für 23 Euro anbietet. Wir strampeln über den Deich. Zur Linken liegt das Dorf, zur Rechten das Wattenmeer. Austernfischer und einige der seltenen Rotschenkel picken mit ihren langen Schnäbeln im Flachwasser nach Würmern und anderem Getier.

Ohne Sonne wirkt Langeoog etwas monoton. Doch kaum scheint sie ein wenig, akzentuieren sich die Nuancen. Das matte Grün der Wiesen leuchtet plötzlich, als würde Tau darauf perlen, das senfgelbe Gras beginnt zu strahlen. In der spröden winterlichen Natur erblüht eine kaum erwartete Vielfalt. Der Radweg führt in den unbewohnten Osten der Insel, wo jährlich geschätzt 3000 Silbermöwen in einer der größten Seevogelkolonien Deutschlands brüten.

Nanu, was weidet da denn? Buschig-braunes Fell, lang geschwungene Hörner - Deichlämmer sind das bestimmt nicht. Es sind die schottischen Hochlandrinder der Familie Arends, die die robuste Rasse seit ein paar Jahren auf der Insel züchtet. Ein gutes Dutzend Rinder grast seelenruhig im Schatten des Deiches, mahlt sich langsam, aber gründlich durch die saftigen Halme.

Der intime Kontakt zu solcher Natur und der Reiz der Landschaft beeinflusst die Menschen ohne Zweifel. Die wenigen Radfahrer oder Spaziergänger, die sich auf Deichkronen oder Radwegen begegnen, grüßen einander freundlich und lächeln sich zwischen flauschigen Ohrwärmern und dicken Schals hindurch zufrieden an. Während das erste Durchatmen eher ein seelisches war, folgt nun das echte auf jedem Meter. Die Nordseeluft tut gut, das maritime Reizklima scheint den Organismus komplett neu zu justieren.

Am nächsten Morgen geht's an den Strand. Wir haben uns gestärkt mit Brötchen, Holunder-Apfel-Konfitüre und Sanddorngelee. Dazu Milchkaffee. Die Herrschaften vom Nebentisch hinter ihrem Ostfriesentee haben etwas abschätzig herüber geschaut, doch die Teestunde heben wir uns für den Nachmittag auf. Dick eingepackt in Anoraks und Wollmützen wandern wir auf der Seeseite Richtung Osten. Es ist Ebbe, die See hat sich weit zurückgezogen. An manchen Stellen ist der Strand ein paar hundert Meter breit. Der Wind bläst feine Sandkörner über das Watt. Wie gestern ist der Himmel eher grau, doch manchmal schickt die Sonne ein paar Strahlen hindurch. Dann schimmert der flirrende Sand beinahe etwas rötlich.

Wir wandern fast eine Stunde, das Meersalz auf den Lippen, nun ist niemand ist mehr vor uns oder hinter uns zu sehen. Die Einsamkeit wirkt beinahe unheimlich. Zehn Kilometer könnte man noch so weiter laufen, immer weiter, den Blick auf die offene See und den breiten Strand.

Als wir nach der Rückfahrt aufs Festland die Fähre verlassen und uns ins Auto setzen, nieselt es wieder. Die Inselatmosphäre ist noch bei uns, die Ruhe noch nicht verschwunden. Auch nicht, als der Wagen auf der A31 schon wieder Richtung Süden saust...

Info: Kurverwaltung Langeoog, Hauptstraße 28, 26465 Langeoog, 04972/69 30,

www.langeoog.de

 
 

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